Isenheimer Altar
Heisse Kunst und kalte Füsse in Colmar

Das Museum Unterlinden in Colmar ist bestechend gut renoviert, überraschend erweitert und wartetmit seinem Isenheimer Altar wieder auf Besucher.

Sabine Altorfer
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Isenheimer Altar
5 Bilder
Ein architektonisches Bijou: Die gegossene Wendeltreppe. S. Altorfer
Die Erweiterung: Schaufensterhäuschen, Stadtbad und Neubau. R. Walti
Der neue Saal für moderne Kunst: Die Stellwände auf Stelzen wirken unruhig. S. Altorfer
Detail am Neubau: Die Fenster sind überspitzte Gotik. S. Altorfer

Isenheimer Altar

Der Weihnachtsmarkt zwischen den putzigen Fachwerkhäusern lockt die Massen. Die Gugelhöpfe, Wildschwein-Saucissons und Gänseleber-Terrinen sind durchaus ein Grund, nach Colmar zu fahren. Das eigentliche Ziel – nicht nur zur Weihnachtszeit – heisst aber Unterlinden-Museum. Bisher eine etwas verstaubte, bröckelnde Angelegenheit am Rande der Altstadt, aber wegen des Isenheimer Altars immer wieder eine Reise wert.

Nach drei Jahren Umbau und Erweiterung soll morgen Samstag Wiedereröffnung sein, mit Gratis-Eintritt und entsprechendem Publikums-Ansturm. Wenn das nur gut kommt – Mitte Woche treffen wir noch auf eine Riesenbaustelle. «Am Samstag sind 75 Prozent der Räume fertig eingerichtet», verspricht Museumsdirektorin Pantxika de Paepe. Trotz Bauchaos erkennt man: Das wird gut. Und teuer: 44 Millionen Euro haben Stadt, Département, Region und die Schongauer Gesellschaft als Besitzerin des Museums investiert.

Ensemble mit Grandezza

Schon die Umgebung des ehemaligen Dominikanerinnenklosters zeigt, dass hier Grösseres passiert (ist). Wo vorher Bushaltestellen und urbanistisches Desaster herrschten, liegt nun, frisch gepflästert, ein grosszügiger Platz mit dem offengelegten Canal de Sinn. Und das Kloster hat ein Pendant bekommen: Ein kleines Backsteinhäuschen bildet zusammen mit dem imposanten Jahrhundertwendebau des ehemaligen Stadtbades, einem hohen spitzdachigen Neubau und einem Hof ein neues Geviert.

Unter Leitern und zwischen Elektrikern durch wagen wir uns ins Kloster. Empfangssaal, Shop, Garderobe: Alles ist hell. Die Wände sind weiss mit leicht gelblichem Touch gestrichen, der Boden, ein weisslicher Zementestrich, wirkt zurückhaltend, die Holzeinbauten aus Eiche wirken gediegen und formschön.

Das Basler Büro Herzog & de Meuron hat das Museum mit Achtung vor der Geschichte renoviert und erweitert und sich dabei spielerisch historischer Formen bedient. Wir schmunzeln über Spitzbogen für Durchgänge, Fenster im Neubau oder gar für einen Liftzugang, die spitzer und gotischer sind als die Vorbilder. Als kleine Raumwunder wirken die gegossenen Wendeltreppen, die mit ihrer archaischen Schwere dem mittelalterlichen Bau gut anstehen – und zur Eleganz der ganzen Erscheinung beitragen.

Alt und neu

Die Salle d’Orientation ist der neue Angelpunkt. Hier hat man die Wahl zwischen alt und neu, zwischen der Wendeltreppe, die in die neue Galerie hinunterführt, und dem Weg hinaus in den Kreuzgang. Eigentlich möchte man directement in die Chapelle, die eigentlich Kirche des ehemaligen Dominikanerinnenklosters ist. Denn hier wartet das Prunkstück mittelalterlicher Kunst – nicht nur des Elsass: der Isenheimer Altar. Doch Direktorin de Paepe präsentiert uns erst den neu konzipierten Rundgang durch die mittelalterliche Kunst. Chronologisch vom frühen Mittelalter bis zur Spätgotik sind jetzt Malerei, Skulptur und Kunsthandwerk sinnvoll vereint. Welch ein Heer von Künstlern und Handwerkern hat damals in den Werkstätten zwischen Frankreich, Basel und Deutschland für die Kirchen, Klöster, reichen Bürger und Fürsten gewirkt! Pracht und religiöse Inbrunst vereinen sich in goldgrundigen Altarbildern und andächtigen Heiligenstatuen.

