Mit dem Band «Die Zeit der Gegenwart» (Verlag C. H. Beck, München 2015) schliesst der Historiker Heinrich August Winkler seine vierbändige «Geschichte des Westens» ab. Zwölf Jahre hat er an der Darstellung gearbeitet. Sie setzt in der Antike ein und schlägt ihren welthistorischen Bogen bis zu den heutigen Konflikten und Krisen.

Herr Professor Winkler, der vierte Band Ihrer «Geschichte des Westens» hat Sie zum «flüchtigsten aller zeitlichen Fluchtpunkte» geführt. Wie haben Sie sich der Herausforderung gestellt, ein Geschichtswerk über die Gegenwart zu schreiben?

Heinrich August Winkler: Anders als bei zurückliegenden Epochen hat der Historiker mit der jüngsten Zeitgeschichte insofern ein Problem, als viele Quellen noch nicht zur Verfügung stehen und Prozesse sich noch im Fluss befinden. So stehen unsere Urteile immer in der Gefahr, vorläufig, korrekturbedürftig und auch subjektiv zu sein. Aber dieses Risiko müssen wir eingehen, wenn wir uns nicht um unsere Aufgabe herumdrücken wollen, einen Beitrag zur Ortsbestimmung der Gegenwart zu leisten.

Über jenes Vierteljahrhundert – von 1991 bis 2014 –, dem Ihr Band gewidmet ist, haben Sie keine Erfolgsgeschichte zu erzählen. «Vom Triumph zur Tragödie», heisst es da etwa. War diese Periode besonders tragisch oder die Rückkehr zur Normalität nach dem Ende des Kalten Krieges?

Man kann die Zeit des Kalten Krieges als Ausnahmezeit begreifen. Zu keiner Zeit bildete der transatlantische Westen so sehr eine Einheit wie in jenen Jahren. Im November 1990 wurde die «Charta von Paris für ein neues Europa» verabschiedet, unterzeichnet von allen Teilnehmerstaaten der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, darunter auch der Sowjetunion. Als die Europäische Union 1999 Russland das Angebot einer umfassenden Zusammenarbeit auf der Grundlage der Demokratie und der Werte der «Charta von Paris» unterbreitete, erwiderte Putin, die Russische Föderation sei eine Weltmacht, die sich auf zwei Kontinente erstrecke. Sie verfolge ihre souveränen Interessen. Von Demokratie sagte er kein Wort.

Das heisst, Putins Machtstreben verbietet es, von Normalität zu sprechen …

Putin bezeichnete bereits in seiner ersten Amtszeit den Untergang der Sowjetunion als die grösste geostrategische Katastrophe des 20. Jahrhunderts. Und er führte mit ungeheurer Brutalität einen Kolonialkrieg, den Krieg gegen die tschetschenischen Separatisten. Russland entwickelte sich unter ihm in eine Richtung, die eindeutig wegführt vom Westen und den Werten, die es zuvor selbst mit unterschrieben hat. Wenn man das Normalisierung nennen will, bitteschön.

Wo sehen Sie die Ursache, dass Russland den unter Gorbatschow begonnenen Weg der Demokratisierung verlassen hat?

Der völkische Nationalismus, den Putin propagiert, ist eine Kompensationsideologie. Russland muss sich wirtschaftlich modernisieren. Der Westen sollte ihm dabei helfen. Aber dazu ist die russische Bereitschaft zur Zusammenarbeit und zur Achtung des Völkerrechts notwendig. Davon ist im Augenblick nichts zu erkennen. Im Gegenteil, wir erleben eine verschärfte russische Aggression auf dem Territorium der Ukraine.

Die ukrainische Schriftstellerin Oksana Sabuschko ist überzeugt, dass Putin nicht nur die halbe Ukraine mit einem Korridor von Odessa in die Republik Moldawien wolle, sondern auch der Kaukasus und das Baltikum in Gefahr seien …

Putin denkt in den Kategorien einer Grossmacht und von Einflusssphären. Seine Eurasische Union ist dem Zarenreich respektive der Sowjetunion nachgebildet. Man kann darüber spekulieren, ob er sich im Zweifelsfall mit der Annexion der Krim und einem Sonderstatus des Donezbeckens begnügen wird. Möglich ist auch, dass es ihm um mehr geht, nämlich um eine Landbrücke bis nach Transnistrien, vielleicht sogar «Noworossija».

Wird der Konflikt sich verschärfen?

