Hansjörg Hersberger schlendert durch die Korridore seines Theaters. In eineinhalb Stunden wird er als Familienvater in «Monsieur Claude und seine Töchter» auf der Bühne stehen. In den Garderoben machen sich die Schauspielerinnen und Schauspieler bereit. Küsschen hier, Küsschen da, ein Händedruck hier, ein flockiges Kompliment dort. Der Direktor nimmt sich Zeit. Zeit für seine Geschichte, die sich hier als Plakatcollage durch die Gänge zieht.

Am 25. September 1989 hat er sein Haus an der Klingentalstrasse mit dem Schwank «Der kühne Schwimmer» eröffnet, an seinem 45. Geburtstag. Seither ist er nicht untergegangen, im Gegenteil. Als Hauptdarsteller und Direktor in Personalunion hat er seine Boulevard-Bühne durch die Jahrzehnte geführt. Mit Erfolg. Die 4,5 Millionen Franken, die er damals in den Umbau des Kinos zum Theater investiert habe, seien längst abbezahlt, sagt er.

Basler Boulevard-Geschichte

Sichtlich stolz zeigt Hersberger die Affichen aus vergangenen Tagen. Hans Joachim Kuhlenkampf, Horst Tappert, Inge Meysel, Maria Schell, Dieter Hallervorden, Jörg Schneider: Sie alle standen auf seiner Bühne. Das Musical «Fame» wurde hier als deutsche Uraufführung produziert, «Grease» zum ersten Mal in der Schweiz gezeigt.

Das war noch, bevor Basel ein Musical Theater hatte. «Es ist heute schwierig, mit dieser Konkurrenz mitzuhalten», sagt der Direktor mit den rot-gold schimmernden Haaren. «Damals hat das niemand so gemacht wie wir.»

Der 75-Jährige weiss sich energisch zu verkaufen. In seinem früheren Leben war er Versicherungskaufmann, dann Generalagent, aber immer schon mit einem Fuss auf der Bühne. 16-jährig trat er als Conférencier an Bällen auf. Mit 18 gründete er seine Theatergruppe Häbse, begann Stücke und Sketches für Je-ka-mi-Abende zu schreiben. Sein Übername ist damals bereits zum Label im Kleinbasel geworden.

An den von ihm organisierten Gala-Abenden in der Mustermesse traten Hazy Osterwald, Pepe Lienhard und Chris Barber auf. Sein «Mimösli» ist seit Jahrzehnten fester Bestandteil der Vorfasnacht – und sprudelnde Geldquelle, um das Theater, das ohne Subventionen auskommt, auf Kurs zu halten.

Fünf Festangestellte arbeiten im «Häbse», darunter auch Hersbergers Tochter und Schwiegersohn. Der Direktor führt den Journalisten durch die Büros über dem Theater, verweist auf die Kalender, die er von Arthur Cohn jeweils zu Weihnachten bekommt und erzählt, wie er zur Schweizer Erstaufführung von «Monsieur Claude» gekommen ist.

«Ich habe den Film 2016 im Fernsehen gesehen. Im Internet entdeckte ich dann, dass eine deutsche Theateradaption bereits in Wien gespielt wird. Der Rest war Verhandlungssache mit dem Verlag. Die nehmen 15 Prozent der Bruttoeinnahmen! Normalerweise sind es nur zehn. Aber ich wollte mir das zum Jubiläum leisten.»

«Es ist bereist 19 Uhr. Müssen Sie nicht langsam in die Garderobe, Herr Hersberger?» Häbse winkt ab: «Ein Viertelstunde reicht mir. Wenn man es kann, kann man’s.»

Häbse ist nicht zu bremsen

Als der Film 2014 erschien, zog «Monsieur Claude und seine Töchter» Massen in die Kinos. Nach dem Rechtsrutsch in Frankreich sprachen einige Kommentatoren vom Film der Stunde. Journalisten und Journalistinnen von «Le Monde», «Die Zeit» oder der «FAZ» schrieben jedoch, dass die Komödie um Claude und seine vier ausländischen Schwiegersöhne eben gerade kein Beitrag gegen Rassismus sei, sondern diesen durch stereotype Klischees viel mehr befeuere.

Für solch feinsinnige Reflexion ist im Häbse Theater jedoch kein Platz. Hier geht es um Quote, und die lässt sich sehen. Laut Direktor Hersberger werden bis Ende Dezember rund 10 000 Zuschauer das Stück gesehen haben. Sein Motto lautet denn auch: «Ich will unterhalten und nicht belehren. Das tun die Medien schon genug.»

Häbse hat das Stück mit dem Schauspieler Carlos Amstutz ins Baseldytsch übersetzt. Die Eltern wohnen auf dem Bruderholz, die Kinder in Zürich. Die Spielorte werden per Filmeinspielung visualisiert. Die Klischees, die Futter für Kalauer und Pointen sind, bleiben: Juden sind hintertriebene Geschäftemacher, Asiaten essen Hunde, Afrikaner sind sexbesessen, unberechenbar und bezahlen mit Muscheln. Araber sind potenzielle Bombenleger. Und auch in dieser Fassung fällt der umstrittene, da verharmlosende Satz: «Wir sind doch alle ein bisschen Rassisten.»

Es ist Gesetz des Boulevard-Theaters, dass die Protagonisten nicht komplexe Figuren zeichnen, sondern vor allem Lieferanten von Gags sind. Das geht dann auch flott und in rasantem Tempo voran. Nach zwei Stunden finden sich alle in Minne wieder und tanzen zu afrikanischen Rhythmen. Happy End.

Nur Direktor Hersberger hat noch nicht genug. Er braucht noch ein Solo. Vor dem roten Vorhang erzählt er dem Publikum die Geschichte, wie er zu diesem Stück gekommen ist, wie er die herausragenden Schauspielerinnen und Schauspieler gecastet hat. Häbse ist eben nicht zu bremsen.

«Monsieur Claude und seine Töchter», bis 31. Dezember. Häbse Theater, Basel.