Der Dichter Friedrich Hölderlin war lange ein klarer Fall. Für die Familie, die Kollegen, eigentlich das ganze Umfeld war er geisteskrank. Um 1800 hatte man medizinisch davon allerdings noch keine klare Vorstellung. Man hielt sich an die Symptome. Und die wurden ihm ziemlich einstimmig zugeschrieben: «Raserey», also Tobsuchts- und Wutanfälle, unverständliches Reden und wirres Auftreten. Seinen Geisteszustand nannte man «zerrüttet». Dass man ihn als Dichter kannte, war nicht unbedingt vorteilhaft für ihn. Schon die Antike kannte den «heiligen Wahnsinn», die Manie. Durch sie sprach der Gott zu den Menschen.

Mit 37 Jahren trat Hölderlin seine «Turm-Existenz» an. Er wurde in die Obhut von Schreinermeister Zimmer gegeben und bewohnte in dessen Haus ein Erkerzimmer. Er verhielt sich nur noch hin und wieder und in Massen auffällig. Man bescheinigte ihm Harmlosigkeit.

Er spielte Klavier, dichtete bei Gelegenheit, machte Spaziergänge, unterhielt sich auch mit Besuchern. Einigen fiel die Devotheit auf, sie wurden mit «Hoheit» angeredet; anderen begegnete er eher auf Augenhöhe: Mit Studenten rauchte er gern sein Pfeifchen und trank einen Schoppen. 1843 starb er. Von den alten Freunden vergessen, die meisten hatte er überlebt.

Der Streit um die Linie

Die Germanistik und – als ihr Widerpart – die Psychiatrie begannen sich dann um eine Demarkationslinie zu streiten: Wahnsinn oder noch nicht? Dass Hölderlin ein begabter Dichter war, war unumstritten. Es gab ja auch Bedarf für die Tornister 1871, 1914–18 und 1939–45. Denn in diesem Werk war oft von «Vaterland» und «Heimat» die Rede. Die Psychiater stellten gerne ihre (Fern-)Diagnosen, die Germanisten wehrten – allerdings nicht alle. Denn erschwerend kam hinzu, dass dieses «Werk» auch ziemlich schwer zugänglich war.

Es gab nicht viel Veröffentlichtes und von den berühmtesten Gedichten existierten in den meisten Fällen nicht einmal Reinschriften. Die Philologenzunft versuchte zuerst, aus den Handschriften einen «Text» zu produzieren. Dies entsprach aber nicht der Arbeitsweise und dem Selbstverständnis des Dichters. Hölderlin hinterliess offensichtlich «work in progress». Heute geht man so weit, Handschriften auch als «Textlandschaften» zu publizieren. Nicht gerade leserfreundlich, aber oft erhellend.

Die Diagnose der Psychiater ist – seit es die Krankheitsbezeichnung gibt – «katatone Schizophrenie», eine «endogene Psychose», und die Symptome werden meist etwa so aufgelistet: Persönlichkeitsspaltung, Depersonalisation, Desorientiertheit, gestörter Kontakt zur Aussenwelt, motorische Unruhe, Wutanfälle, «Wortsalat» und andere Sprachstörungen – und das Gefühl, Stimmen zu hören und dauernd bedroht zu sein. Und die Germanisten haben dann eingeteilt in «Gedichte» und «Gedichte der Wahnzeit».

Wobei – wie angetönt – um die Grenze gerungen wurde. Und sie hat sich auch verschoben. Von 1802, wo sich Freunde und Bekannte im Sinne der «Zerrüttetheit» äussern, bis 1806, als man – so die These des Germanisten Dietrich Uffhausen, den Dichter im «Clinicum» des Tübinger Arztes Autenrieth endgültig «närrisch» gemacht habe.

Und dann gibt es die dritte Gruppe, die der französische Germanist Pierre Bertaux anführt, der 1978 behauptete, dass von Wahnsinn im eigentlichen Sinn keine Rede sein könne. Hölderlin habe die Symptome nur gespielt und die Erkrankung vorgeschoben, um sich vor der Verfolgung der Autoritäten zu schützen. Denn Hölderlin sei als «Jakobiner», der die Ideale der Französischen Revolution vertreten habe, gefährdet gewesen.

Die Debatte tobt noch immer, manchmal heftiger, manchmal gedämpfter. Die Psychiater haben nachgegeben und beharren nicht mehr drauf, dass da «etwas Krankes» sein muss. Und die Germanisten müssen auch eingestehen, dass ihr Dichter kein einfacher Mensch gewesen sein kann. Zu häufig sind die Urteile, die Hölderlin sprunghaftes Verhalten, Heftigkeit, auch Wut attestiert haben, «ein schnell drehendes Rad» war er gewiss.

