Der kommende Sonntag eignet sich für ein Familienquiz. Nicht nur, um die Frage zu klären, ob die Uhr nun vor- oder zurückgestellt werden soll. Nein, auch weil Palmsonntag ist. Wer weiss, wieso dieser Tag dem berühmten Baum des Südens, dem Inbegriff der Ferien gewidmet ist?

Geht es nach Marc Fehlmann, könnte das Familienquiz arge Wissenslücken zutage fördern. Dem Direktor des Historischen Museums Basel ist aufgefallen, dass viele Jugendliche nicht einmal mehr wissen, ob sie getauft sind, geschweige denn, welcher Religionsgemeinschaft sie angehören.

Sein Zielpublikum zu kennen und ihm massgeschneiderte Angebote zu machen, gehört zum Job eines Museumsdirektors. Beim Historischen Museum in Basel ist dieser Auftrag gar nicht so einfach. Denn es ist eigentlich ein kunsthistorisches Museum. Das zeigt auch die gestern eröffnete neue Präsentation mittelalterlicher Werke in der Barfüsserkirche.

Das Museum öffnet sein Archiv und zeigt rund 50 Holzskulpturen aus einem Bestand von knapp 250. Darunter wirklich tolle Stücke, wie den lebensgrossen Christus auf dem Palmesel. Für aufmerksame Leserinnen und Leser: ein weiterer Baustein zum oben eröffneten Sonntagsquiz.

Basel, Stadt der Atheisten

Mit der neuen Dauerausstellung im Chor der ehemaligen Franziskanerkirche zeigen Direktor Fehlmann und sein Team, wie sie die Zukunft ihres Museums sehen. Die herausragenden künstlerischen Bestände sollen genutzt werden, um aktuelle Themen ans Publikum zu bringen. Fehlmann sieht da gerade beim Thema Christentum Handlungsbedarf.

Einerseits sei die Zeit der gut besuchten Sonntagsschulen vorbei. Andererseits ist Basel eine Einwandererstadt, in der 46 Prozent der Bevölkerung keiner Religion angehören. Die anderen Mitglieder von insgesamt 250 Glaubensgemeinschaften finden in 34 Kirchen, zwölf Moscheen und zwei Synagogen Platz. Laut Fehlmann bestehe durchaus Bedarf, die christliche Religion neu und in einfachen Worten zu erklären. Christentum für Dummies, also für Einsteiger sozusagen.

Auf Einkaufstour in den Alpen

Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert der aufblühenden Wissenschaft und somit das Jahrhundert, in welchem der Glaube ins Museum gestellt wurde. Dass Basel eine so bedeutende Sammlung an mittelalterlichen Altären und Skulpturen besitzt, ist dem Wettbewerb geschuldet. 1888 konnten sich die Schweizer Städte um den Sitz des Schweizer Landesmuseums bewerben. Eine gut bestückte Sammlung erhöhte die Chancen.

Also schwärmten die Historiker aus und gingen auf Einkaufstour, beispielsweise in Graubünden. Die neue Schau zeigt neben dem berühmten, monumentalen Marien-Altar aus dem Calancatal gleich zwei weitere Kunstwerke, die von meist verarmten Berggemeinden nach Basel verkauft worden sind. Die Bergregion sei damals ein wahres Eldorado für Kunstforscher und -jäger gewesen, erzählt Andreas Rüfenacht, der mit Sabine Söll-Tauchert die Ausstellung kuratiert hat.

Im Mittelland sei es zu dieser Zeit bereits undenkbar gewesen, solche kulturhistorischen Schätze zu entdecken. In Sachen Landesmuseum ging das Kalkül daneben und der Zuschlag bekannterweise nach Zürich. Die Sammlung blieb und mit ihr auch der Auftrag, sie der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Das Konzept geht auf

Vergoldete Kruzifixe, bemalte Heiligenfiguren, 600 Jahre alte Altäre: Ist damit das heutige Publikum abzuholen? Es ist den Ausstellungsmachern zu wünschen, denn ihre Schau funktioniert auf verschiedenen Ebenen. Auf der textlichen wird mutigerweise auf jeglichen Akademismus verzichtet.

In einfachen Worten werden die Basiselemente des Christentums erklärt: Der Ursprung im Judentum, wie aus dem Wanderprediger Christus ein Religionsstifter wurde, wer Maria war, wieso es für jede Lebenslage einen Heiligen gibt, was Taufe und letzter Segen sind.

Für gestandene Sonntagsschulabsolventen mag diese Basislektion eine Zumutung sein. Für jemanden, der das Christentum aber nicht kennt, beispielsweise asiatische Touristen oder Expats aus muslimischen Ländern, für sie ist der Crashkurs eine formidable Einführung, die auch in Englisch und Französisch gewährleistet ist. Für Kenner der Materie hält die Ausstellung einige fantastische Werke bereit und macht den Reichtum der sakralen Kunst erfahrbar.

Würden wir umgekehrt in den Ferien eine solch konzentrierte Schau über beispilesweise den Buddhismus besuchen können, wir wären ein dankbares Publikum. Ein Wermutstropfen ist der etwas gestelzte Titel der Ausstellung. «Christentum in 30 Minuten» wäre treffender als «Glaubenswelten des Mittelalters».

Richtig in der Gegenwart kommt die Schau in den animierten Videos zum Marien-Altar aus Santa Maria an. Dort werden dem Besucher in ein paar Minuten nicht nur die Herstellung und Geschichte des Altars, sondern auch die Vita der Gottesmutter Maria auf witzigste Weise erklärt.

Dass er gerne mehr Multimedia anwenden würde, daraus macht Direktor Fehlmann keinen Hehl. Dafür fehlen jedoch die Mittel. Die Neupräsentation in der Barfüsserkirche hat das Museum rund 470 000 Franken gekostet. Nur 20 000 davon kamen vom Baudepartement der Stadt, der Rest von privaten Geldgebern und Stiftungen. Das spricht Bände, illustriert das gute Fundraising des Museums und die penible Tatsache, dass für einen ansprechenden Katalog das Geld bisher fehlt.