Haiti

Himmel und Hölle auf einen Blick: Ein Land, verrückter als der Rest

Wovon die Leute ergriffen werden, oder glauben, ergriffen zu sein, versteht man nicht: Hier sei Maria erschienen – oder Erzulie, ihre karibische Schwester.

Wovon die Leute ergriffen werden, oder glauben, ergriffen zu sein, versteht man nicht: Hier sei Maria erschienen – oder Erzulie, ihre karibische Schwester.

Die neue Ausstellung in der Fotostiftung Winterthur und ein neues Buch des renommierten Fotografen Thomas Kern.

«Wasserfall, Ville-Bonheur, 2008» – mehr steht nicht unter dem Bild. Ein Wimmelbild, als hätte Pieter Bruegel fotografiert statt gemalt. Aber welches Bruegel-Thema wäre hier aufgegriffen und karibisch variiert? Sein «Kampf zwischen Karneval und Fasten»? «Die Kinderspiele» oder «Der Triumph des Todes»?

Beides ist drin: Die Lust am Bad wie im Garten Eden. Und der Sturz der Hinfälligen, Wirren am Jüngsten Tag. Etwas ganz Eigenes aber steckt dazu im Foto-Tableau hier: Von fern betrachtet, zeigt es existenziell das Menschengewühl zwischen oben und unten. Von nah betrachtet, erzählt jede Figur, jedes Gesicht von sich.

Das Foto hat Thomas Kern (51) in Haiti gemacht. Bei dem Wasserfall, wo der Legende nach einigen Gläubigen die Jungfrau Maria erschienen war. Oder ihre Schwester im Voodoo: Erzulie, die im Wasser lebt und Krankheiten heilt.

Ihretwegen steigert sich Freude am Bad schlagartig auch zu Trance und Zusammenbruch. So wie eine politische Manifestation in Port-au-Prince plötzlich wie religiösen Rausch wirken kann, Fanatismus wie Ekstase oder umgekehrt, das Gerangel von Studenten um einen Platz im Sammeltaxi wie eine gewalttätige Demonstration. Am Tor zur Cité-Soleil am Hafen sind die Buchstaben herabgefallen, verstümmelt zu «Sol» und «e», zu ewiger Tristesse, während das «Paradis» elegant und sauber erscheint, mit geparktem Luxusschlitten davor, ein Leichenwagen freilich, weil hier das Totenreich beginnt.

Mal ruht der weissbärtige Opa im besten Anzug im pompösen Sarg. Mal liegt ein Verstorbener verkrümmt auf blossem Zement, in Plastik verpackt. Gaffer stehen mit indifferentem Ernst um einen Toten im Staub, der aussieht wie erschlagen oder verbrannt, was an die Lynchmorde erinnert, von denen man regelmässig hört, von denen gar Videos im Netz zirkulieren. Ein Bauarbeiter steht in Trümmern, die noch immer vom verheerenden Erdbeben herrühren 2010; auf die Spitze eines Armierungseisens hat er einen Totenschädel gepflanzt. Zwei Engel knien in einer Ecke neben einer geborstenen Glocke und einem Plastikvorhang, als flehten sie um ein Stück Brot; auf dem Vorhang steht das Logo von USAID.

Sind das allesamt Bilder aus einem Haiti des Klischees? Fotos vom karibischen «Herz der Finsternis», das uns verstört, ratlos macht, das uns schauerlich Licht und Schatten durchs verängstigte Gemüt jagt? Eben gerade nicht. Hier lohnt sich längeres Betrachten. Wegen zweierlei: Zum einen entdeckt man Leben, ohne gleich eine Erklärung dafür parat zu haben oder mitgeliefert zu bekommen; aber es ist zweifelsfrei Leben.

Zum zweiten ist der Tod der guten alten Fotoreportage in Magazinen und Zeitungen heute die Chance zur Umwandlung von Reportagefotografie in Kunst. «Eigentlich», sagte gestern Thomas Kern während eines Rundgangs durch seine neue Ausstellung in der Fotostiftung Winterthur, «eigentlich sind nur noch Bücher und Museen relevant, um solche Sachen zu zeigen.» Als Reportagen gedruckt gibt es dafür weder Platz noch Geld.