Quecksilber und Aortaklappe

Und jetzt hat noch ein Pharmakologe eingegriffen. Reinhard Horowski folgt in seiner Streitschrift «Hölderlin war nicht verrückt!» den Spuren von Bertaux und anderen. Vor allem mit zwei Hinweisen kann er manches erhellen. Er erwähnt einen übersehenen Befund der Autopsie. Beim Gehirn fand man nichts, aber Hölderlin hatte offenbar völlig verkalkte Herzklappen, vielleicht sogar einen angeborenen Herzfehler, eine bivalvuläre Aorta. Dies erkläre die Unruhe, die Hölderlin vor allem nachts zeigte. Die Verknöcherung führt zu Atemnot und Erstickungsangst. Heute operiert man, Hölderlin wusste sich offenbar nicht anders zu helfen, als nachts aufzuspringen und herumzulaufen. Der andere Hinweis wiegt noch schwerer: Der Doktor Autenrieth habe ihn damals mit Kalomel (Di-Quecksilber-di-Chlorid) behandelt und zusätzlich mit Cantharidin («Spanische Fliege», ein Mittel zur Aktivierung), und Belladonna (Tollkirsche, zur Ruhigstellung).

Die therapeutische Grundidee war, den Körper dazu zu bringen, die krankheitserregenden Substanzen auszuscheiden. Also gab man Brech- und Abführmittel in hohen Dosierungen. Auch Hölderlin. Das Quecksilber lagert sich auch im Gehirn ein und kann noch lange schwere psychische Störungen hervorrufen. Dass Hölderlin die Schneidezähne früh ausgefallen sind, sei typisch für Quecksilbervergiftungen, schreibt Horowski.

Damit «erklärt» der Pharmakologe das manchmal als bizarr beschriebene Verhalten von Hölderlin im Turm. Für die Ereignisse vor 1806 macht auch er die Umstände verantwortlich. Hölderlin ist gescheitert. Auch das lässt sich nicht wegdiskutieren. Da türmen sich immer wieder grosse Lebensprobleme auf. Die Psychiater sind mittlerweile auch so weit, dass sie soziale Isoliertheit wenigstens als krankheitsauslösende Ursache akzeptieren.

War Hölderlin verrückt? Oder vielleicht doch nicht? Aus dem, was er schriftlich hinterlassen hat, lässt sich keine solche Trennlinie ziehen. Auch die Gedichte aus der Spätestzeit zeigen Formwillen und dichterische Meisterschaft. Dass er der Mutter und anderen nicht mehr Briefe schreiben mag wie früher, ist leicht zu verstehen. Ob er sich nicht mehr äussern will oder nicht mehr kann, wer weiss es. Aus den Turm-Dokumenten spricht einer, der weiss, dass er es versucht hat, aber einsehen musste, dass es nicht ging.

Friedrich Hölderlin «Lebenslauf»

Friedrich Hölderlin «Lebenslauf»

Rezitation: Fritz Stavenhagen

Hochformatiger Denker-Dichter

Und aus den Dokumenten bis 1806 lässt sich ein Mensch von äusserst seltenem Geistesformat erahnen. Er ist philosophisch völlig auf der Höhe. Und als Dichter ist er eben gerade nicht ein Vertreter der Sparte, die von göttlicher Eingebung zehrt. Sondern ein extrem reflektierender, methodischer, harter Arbeiter. Man versteht jetzt auch die Arbeitsweise: Sie ist gross angelegt. Eigentlich darf man keine isolierten Stellen zitieren. Denn es geht immer ums Ganze. Und das meint Hölderlin ganz im Sinn der Philosophie der Zeit. Der Verstand urteilt – und trennt. Die Vernunft versucht, die Dinge wieder zusammenzubringen. Aber das schafft nur die Kunst.

Denn das Ganze ist immer eine Anschauung. Nicht das Ergebnis einer Analyse oder einer Erwägung. «Ästhetisch» heisst für Hölderlin und die Kollegen Hegel und Schelling nicht einfach «schön». Sondern immer auch geschichtsphilosophisch: die Einheit des einmal Getrennten. Die Aufklärung hat den Menschen denken gelehrt, die Französische Revolution ihm das Bewusstsein der Freiheit gegeben. Und die Dichtung – mit Philosophie – soll ihm ein Bild, einen Traum, eine Vor-Schau einer neuen Gesellschaft liefern.