«Heinrich Wiesner ist auf einem Bauernhof im oberen Baselbiet aufgewachsen», hat der Autor 1980 notiert, und: «Er schreibt immer nur, was er selbst erlebt hat.» Aus einem äusserlich unspektakulären Leben heraus ist so über die Jahre hin ein Werk entstanden, das sich gut in der Deutschschweizer Literatur verorten lässt und dabei doch stets eigen blieb.

Heinrich Wiesner wurde am 1. Juli 1925 in Zeglingen geboren. Sein Vater arbeitete im Steinbruch und war daneben Bauer (und mähte, wenn es sein musste, nachts). Er selbst war «gern Lehrer», bis er sich 1981 pensionieren liess, um nur noch zu schreiben. Darüber, «was er selbst erlebt hat» und worüber er sich Gedanken machte: die Familie und das Dorf, die Kindheit und Jugend, in die der Zweite Weltkrieg drang («Schauplätze», 1969), und die Zeit als Lehrer. Über die Institutionen dachte er nach, über die Schule vor allem («Notennot», 1973), aber auch über Spiessertum, Engherzigkeit, Gehorsam, Religion («Welcher Gott ist denn tot?», 1984) und die neue «Dreieinigkeit: Kirche, Krieg und Kapital» («Lakonische Zeilen»).

Und schliesslich begann er, auch für Kinder zu schreiben, nachdem er ihnen als Lehrer jahrzehntelang die Geschichten anderer vorgelesen hatte, jeden Morgen zehn Minuten lang. 1980 ein SJW-Heft mit der Geschichte «Der Mann vom Mond», die von Hannes Binder illustriert wurde, und dann Romane wie «Jaromir bei den Rittern» oder «Wolfsmädchen» – Bücher, die er selbst als «den Schülern dienende Sachromane» bezeichnete.

Erfinder der Kürzestgeschichten

Am bekanntesten wurde er mit seinen «Lakonischen Zeilen», den «Lapidaren Geschichten», «Kürzestgeschichten» und «Lesebuchgeschichten» in mehreren Bänden und Ausgaben: knappen, ernüchternd stringenten Setzungen in «bezaubernd unheimlicher Eindringlichkeit», wie Dieter Fringeli es nannte. Mit aphoristisch zugespitzten Gedanken und mahnend verdichteten Geschichten wie der «vom Kind, das seit Frühling den Kindergarten besucht und seither steif auf dem Rücken liegend mit vor der Brust verschränkten Armen schläft, die man ihm Nacht für Nacht entflicht.»

Hier zeigt sich nicht nur Wiesners engagierter Zugriff (er will «Schreiben, um einmal deutsch zu reden»), es zeigt sich auch, was ihn etwa von Peter Bichsel und dessen Geschichten und Menschenbildern unterscheidet: Es ist die klare Behaftbarkeit, die sich keinen Erzählzweifel gestattet.

In diesen kurzen kritischen Texten fand sein Talent eine adäquate Form. In bester Erinnerung sind aber auch die Romane «Der Riese am Tisch» (1979) und «Die würdige Greisin» (1992). Der «Riese» ist sein eigener Vater, ein hünenhafter Krampfer, grosser Esser, grosser Erzähler und Wirtshaushocker – dem Sohn unerreichbar, bloss im Nachhinein mit Sprache zu fassen –, und die «Würdige Greisin» erzählt von einer Bäuerin, die sich Freiheit und Selbstbestimmung auch im Alter nicht nehmen lässt. Texte, die sich mit dem auseinandersetzen, was Heinrich Wiesner nahe war. Sein Stück Welt; die nächste Umgebung. Und ja: das Baselbiet.

Neuauflage zum Geburtstag

«Aufgewachsen in Zeglingen, Baselland, blieb ich meinem Kanton zeitlebens treu.» Er sei wohl «der baselbieterischste» aller Autoren, folgerte Paul Schorno; einer jedenfalls, der sich schon im Jardin de Luxembourg als «Fremder» fühlt, wie es 1958 in einem Gedicht heisst. 1980 hat Heinrich Wiesner den Literaturpreis seines Kantons bekommen und 1986 den Reinacher Kulturpreis. Zu seinem 90. Geburtstag legt der Lenos Verlag nun alle «Lakonischen Zeilen» wieder auf, damit ihn eine neue Generation von Lesern entdecken kann; und die Bisherigen gratulieren.