Kunst

Helmut Federle: Der ruhelose Sonderling

Lässt sich nicht in eine Schublade stecken: Helmut Federle.

Lässt sich nicht in eine Schublade stecken: Helmut Federle.

Der Künstler Helmut Federle lässt sich nicht einordnen – seine Bilder ebenso wenig.

«Nein, dazu will ich nichts sagen. Ich mache doch nicht ihre Hausaufgaben», antwortet Helmut Federle aufgebracht und kopfschüttelnd auf die Frage eines Journalisten. Dieser wollte wissen, ob er denn etwas über sein Werk «Asian Sign» erzählen möchte. «Lesen Sie den Titel, der sagt alles!»

Der Künstler Helmut Federle hat seine zornigen Seiten. Geplänkel mag er überhaupt nicht. Normalerweise meidet er solche Anlässe, der Rummel um seine Person wird ihm schnell zu viel. So auch an dieser Medienkonferenz. «Ich sehe mich als Aussenseiter, liebe die Anonymität», sagt er. Der 74-jährige Künstler ist ein herausfordernder Gesprächspartner, der sein Vertrauen nicht leicht verschenkt. Immer wieder schweift sein Blick ab. Bei jeder Frage muss man damit rechnen, dass er einem entgleitet. Doch wenn da und dort ein Lächeln über sein Gesicht huscht, hängt man dem Mann mit den weissen Haaren, dem zotteligen langen Bart und der leicht heiseren Stimme an den Lippen. So auch im Kunstmuseum Basel, als Federle umgeben von sechs seiner grossformatigen Malereien, die momentan in einer Einzelausstellung gezeigt werden, über das gleiche Werk spricht, zu dem der – nun etwas geknickte – Journalist die falsche Frage gestellt hatte.

Sorgte für Aufsehen: Helmut Federles «Asian Sign». Martin P. Bühler

Sorgte für Aufsehen: Helmut Federles «Asian Sign». Martin P. Bühler

1982 kaufte das Basler Kunstmuseum «Asian Sign» (1980) für seine Sammlung auf und setzte bei der Erstpräsentation heftige Diskussionen in Gang. Die abstrakte Komposition der grossformatigen Malerei basiert auf der Form einer Swastika, die von den Nationalsozialisten angeeignet und zum Hakenkreuz umfunktioniert wurde – deshalb auch die heftigen Reaktionen. Doch diese politische Komponente interessierte den Künstler überhaupt nicht, ebenso wenig der Aufschrei, der durch das Werk ausgelöst wurde. Federle will sich nicht gesellschaftlich ein- oder unterordnen, ebenso wenig sollen das seine Bilder tun.

«Ich bin sehr glücklich über dieses Bild, weil es das Schlüsselwerk in meiner Arbeit ist», sagt er. Es sei grossartig, dass es in Basel hänge, da er in den 60er-Jahren durch das Basler Kunstmuseum «visuell sozialisiert» wurde. Nie sei er zuvor in einem Museum gewesen. «Ich habe einen einfachen Familienhintergrund, wo Kultur etwas anderes war als das Museum.»

Der Identitätssuchende

Helmut Federle kommt am 31. Oktober 1944 in Solothurn zur Welt. Seine Kindheit und Jugend verbringt er in St. Margrethen, einem kleinen Dorf im Kanton St. Gallen, direkt an der österreichischen Grenze. Hier wächst er in einem ehemaligen Flüchtlingslager auf. Zu seinen Wurzeln hat der heute 74-Jährige überhaupt keinen Bezug mehr, wie er sagt.

Obwohl er seine Kindheit und die Beziehung zu den Eltern als schön bezeichnet: Mit 15 Jahren bricht er die angefangene Lehre als Flugzeugmechaniker ab, reisst von zu Hause aus und fährt per Autostopp nach Paris. Das Fremde der grossen Weltstadt habe ihn gereizt. Die Schweiz, das kleine Dorf in der Ostschweiz, haben ihm für die persönliche Entfaltung und seine Sehnsüchte nie ganz gereicht. Auch Schweizerdeutsch zu sprechen scheint ihm eher unangenehm zu sein. Während des Gesprächs wechselt er immer wieder ins Hochdeutsche. «Der folkloristische Aspekt, der dem Schweizerdeutschen anhaftet, dient mir schlecht», sagte er einst in einem Gespräch mit dem Architekten Jacques Herzog.

