Schimmi ist natürlich ein Affe. Das dämmert einem schon ziemlich am Anfang der Lektüre, ganz zum Schluss ist es dann völlig klar. Er zieht sich das Affenkostüm über, um vielleicht so bei seiner angebeteten Ninni mit den schwarzen Zähnen landen zu können. Schliesslich hat sie Ja gesagt: «Schimmi, verschwinde. Bevor du dich zum Affen machst.» Das nimmt er wörtlich. Schimmi, der grössenwahnsinnige und zurückgebliebene Held in Teresa Präauers Roman, kann nicht anders.

«Ich war am Anfang von dieser Phrase so begeistert: ‹Sich zum Affen machen› oder auch ‹dem Affen Zucker geben› und ‹jemanden nachäffen›», hat die österreichische Autorin kürzlich in einem Interview auf Radio SRW 2 gesagt. Die Figur von Schimmi sei wirklich aus diesen Phrasen entstanden.

Tatsächlich dreht sich im Roman viel um den Affen. Schimmi, «getauft englisch: Jimmy, genannt deutsch: Schimmi», lebt mit seiner Mutter im obersten Stockwerk eines Apartmenthauses. Er verbringt seine Tage gelangweilt vor dem Fernseher, spioniert andere Wohnungen mit dem Fernrohr aus und lutscht exzessiv «wie ein Monchhichi» an seinem Daumen.

Schimmi sehnt sich nach Süssem und Sex. Nach Maguro, einem der «Asia Girls» vom Nagelstudio. Und vor allem nach Ninni, der er vor ebendiesem Nagelstudio verfallen ist, «ich hab sie gut sehen können, ausgeleuchtet vom Neonlicht, wie eine badende Königin». Da er die Nummer von Ninni nicht kennt, ruft er halt «Zindi» auf der Hotline an, aber das hat seine Mutter nicht gerne. Die kontrolliert ihn sowieso. «Sie duldet keine Anrufe bei anderen Mädchen. Sie erlaubt keinen Ausgang.» Und sie verweigert ihm den Zucker und besteht stattdessen darauf, dass er «Fitamine» isst. Als er wieder einmal alleine zu Hause sitzt, plündert er sämtliche Zuckervorräte. «‹Gib dem Affen Zucker›, johle ich, ‹gib dem Affen Zucker!› Da! Grüne Frösche springen mir ins nasse Maul, blaue Delfine, rote Himbeeren, in weissen Zucker getunkt, weiss-blau-rosarote Pilze, schwarze Lakritz.» Das kann nicht gut kommen. Schimmi überbordet. So wie dieses Buch immer wieder überbordet. Das hingegen kommt sehr gut. Denn dieser Monolog eines übermütigen und schamlosen Taugenichts reisst mit. Betört, verblüfft, amüsiert und bezaubert. Das liegt auch an der grossmauligen und schludrigen Sprache, die Schimmis Mackergehabe so richtig auf den Punkt bringt. Er hat eine Vorliebe für selbst erfundene vornehm klingende Wörter wie «paradoxicalomatisch». Und er rappt: «Hier kommt der Hotteste unter den Hotten, der Fresheste unter den Freshen, der Obermakake, der affengeile ...» Dabei schwingen Tragik und Gewalt durchaus mit: Der Unfall in Schimmis Kindheit, der erst zu seiner Zurückgebliebenheit führte, das Asia Girl Maguro, das – wie die Lesenden beiläufig erfahren – schon die längste Zeit gefesselt unter Schimmis Bett liegt. Doch das alles ist so schrill und schillernd erzählt, dass es nicht mehr beängstigend ist.

«Ich glaube, dass das, was an Gewalt in dem Buch stattfindet, auch sehr stark Comic-hafte Elemente hat, so eine Tom-und-Jerry-Gewalt», sagte dazu Teresa Präauer auf SWR 2. Sie habe die Vorstellung, dass Schimmi in einer exotischen Wirklichkeit lebe, «wie sie manchmal auf Badehosen abgebildet wird».

Comic-Strips auf Badehosen. Ja, so kann man sich diesen Schimmi durchaus vorstellen. Und glücklicherweise stehen Comichelden ja auch nach dem hundertsten Hammerschlag auf den Kopf wieder auf.

Teresa Präauer «Oh Schimmi», Wallstein, 204 Seiten. Morgen liest die Autorin an den Brugger Literaturtagen.