Comedy

Hazel Brugger: «Mit Humor macht man sich verletzlicher»

Hazel Brugger findet Babys super: «Ich finde es spannend zu wissen, dass jeder mal ein Baby war – auch Christoph Mörgeli war mal ein Baby, eine komische Vorstellung.»

Hazel Brugger findet Babys super: «Ich finde es spannend zu wissen, dass jeder mal ein Baby war – auch Christoph Mörgeli war mal ein Baby, eine komische Vorstellung.»

Hazel Brugger füllt die Säle in der Schweiz und Deutschland. Ein Gespräch mit der 25-jährigen Zürcherin über Babys, Selbstironie und getragene Turnschuhe.

Wir treffen Hazel Brugger zwei Tage vor der Premiere. Sie arbeitet im Kleintheater in Luzern und wirkt etwas angespannt. Am Abend findet die zweitletzte Vorpremiere ihres Stücks «Tropical» statt, es scheint, als wäre noch nicht alles fertig und Teile des Stücks noch im Umbau. Die Anspannung verfliegt aber, sobald sich Hazel Brugger an den Tisch setzt und das Interview beginnt.

Diese Woche hat Ihr neues Programm Premiere. Zuvor gab es aber noch gefühlte 300 Vorpremieren.

Hazel Brugger: Nein, das ist gar nicht wahr. Es waren eher 14.

Wieso macht man überhaupt Vorpremieren. Ist das Stück nun fertig oder nicht?

Es ist noch nicht fertig. Es ist per Definition erst dann fertig, wenn die Premiere ist, darum ist es jetzt noch nicht fertig. Es ist wie ein Geburtstermin, es ist einfach dann fertig, wenn es da ist.

Gab es diesmal mehr Druck beim Gestalten des Programms, nachdem Sie mit dem ersten Stück alles abgeräumt haben.

Ja, sicher.

Also anders als beim ersten? War es eine schwierigere Schwangerschaft?

Es ist wirklich wie bei einer Schwangerschaft. Ich kenne das zwar nur aus der Distanz, aber man sagt, dass die erste Geburt deutlich länger dauert. Beim zweiten Mal kommt das Kind in der Regel schneller zur Welt, aber die Gelassenheit, die man eigentlich bräuchte, um mit dem zusätzlichen Druck umzugehen, hat man trotzdem noch nicht. Unter dem Strich fand ich den Druck grösser als beim ersten Programm.

Der Titel des Programms lautet «Tropical». Da hat ja keiner eine Ahnung, worum es geht.

Ich finde es auch nicht wichtig, dass die Leute wegen des Titels wissen, um was es geht. Idealerweise kommen die Leute ja wegen mir und nicht wegen des Titels. Und ich bin ja da. Jedes Mal.

Wieso hat Ihr Programm eigentlich in Luzern Premiere und nicht in Köln oder Berlin?

Weil ich dann mit der «Berliner Morgenpost» und nicht mit euch reden müsste. War das eine gute Antwort?

Es geht.

Im Ernst: Mir gefällt es hier – ich hatte schon meine letzte Premiere hier. Das Essen ist gut, die Leute sind nett. Und: Es hat hier eine gute Grösse. Ich möchte nicht vor 600 Personen eine Premiere haben. Da weckt man Erwartungen, die man bei einer Premiere gar nicht erfüllen kann. Bei einer Premiere bin ich noch nicht dort, wo ich sein will.

Also ist man eigentlich doof, wenn man an die Premiere kommt?

Das haben jetzt Sie gesagt.

Dass Sie Säle für 600 Personen füllen können, hängt auch mit Ihrem Engagement für die «Heute-Show» im ZDF zusammen, wo Sie Politiker vorführen. Was machen Sie lieber?

Das ist, wie wenn ich sagen müsste, welches meiner beiden Lieblingsessen ich lieber esse. Ich finde beides super. Und vor allem: Ohne das andere würde mir das eine bald zum Hals raushängen. Es sind komplett unterschiedliche Dinge. Bei der «Heute-Show» habe ich ein Team und wir arbeiten gemeinsam auf ein Ziel hin. Bei meinen Bühnenprogrammen kann man mich zwei Stunden ganz direkt erleben.

Haben Sie nicht Mitleid mit den Politikern, die Sie in der «Heute-Show» vorführen?

Doch. Aber wenn die auf keinen Fall wollen, dass das ausgestrahlt wird, dann strahlen wir das auch nicht aus.

Ist es einfacher, zu Leuten böse zu sein, die man nicht mag?

Ich finde es deutlich einfacher, wenn man sich gegenseitig mag. Dann ist es okay, böse zueinander zu sein – wie beispielsweise unter Geschwistern. Wenn ich weiss, dass ich diese Person nicht mag und mich diese Person nicht mag, dann ist es schwieriger, zu sagen, ist das jetzt noch Humor oder ist es bereits Mobbing. Das ist unangenehm.

Haben linke oder rechte Politiker mehr Selbstironie?