Die 60er-Jahre markieren eine schwierige Zeit für Federle, bis zu dem Zeitpunkt, als er sich endlich durchgerungen hat, sich an einer Kunstgewerbeschule anzumelden. Damals sei es nicht so einfach wie heute gewesen. Künstler galten als Aussenseiter. Das habe ihn geprägt. «Wenn Sie mit 15 von zu Hause weggehen, haben Sie zwei Möglichkeiten: Sie werden Künstler oder kriminell – sicher nicht Bankangestellter.» Kriminell wurde er nicht. Doch er stand im Konflikt mit dem System, was wurde er denn? «Aussenseiter, Sonderling bezeichnet es wunderbar.»

1964 schreibt sich Federle an der Allgemeinen Gewerbeschule in Basel ein, wo er unter anderem in der Klasse des abstrakten Malers Franz Fedier studiert. Im Kunstmuseum Basel kommt er zum ersten Mal in Berührung mit den bedeutendsten Malern des abstrakten Expressionismus. Die Arbeiten von Barnett Newman, Mark Rothko oder Clyfford Still faszinieren ihn und prägen von da an seine künstlerische Arbeit.

Der Zigeuner

Immer wieder zieht es den jungen Maler in die Welt hinaus. Mit 23 Jahren unterbricht Federle sein Studium und reist nach Tunis, wo er nicht nur zum ersten Mal seine Werke ausstellt, sondern nebenbei in einem Nachtclub als Sänger auftritt. Denn auch dem Rock ’n’ Roll ist der junge Mann zugetan. «Heute höre ich diese Musik nicht mehr, sondern klassische Musik und Jazz.» Er sei älter geworden und einsichtiger.

Es folgen Reisen nach Indien, Nepal und Afghanistan. Woher dieser Drang? «Ich bin ein Zigeuner», sagt er. Fremde Kulturen hätten ihn immer gereizt. Der asiatischen und islamischen Kultur sei er einfach mehr zugetan. Seine Reisen waren ebenso für seine Bildvorstellung und Kompositionsidee prägend, die oftmals durch die fernöstliche Ornamentik, Kalligrafie oder Dekoration inspiriert wurde. Ebenso wurde Federle durch seine Reisen zu einem leidenschaftlichen Sammler. «Ich habe gerne Dinge um mich herum, mit denen ich in einer Beziehung stehe.»

Mit 35 Jahren zieht es den Künstler für vier Jahre (mit Unterbrechungen) nach New York, wo er, inspiriert durch die amerikanischen Maler der 50er-Jahre, seine eigene abstrakte Formensprache entwickeln kann. Hier malt er seine ersten monumentalen Formate, unter anderem auch «Asian Sign».

Der Neugierige

Nach kurzen Zwischenstopps in Genf und Zürich lässt sich Federle 1984 in Wien nieder, wo er seither lebt und arbeitet. Wobei niederlassen das falsche Wort für einen Menschen wie ihn wäre. Auch heute noch zieht es den Künstler in die Ferne. Er bleibt neugierig, ruhelos. «Ich muss einfach gehen», sagt er. Aber etwas hat sich geändert. Er müsse jetzt nichts mehr suchen.

Und während Federle über seine Wurzeln, seine Identitätssuche spricht, über den Drang, die Schweiz zu verlassen, fällt der Blick auf den goldenen Kuh-Ohrring, den der Künstler an seinem rechten Ohr trägt. Dieser ist trotz allem doch recht schweizerisch. Auch das passt zu Federle. Denn in eine Schublade stecken lässt er sich nicht.

Ausstellung Helmut Federle.

Bis 15. September, Kunstmuseum Basel, Neubau.

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