Und das hat sein Gutes: An der Reportagefotografie kann man das Reportage-Element zurücknehmen, jene auf Anhieb augenfällige, oft auch nur platte Dokumentation des aussergewöhnlichen Ereignisses (Naturkatastrophe, Putsch, Revolution). Und nur das suchen, erspähen, abbilden, was vom Ereignis «mit der Zeit nach unten sickert wie Sand» (Thomas Kern). Statt Sensation sucht man Verdichtung. Und Verdichtung ist, wie bei aller bedeutenden Kunst, Raum öffnen dank Genauigkeit. Keine Erklärung via Bild. Keine Leitplanken, an denen «entlang fotografiert» wird, und seien es auch nur «thematische Blöcke». Ganz zu schweigen von fotografierter Ideologie oder Gesinnung.

Genau das hat Kern hier getan, der namhafte ehemalige Fotoreporter, Mitbegründer der Agentur «Lookat». Kern war in Konfliktregionen wie Nordirland oder Ex-Jugoslawien. Aber als das Erdbeben in Haiti ausbrach, ging er erst einige Monate später wieder hin. Ausgerüstet mit einer Rolleiflex ohne Wechselobjektive, mit analogem SchwarzWeiss-Film. Augenscheinlich und technisch wie einst. Doch hinter den Augen jetzt völlig anders.

Deshalb hat man bei Kerns Bildern zunächst das Gefühl: Es ist klassisch, darum ist es gut. Beim Nähertreten indes merkt man, dass jedes Bild zwar auf klassischem Stil beruht, doch kein Klischee bedient oder sich selber davon nährt, und sei es auch nur mit einem Hauch. Weil jedes Bild ebenso genau wie offen ist. Lediglich in zwei drei Fotos erschöpft sich die Geschichte oder der Gehalt des Bildes rasch. Da hat Kern wohl hingesehen, aber nicht, wie bei allen anderen, hineingesehen.

Natürlich ist das Realismus. Aber ein Realismus nur auf ersten Blick. Auf den zweiten vielleicht «magischer Realismus» (der Begriff übrigens entstand in Haiti). «Öfter surreal als real», wie Kern sagt. Im Grunde ist es das Höchste, das Realität zu bieten hat: Seele und Genauigkeit.

Bleibt die Frage: Wozu Haiti? Inwieweit wäre das ein Land in Bezug auch auf die eigene Geografie? Thomas Kern ist eher überstürzt erstmals nach Haiti gegangen, 1997, wegen eines eiligen Auftrags. Seit zwanzig Jahren kehrt er dahin immer wieder zurück. Was wurde ihm eingeflösst?

Voodoo auch das? Anfangs auf dem Rundgang beschreibt Kern uns Land und Aufenthalt wie eine Marter: «Es ist dauernd heiss. Überall hat es so viele Leute. Oft gerät man zu nah, einfach wegen des Trubels. Hält man die Kamera hoch und drückt mal ab, ist immer jemand drauf.»

Dem folgen Versuche mit typisch europäischer Abstrahierung: Das Leben in Haiti, dem ärmsten Land der westlichen Hemisphäre, sei «irrational», die Gesellschaft «sehr beweglich, chaotisch, weit weg vom Erklärbaren». Für einen Fotografen freilich habe «die Unordnung etwas Befreiendes». Inwiefern? Das Leben quillt durch archaische Formen – Freude, Streit, Liebe, Trauer – , sprengt selbst diese Formen und tritt in einer kruden Weise auf, die es so in Oberwinterthur, Wettingen und Kleinbasel schlicht nicht gibt. Thomas Kern zuckt mit den Schultern und lacht: «Sorry, gibts hier einfach nicht.»

Auch 2016 gibt es freilich, um wieder mal Hamlet anzurufen, «mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als unsere Schulweisheit sich träumen lässt». Für all das Mehr «zwischen Himmel und Erde» ist Haiti wohl das richtige Land, verrückter als der Rest. Viele wollen sich nicht drauf einlassen. Von zehn, die sich einlassen, schaffen es am Ende sieben nicht. Thomas Kern hat sich eingelassen – und wie!

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