Soweit es um die Ukraine geht, ist der Ausgang noch offen. Ich fürchte, dass vieles für Putins Versuch spricht, zumindest eine Landbrücke bis zur Krim zu schlagen. Das wäre ein neuer aggressiver Akt, den der Westen nicht unbeantwortet lassen kann. Was die baltischen Staaten betrifft, habe ich bisher immer argumentiert, dass Putin ein Politiker sei, der die Risiken seiner Entscheidungen einigermassen realistisch einschätze. Doch muss ihm mit letzter Klarheit deutlich gemacht werden, dass jeder Angriff auf ein Mitgliedsland des Atlantischen Bündnisses den Bündnisfall nach Artikel fünf des Nato-Vertrages auslöst.

Aber wie steht es um dieses transatlantische Bündnis? Sie zitieren aus einer Rede Barack Obamas 2014, in der er sich gegen den Eindruck wendet, die USA hätten sich von der Vorstellung einer «global leadership» verabschiedet …

Obama hat sich zunächst mit vollem Bedacht abgesetzt von der unverantwortlichen unilateralen Politik seines Vorgängers. Inzwischen aber hat er erkannt, dass Amerika auch im Nahen und Mittleren Osten eine Verantwortung trägt, die ihm niemand abnehmen kann. Das mag man eine Teilrückkehr zur Rolle des Weltpolizisten nennen. Aber wenn Amerika sich nicht an den Versuchen beteiligt, den islamistischen Terror der Organisation «Islamischer Staat» einzudämmen, können die Europäer auf diesem Gebiet auch nicht viel ausrichten. Also geht es über alles Trennende hinweg immer wieder um transatlantische Kooperationen.

Sie verstehen den Begriff «Westen» nicht geografisch. Was beinhaltet er für Sie?

Ich gehe aus von der Frage, was die Besonderheit des Westens ausmacht. Das nenne ich das «normative Projekt des Westens». Es wurde ausformuliert in den frühen Menschenrechtserklärungen.

Solange die Menschenrechte nicht weltweit gelten, bleibe das «normative Projekt des Westens» unvollendet, schreiben Sie. Ist das eine Aufforderung an den Westen, die Einhaltung der Menschenrechte weltweit durchzusetzen?

Die Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte 1948 war ein Stück Globalisierung der Menschenrechte – auf dem Papier. De facto werden sie durchaus nicht weltweit beachtet. Aber überall in der Welt sind Menschen in der Lage, sich auf dieses Dokument zu berufen. Das taten zum Beispiel im Jahre 2008 jene über 5000 chinesischen Intellektuellen und Künstler, die die «Charta 08» verabschiedeten. Selbst in der arabischen Welt wurden solche Stimmen laut. Islamisch geprägte Gesellschaften können durchaus ein Verständnis von Menschenrechten hervorbringen, das zu ähnlichen Folgerungen führt wie in westlichen Gesellschaften. Sicher hängt vieles davon ab, dass sich im Islam eine Richtung durchsetzt, die Menschenrechte nicht nur nach Massgabe der Scharia gelten lässt.

Tatsächlich wird die Frage, ob der Islam eine Bedrohung für den Westen darstellt, gegenwärtig sehr emotional diskutiert. Wie bewerten Sie mit Blick auf Europa diese Frage?

Erfreulicherweise sind die Muslime, die in Europa leben, mehrheitlich durchaus bereit, die grossen Errungenschaften der politischen Kultur des Westens anzuerkennen, die Freiheit des Glaubens, der Meinung und der Presse zu akzeptieren, auch die Gleichheit von Mann und Frau. Deswegen warne ich vor demagogischen Formeln. Europa ist vom islamistischen Terror bedroht, nicht vom Islam als solchem.

Sie nennen 2014 ein «Krisenjahr». Blicken Sie pessimistisch in die Zukunft?

Realistischerweise müssen wir uns von der Hoffnung trennen, zumindest in dem Raum zwischen Vancouver und Wladiwostok werde sich so etwas wie eine trikontinentale Friedenszone auf demokratischer Grundlage entwickeln. Ja, wir leben in einer Zeit der Unsicherheit. Das gilt auch mit Blick auf den unkalkulierbaren wie omnipräsenten islamistischen Terrorismus, und es gilt ebenso im Hinblick auf chinesische Grossmachtallüren, etwa im Ost- und Südchinesischen Meer. Auch da können sich Krisen herausbilden, die für den Weltfrieden bedrohlich sind.