30 Tage lang ist nichts passiert, und dann all das in wenigen Stunden. Hagelstürme im Jura! 66 Millimeter Regen in Marsens! Orkanartige Winde mit 120- km/h-Spitzen in Glarus! Und Zürich jubelt um 18 Uhr: «Es blitzt, donnert und sträzt!» Und am Bodensee bei den 70. Bregenzer Festspielen, wo ab 21.15 Uhr 7000 Menschen Freiluftoper schauen wollen, das Operngrossereignis für TV und DVD aufgezeichnet werden soll? Da lupft beim Apéro ein Windstösschen das Papierserviettchen vom Kaffeetisch, als wir gerade in der Festspielzeitung lesen: «Das Bühnenbild muss selbst extreme Wettersituationen wie Sturm und Schlagwetter aushalten. Ausgerichtet ist die Konstruktion auf Windgeschwindigkeiten für Personen bis 80 Stundenkilometer, bei höheren Windstärken muss die Bühne verlassen werden, sie hält aber bis zu 125 Stundenkilometer stand.» Und wenns nun bald stärker bläst als im nahen Glarus, lupfts dann den ganzen Zauber hinüber nach Lindau oder versinkt er in die Tiefen des Bodensees? Immerhin gut zu wissen: «115 Tonnen Beton und Stahlklötze geben dem Riesenbau die notwendige Stabilität». Dunkle ferne Wolken, nähert euch, der Opernfan kennt keinen Schmerz, er hält auf seinem Klappsitz auch 90-km/h-Böen aus!

Um 18.30 die ersten Tropfen. Doch darauf folgt bis 21 Uhr eine furchterregend bedeutungsschwangere Windstille, die sich Prinzen und andere Helden vor der Hinrichtung wünschen. Wen wunderts, dass die Bregenzer Festspiele, dieser Opernsupermarkt, auch daraus ein Geschäft machen: Regenschutz, Kissen (Ihr Klappsitz ist nass!) und Decken – greifen Sie zu, alles billig heute! Besser verkauft sich vor «Turandot» nur noch Brezn und Bier. Der Auflauf auf dem Festspielgelände ist ein Spektakel. Doch wie werden all die süssen Sommerkleidchen aussehen, wenn der nahe Sturm über die Bühne fegt?

«Emergency Poncho» auf Mann

Die Lage ist ernst, und doch sinnieren wir beim ersten Tropfen um 21.05, ob der österreichische Bundespräsident denselben billigen Raschel-Sack alias «Emergency Poncho» mit dabei hat und auch nicht merkt, dass er sich anstatt der Kapuze den Ärmel über den Kopf zieht? Oder gilt für seinen Tross das Regenschirm-Verbot nicht?

Im Westen glüht durch einen Wolkenspalt die Sonne blutrot. Ein Zeichen? Egal, die kleine Quasselstrippe vor uns ruft: «Da steht ein Mann!» Und tatsächlich: Auf dem Riesenrund steht Giacomo Puccini höchstpersönlich, setzt sich ans Klavier, hört ab Grammophon eine alte Puccini-Weise … und dann knallts. «Turandot» braust los – dieser Opernorkan, in dem aus der Prinzessin aus Stahl eine liebende Frau wird. Ihren Bewerbern stellt sie jeweils Rätsel, finden sie die Lösung nicht, sind sie einen Kopf kürzer. Es braucht schon einen Tenor vom Format des Calaf, bis sich die Dinge zum Guten wenden.

Aus seinem Komponier-Weltchen steigt denn Puccini hinein in die chinesische Märchenwelt – und wird dort zum Prinz Calaf. Das Geschehen nimmt seinen wohlbekannten Lauf. All die viel zitierten Bühnenrekorde – die 72 Meter breite und 335 Tonnen schwere Mauer, die 205 Wasser- und Luft-Terrakottakrieger, der 27 Meter hohe rote Pavillon – sind Beigemüse ohne Wirkung auf die Handlung. Der Schweizer Regisseur und Bühnenbildner Marco Arturo Marelli vertraut dem optischen Beiwerk, merkt nicht, wie starr das Spektakel daniederliegt. Das Gruselkabinett von Ping, Pang und Pong, wo die Köpfe der rätselfreudigen Prinzen in Formalin archiviert werden, ist ein Versuch, im Detail zu arbeiten. Turm und Schiffchen bleiben Versatzstücke, Bregenz-Klischees. Immerhin: Da wird alsbald getanzt, Feuer- und Drachenzauberei geboten, dass es eine Freude ist. Aber die so fernen Hauptfiguren Calaf und Turandot, diese zwei Wesen ausserhalb dieser Welt, kommen uns nicht näher.

Die kleine Quasselstrippe schläft nach einer Stunde an der Schulter von Mama, die berühmte Bregenz Open Acoustics kann ihn nicht mehr wecken. Dieses «Richtungshören», das ein Hohes C von dort erklingen lässt, wo es tatsächlich eines Tenorrachens entsteigt, sorgt zwar für einen satten Klang, aber Feinheiten verschwinden in diesem Kraftsoundpaket. Für die Techniker war es aber gewiss eine Freude, die drei famosen Protagonisten und all die ausgezeichnet besetzten Nebenrollen zu verstärken.

Mlada Khudoley ist eine Turandot wie aus dem Bilderbuch: streng, hart und gross ihr Organ – und dann eben doch zu zarten Tönen fähig. Übertrumpft wird sie von Prachtkerl Riccardo Massi, der mit seinem Nektar-Timbre und enormen Kraftreserven durch die dunklen Wolken in den Tenorhimmel abhebt. «Nessun dorma» – der Pavarotti-, Paul-Potts- und TV-Werbung-Hit (und Puccinis Abschiedsariengruss an die Welt) – gelingt ihm makellos: Die Reserven für sein finales «Vincerò» scheinen unbegrenzt. Rührend, aber nie süsslich, sondern mit grosser Geste, die Liu von Guanqun Yu.

Feuriges Ende

Dirigent Paolo Carignani, so scheints jedenfalls durch die 100 Mikrofone, powert mit den im Festspielhaus spielenden Wiener Symphonikern, reizt die nicht wenigen Effekte genüsslich aus.

Zum Ende knutscht Turandot im Bühnenvorzimmerchen ihren Calaf/Puccini. Das eiskalte Blut der Prinzessin wird warm und wärmer – ein Ecklein der Chinesischen Mauer stürzt ein, von den Türmen steigen Wasserfontänen auf. Ist das Feuer der Leidenschaft so gefährlich, dass es kalt geduscht werden müsste? Petrus hingegen liess ein Wunder geschehen und verzichtete auf die Bregenz-Dusche.

Turandot: 25-mal bis 23. August in Bregenz. Am Freitagabend live im TV: 21 Uhr, SRF 2.