Grundsätzlich sollte jeder gute Politiker Selbstironie haben. Im linken Spektrum ist man sich aber bewusster, dass Selbstironie sympathisch rüberkommt. Rechte Politiker denken oft, dass Selbstironie ein Zeichen von Schwäche ist.

2017 wurde Hazel Brugger von Gabriel Vetter der Kabarett-Preis Salzburger Stier für die Schweiz überreicht. Sie war die bisher jüngste Preisträgerin.

2017 wurde Hazel Brugger von Gabriel Vetter der Kabarett-Preis Salzburger Stier für die Schweiz überreicht. Sie war die bisher jüngste Preisträgerin.

Wie schaffen Sie es, in der «Heute- Show» nicht laut loszulachen, wenn sich gewisse Politiker komplett zum Affen machen?

Ich weiss, wie viel Arbeit dahintersteckt. Wir sind da sechs Stunden mit dem Zug hingefahren, und wenn ich jetzt mit Lachen anfange, dann ist alles kaputt.

Also trainiert man das nicht mit Freunden?

Nein. Ich lache im Gegenteil sehr viel und gerne daheim.

Kann man Sie tatsächlich zum Lachen bringen?

Ja. Sehr einfach sogar. Aber ich verrate jetzt nicht wie.

Sie machen in der «Heute-Show» eigentlich höchst politische Dinge, sind selber aber überhaupt nicht politisch.

Das ist jetzt eine Unterstellung.

Aber in Ihren Bühnenprogrammen sind Sie zumindest unpolitisch.

Das stimmt. Und das ist auch absichtlich so. Ich denke auch, dass das Publikum ein Recht hat, nach zweieinhalb Jahren Präsident Trump und dem Erstarken der politischen Satire wieder mal zwei Stunden zu lachen, ohne dass es noch einen moralischen Einschlag haben muss. Das Leben ist ja insgesamt auch viel mehr als einfach nur Politik.

Sie haben mal gesagt, dass Humor ein Weg ist, mit unangenehmen Situationen umzugehen. Wieso zeigen dann gerade Politiker so selten Humor?

Eine gute Frage. Mit Humor macht man sich verletzlicher. Humor kann auch immer falsch verstanden werden. Vor allem von Leuten, die einen falsch verstehen wollen. Wenn ein Politiker einen Witz macht, der nicht oder falsch zündet, dann ist das ungleich schlimmer, als wenn ein Comedian das macht. Darum hat man ja auch immer das Gefühl, dass ein Politiker so mutig ist, wenn er mal einen Witz macht.

Die meisten versuchen erst dann, witzig zu sein, wenn ihre Karriere zu Ende geht.

Es gibt schon solche, die es versuchen. Thomas Aeschi von der SVP war bei Michael Elsener in der Sendung zu Gast und hat ein paar Jokes gemacht – sie haben halt einfach nicht funktioniert. Das liegt einerseits am Kontext und andererseits daran, dass Humor eben auch ein Fach ist, das man lernen muss.

Sagt die 25-Jährige.

Ich bin auch noch nicht da, wo ich hin will. Geben Sie mir noch zehn Jahre. Ich mache das ja auch schon seit ich 17 bin.

In der «Heute-Show» lassen Sie Politikern die Hosen runter, bei Ihrem Programm geben Sie selbst viel Persönliches preis. Braucht es als Komikerin das Private auf der Bühne?

Ich glaube schon. Damit es mehr als nur Blödelei ist, muss es etwas Privates haben. Damit macht man sich verletzlich. Das wiederum legitimiert, dass ich nicht noch eine politische Message haben muss. So kann ich sagen: «Hey, meine Message ist, dass wir menschlich angreifbar sind. Jeder tickt anders. Ich ticke so. Jetzt könnt ihr euch daran bedienen.»

Wie privat ist dieses Private?

Sehr privat teilweise. Aber schon nicht so privat, dass ich auf der Bühne denke: Diese 400 Leute will ich jetzt nie mehr auf der Strasse sehen. Aber es ist schon alles sehr ehrlich.

Setzt man sich da Grenzen, was man nicht sagt.

Ja. Sobald es um andere Menschen geht – und das geht es ja schnell.

Aber Sie sprechen ja wahnsinnig viel über Ihre Familie.

Aber für die ist es ja auch okay.

Immer?

(lacht) Zumindest fast immer. Ich deute ihnen im Vorfeld an, was ich sagen werde, und wenn sie es komplett daneben finden, lasse ich es halt.

Im Pressetext steht: «Dort, wo es wehtut, fängt das Lachen erst richtig an.» Muss man sich als Künstler auch manchmal selber wehtun, um die Leute zum Lachen zu bringen?

Ja. Ich denke sogar, dass das das Spannendste ist. Wenn die Leute sehen, dass da jemand steht, der eine Krise durchlebt hat, der jetzt aber darüber hinweg ist, kann sich das Publikum zum einen mit Schadenfreude an der Krise ergötzen, zum anderen aber auch Lehren ziehen, wie man aus einer Krise herauskommt. Da fühlt sich das Publikum danach stärker als vorher. Also vielleicht. Vielleicht merken Sie es, ich versuche gerade, mir Theorien aus dem Ärmel zu ziehen.