Ungeheizt

Herzog & de Meuron haben diskrete, aber ganze Arbeit geleistet: Sie haben Decken freigelegt, raffinierte Schwingtüren konzipiert und die zum Kreuzgang offenen Fenster nur mit einfachen Scheiben abgedeckt. Wärme ertragen die Kunstwerke schlecht, geheizt wird maximal auf 16 Grad. Direktorin de Paepe weiss also, warum sie eine pelzgefütterte Jacke trägt. Gar ungeheizt ist die Kapelle, immerhin hat sie einen Eichen- statt des Steinbodens. Aber wer achtet schon auf kalte Füsse, wenn er vor heisser Kunst steht?

Den Isenheimer Altar geschaffen hat der rätselhafte Künstler Mathias Grünewald zwischen 1512 und 1516. Aber was heisst Altar? Dieses mehrflügelige Werk ist ein ganzer Kosmos, der das Leben Christi und die Antonius-Legende in magischen Bildern erzählt – und je nach liturgischer Jahreszeit andere Geschichten zeigte. Seine 11 Bildtafeln und der Kern mit geschnitzten Figuren sind so montiert, dass wir heute alle sehen können. Abfolge und Nachbarschaften stimmen deshalb aber nicht mehr.

Die Besucher können locker zwischen den mächtigen Bildern flanieren. Aber vielleicht ist flanieren das falsche Wort. Eher bleibt man schon vor dem ersten Tableau stehen. Gebannt von der Wucht des Leids mit der dieser Grünewald das Leiden Christi ins Bild gesetzt hat. Der Körper grün-weiss, von Dornen zerstochen, von Leichenflecken übersät. Die Wunden scheinen noch zu bluten, der Kopf mit der mächtigen Dornenkrone ist leidend zur Seite gesenkt, die Füsse sind von einem groben Nagel durchbohrt.

Rührend ist die Geburt, unüberboten in ihrer Skurrilität die Versuchung des heiligen Antonius und die esoterische Schönheit der Auferstehung hat die Künstler über Jahrhunderte beeinflusst. Und immer wieder ziehen putzige Details – dem Christuskind hat Grünewald einen Nachttopf zur Verfügung gestellt – die Aufmerksamkeit auf sich.

Neubau für moderne Kunst

Aber wir müssen uns losreissen, schliesslich gibt es einen Neubau zu entdecken. Eine neue, unterirdische Galerie führt vom Kloster unter dem Platz durch in das dreistöckige Gebäude von Herzog & de Meuron. Drei grosse Säle sind übereinandergestapelt: Blendend weiss, die Stellwände unglücklich schwebend und mit Kunst des 20. Jahrhunderts ausgestattet. Ein Picasso, ziemlich viel Dubuffet, ein paar lokale und internationale Namen. Warum das Unterlinden diese Art Kunst sammeln will, ist schwer verständlich.

Gelungen ist immerhin der Bau: Die Form imitiert eine Kirche, die Fassade aus gebrochenen Backsteinen changiert wunderbar in ihrer Farbigkeit von ocker, rot zu violett, die wenigen präzis gesetzten Spitzbogenfenster setzen eine heitere Note und erlauben Aus- wie Einblicke.

Und wie wenn das noch nicht genug wäre, bezaubert das weiss gestrichene, teilweise noch gekachelte Stadtbad mit Jahrhundertwende-Eleganz. Ein gediegener Festsaal! Hier werden Direktorin de Paepe und ihr Team am 21. Januar den roten Teppich ausrollen, wenn Staatspräsident François Hollande zur offiziellen Eröffnung anreist. Bis dann sollen übrigens 90 Prozent der Ausstellungsräume eingerichtet sein.

Museum Unterlinden Colmar. Täglich 10 bis 18 Uhr, Eintritt: 13 Euro.

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