Helene Hegemann
Helene Hegemann: Wunderkind in Erklärungsnöten

Helene Hegemann (18) hat zum ersten Mal in der Schweiz über ihren Roman «Axolotl Roadkill» und über den Plagiatsvorwurf gesprochen. Vor dem Theater Neumarkt standen die Leute Schlange, um die umstrittene Jungautorin zu hören.

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Helene Hegemann

Helene Hegemann

Aargauer Zeitung

Babina Cathomen

Der umstrittene Star des Abends, Helene Hegemann, füllt das Theater am Neumarkt trotz Lesung-Beginn um 22 Uhr am Samstagabend bis auf den letzten Platz. Junge und auffallend viele ältere Zuschauer strömen in den Saal, darunter wohl Eltern, die sich einen Einblick in die Gefühlswelt ihrer pubertierenden Sprösslinge erhoffen. Gekommen sind die meisten aber aus Neugier am «Phänomen Hegemann» und weniger aus Interesse an ihrem Debütroman «Axolotl Roadkill». Wie wird sich das zuerst hochgejubelte und dann wegen Plagiatsvorwürfen niedergemachte, inzwischen 18-jährige Jungtalent präsentieren?

Lesen lässt sie schon einmal eine andere: «Ich hatte Angst, technisch zu versagen. Ich kann nicht vorlesen», erklärt sie später gegenüber Gesprächsleiter Stefan Zweifel. Darum nimmt ihr Schauspielerin Birgit Minichmayr die verhasste Aufgabe ab. Sie liest in etwas zu flottem Tempo Textauszüge aus «Axolotl Roadkill», der Geschichte der 16-jährigen Ich-Erzählerin Mifti, die sich in Berlin durch Drogen, Sex und Partys schlägt. Geschrieben in rhythmischen, harten, manchmal unverständlichen Sätzen, das Ganze im tabulosen, «abgefuckten» Ton der Jugend.

Dann, nach zwei Hegemann-Werbe-Trailern endlich: der Auftritt des «Wunderkindes». Bleich und ganz in Schwarz, das blonde Haar hängt ins Gesicht, alles wie erwartet. Unglücklich gewählt ist die Gesprächskonstellation mit Moderator Stefan Zweifel: 42-jähriger hochgeistiger Literaturkritiker trifft auf 18-jährige Jungautorin, die sich mit «Fuck»-Wörtern durch ihre Selbstfindungsphase schreibt. Das kann nicht funktionieren und tut es auch nicht. Hegemann stellt bald einmal fest, dass sie nächstens auf den Teppich kotze. Ob das an der Magen-Darm-Grippe liegt, die sie momentan plage, oder vielleicht doch an den Fragen von Stefan Zweifel, bleibt offen.

Es geht von Rimbaud über eine Abhandlung zum Traum: Hegemann fühlt sich den Fragen des Literaturkritikers offensichtlich nicht gewachsen. «Ich weiss es nicht. Worauf wollen Sie hinaus?», fragt sie ein paarmal, nachdem sie verlegen gelächelt und mit den Schultern gezuckt hat. Zweifel findet keinen Zugang zur Welt der 18-Jährigen und stellt schliesslich fest, dass er sich bei einem Gespräch noch nie so schlecht gefühlt habe - «eine unangenehme Situation!». «Mir gehts genauso», bestätigt Hegemann.

Auch zum Plagiatsvorwurf, welcher nach der ersten Euphorie die Feuilletons beherrscht, äussert sich Hegemann nur verhalten. Sie verspüre eine grosse Traurigkeit wegen dieser Sache, meint sie. «Ich will mich nicht dafür einsetzen, dass sich jeder überall bedienen kann.» Im gleichen Atemzug, und von Stefan Zweifel mit einem unvermeidlichen Rimbaud-Zitat unterstützt, hält sie aber fest, dass sie sich dem Austausch mit anderer Literatur nicht entziehen könne. «Ich bediene mich überall, wo ich Inspiration finde und beflügelt werde», lässt sie einen Protagonisten in ihrem Roman sagen. Getreu diesem Motto und der Literaturdefinition einer nun nicht mehr ganz so unbefangenen Autorin, die von den Nullerjahren geprägt ist, fühlt sie sich denn auch als Medienopfer und ganz einfach «total überfordert», wie sie sagt.

Auf der Suche nach dem Verständnis für eine neue Form von Autorschaft verliert sich Zweifel in intellektuellen Literaturschemata, die auf Hegemanns Werk nicht passen wollen. Die Schriftstellerin selbst gibt widersprüchliche Antworten, die die schnellen Wechselgefühle einer 18-Jährigen widerspiegeln: Prosa zu schreiben, langweile sie zu Tode, es sei eine grosse Qual gewesen, sagt sie in einem Satz, um in einem anderen zu sagen, sie habe jeweils geschrieben, wenn es ihr gut gegangen sei, beispielsweise nach dem Shoppen.

Die Sympathie des Publikums hat sie dennoch auf ihrer Seite. Trotz Plagiatsvorwürfen, trotz Unsicherheiten. Die Zuschauer mögen die 18-Jährige und kaufen ihr Buch, das momentan auf Platz 8 (Vorwoche: 5) der Schweizer Bestsellerliste liegt. Nur das «Phänomen Hegemann» bleibt am Ende des Abends ungeklärt. Ebenso das Potenzial der Jungautorin und ob der «literarische Kugelblitz», wie «Die Zeit» Hegemanns Roman in der Anfangseuphorie nannte, schon bald wieder verglüht oder ob er sich behaupten kann.

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