Es klingt ganz gut.

Danke.

In Ihren Programm gibt es zwei Konstanten. Den Tod ...

... der kommt nicht mehr vor. Der hat sich abgeschafft.

Okay. Das andere sind Babys. Kommen die wenigstens wieder vor?

Ein bisschen. Babys sind super.

Warum sind Babys super?

Weil Babys super sind. Das ist die kurze Antwort.

Und die lange?

Babys zeigen uns, wie viel wir mal gewesen sind. Ich finde es komisch, wenn man sagt, dass Babys wie ein weisses Blatt sind und dann kommt immer mehr dazu. Babys können eigentlich schon alles und wir trainieren denen dann nach und nach alles weg. Die Sensibilität zum Beispiel. Babys merken, wenn jemand nicht ausgeglichen ist, und reagieren dann darauf. Das verlieren sie leider mit der Zeit. Zudem finde ich es spannend, zu wissen, dass jeder mal ein Baby war – auch Christoph Mörgeli war mal ein Baby, eine komische Vorstellung.

Wollen Sie selber auch mal Babys?

Das finde ich jetzt eine sehr persönliche Frage. Aber ja: Wenn ich mal Kinder will, dann schon Babys. Mit Babys anfangen, und dann schauen wir weiter.

Wann haben Sie das letzte Mal gedacht: Darüber kann man keine Witze machen?

Vorgestern.

Um was ging es?

Um das Kind, das in Spanien in den Brunnenschacht gefallen ist. Darüber kann man keine Witze machen. Es ist einfach nicht lustig. Es ist vor allem nicht nötig, dass man da Witze drüber macht.

Also sind tote Kinder die Grenze?

Tote Kinder von jemand anderem, ja. Wären es meine eigenen, wäre es wohl etwas anderes.

Sie haben einen Screenshot gepostet, auf dem Sie jemand um gebrauchte Turnschuhe mit einem Autogramm bat. War das das Merkwürdigste, um das man Sie bisher bat?

Um Himmels willen, nein. Das ist nicht im Ansatz das Merkwürdigste. Ich weiss zwar nicht mehr was, aber da gab es noch viel üblere Dinge.

Was macht man bei solchen Anfragen?

Einfach nix. Und vielleicht einen Screenshot für Twitter.

Lesen Sie Kommentare unter Ihren Videos auf Facebook und Co?

Wenn ich das Video selber gemacht habe schon. Bei der «Heute-Show» nicht. Da sind es schlicht zu viele Kommentare.

Da stehen teilweise recht böse Sachen. Sie seien «linksversifft» ...

Ah, Sie lesen mir jetzt meine bösen Kommentare vor. Danke vielmals. Sehr cool.

Die richtig Bösen habe ich ausgelassen. Neben den bösen Kommentaren hat es auch viel Anzügliches.

Das sind alles Männer über 50.

Auffällig finde ich, dass das immer nur bei Frauen steht, die auf der Bühne stehen. Frauen kommen nicht auf die Idee, bei einem Mann etwas Ähnliches zu schreiben.

Männer, die etwas auf der Bühne machen, sind eben auch selten hot (lacht). Die haben so viel Humor und Charisma, dass sie gar nicht schön aussehen müssen, um attraktiv zu sein. Aber natürlich würde ich nie so etwas als Kommentar schreiben. Ich habe auch noch nie gedacht: «Hey, der ist schön. Komm, ich frage ihn nach seinen alten Turnschuhen.»

Ist es als Frau nicht mühsam, wenn man aufs Äussere reduziert wird?

Ach, natürlich ist das alles mühsam. Es ist doch für Sie sicher auch mühsam, dass Sie ein Gespräch mit einer Frau führen und sich dann im Vorfeld überlegen müssen, wie Sie sie drauf ansprechen, dass sie eine Frau ist. Das ist halt so. Man könnte 24 Stunden am Tag über Sexismus sprechen. Man kann es aber auch lassen und sich für 2 von 24 Stunden auf die Bühne stellen und ignorieren, dass 20 Prozent der Leute danach nur drüber reden, wie man aussieht. Ich mache das Ganze ja ganz grundsätzlich für die anderen 80 Prozent.

Sie sagten, Sie seien noch nicht dort, wo Sie hinwollen. Bei wie viel Prozent sind Sie schon?

Etwa bei dreissig.

Was kann da noch kommen?

Uh (lacht). Vieles. Noch 70 Prozent mehr. Ich habe bis jetzt keine Dancemoves und keine Gesangseinlagen. Es wird mal wie bei DJ Bobo im Europapark. Jeder Comedian wäre im Grunde gerne ein Rockstar.

Viel Erfolg für die Premiere.

Danke. Wollen Sie noch meine Turnschuhe?

Wie ist Ihre Schuhgrösse?

42.

Dann würden Sie mir sogar passen. Aber ich denke, wir lassen es lieber.

Wir könnten ja tauschen.

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