Bücher

Handgedruckte Bücher in Zeiten von E-Book und Co.? Ja, das gibt es

Mit jeder neuen Farbschicht schabt der Künstler ein weiteres Stück von der Platte ab, bis zum Ende keine Fläche mehr übrig ist.

Marcel Göhrings Linolplatten funktionieren wie grosse Stempel.

Mit jeder neuen Farbschicht schabt der Künstler ein weiteres Stück von der Platte ab, bis zum Ende keine Fläche mehr übrig ist.

Warum billige Taschenbücher, Online-Handel und E-Books dem «Kunstwerk Buch» nichts anhaben können.

Die Buchstaben sind ein bisschen verschoben, das Papier ungewöhnlich dick, aber dennoch leicht. Und die Seiten sind mit starkem Faden zusammengenäht. Die Zeit, die hinter der Herstellung dieses Buches steckt, ist förmlich spürbar, und der Betrachter bekommt Lust, sich selbst auch Zeit zu nehmen, die Seiten langsam umzublättern, über den rauen Einband zu streichen und die ungewöhnliche Druckerfarbe zu riechen.

Das verspielte Bilderbuch «Der König und der Kaktus» von Marcel Göhring ist von Hand gedruckt und gebunden – solchen bibliophilen Kostbarkeiten begegnet man immer seltener.

Immer mehr Leser greifen auf praktische E-Reader oder billige Taschenbücher zurück. Betroffen sind als Erstes die Druckereien. Solche, die noch traditionelle Techniken verwenden, gibt es immer weniger – 2014 schloss mit der Druckerei Stoob in St. Gallen eine der letzten Schweizer Steindruck-Ateliers seine Türen.

Von einer Schliessung kann im «druckwerk» in Basel keine Rede sein. Es riecht dort nach frischer Farbe, und Maschinen-Gebrumm verrät Geschäftigkeit. Es sind tatsächlich nur mechanische, das heisst von Hand betriebene Geräte, und keine Computer, mit denen im «druckwerk» gearbeitet wird.

Die Künstler Marcel Göhring und Florian Dammeyer pflegen dort traditionelle Grafik-Techniken wie Holz- und Linolschnitt, Lithografie und Bleisatz. Jedes Buch wird eine Art Unikat, weil nicht immer gleich viel Farbe abgegeben wird oder manchmal ein Buchstabe etwas verrutscht. Gerade das Unperfekte ist eine der Schönheiten des handgemachten Buches.

Bei der Arbeit mit Bleisatz ist Präzision gefragt.

Bei der Arbeit mit Bleisatz ist Präzision gefragt.

Es sei eine Liebhaber-Arbeit, mit der sich kein Geld verdienen lasse, erklärt Göhring. Der Künstler arbeitet nebenbei noch als Werkstattleiter. Seine Buchprokjekte verwirklicht er in einem Netzwerk von interessierten Leuten. Der Preis eines Buches – zwischen 20 und 150 Franken – finanziert gerade mal die Produktion.

Kleine Verlage wie «Nieves» in Zürich oder «Edizioni Periferia» in Luzern/ Poschiavo funktionieren nach demselben, nicht kommerziellen Prinzip. Die Publikationen stellen in sich geschlossene Werke dar, die in kleinen Auflagen produziert und oft vom Künstler signiert werden. Josef Felix Müller vom «Vexer Verlag» in St. Gallen erklärt: «Unser Publikum ist eine Gruppe aus Kunst- und Buchliebhabern. Die Hälfte der verkauften Exemplare geht in den Umkreis des jeweiligen Künstlers.»

Will heissen: Kleinverlage für Kunst und Sammler sind Non-Profit-Unternehmen und deshalb nicht direkt vom digitalen und wirtschaftlichen Wandel betroffen. Mit ihren Einnahmen finanzieren sie höchstens die Produktionskosten. «Ich kann mir mit meinem Verlag ein kleines Taschengeld dazuverdienen, aber mehr nicht», erzählt Müller, der selbst als Künstler tätig ist. «Und dieses Geld investiere ich dann meist in neue Projekte.»

Hier wird noch mit Händen gearbeitet – sie wollen deshalb gut geschützt sein.

Hier wird noch mit Händen gearbeitet – sie wollen deshalb gut geschützt sein.

Vom Hörsaal in die Werkstatt

Göhring bekommt für seine Arbeit in der Werkstatt keine Förderung, da es sich nicht um einen Verlag handelt. Doch das ist ihm auch nicht wichtig, solange er mit seinen Büchern weiterhin einige bibliophile Herzen höherschlagen lassen kann.

Zurzeit verwirklicht er mit einem dänischen Freund ein Gedicht-Buch, wozu er die Illustrationen liefert. Seine Tochter ist gerade dabei, die von ihm geschnitzte Linolplatte mit Farbe zu tränken und auf dickes Papier zu pressen. Wie der Bleisatz funktioniert diese Hochdrucktechnik nach dem Prinzip des Stempels. «Ich helfe meinem Vater ab und zu in der Werkstatt, weil es mir Spass macht», erzählt die Praktikantin. Was sie später machen will, weiss sie noch nicht. Bestimmt nicht Buchdruckerin, da dieser Beruf schon lange nicht mehr gelehrt wird.

An Universitäten und Fachhochschulen können aber Kurse belegt werden. Im «druckwerk» haben Studenten eine Einführung in die verschiedenen Drucktechniken bekommen. Und ausgebildete Bibliothekare können sich zum «Papierkurator» weiterbilden lassen, um sich mit der Herstellung, Beurteilung und Erhaltung des Papiers zu befassen.

Göhring beobachtet in letzter Zeit erfreut grösseres Interesse bei jungen Leuten, die sich mit ursprünglichen Techniken beschäftigen wollen und weg vom Digitalen bewegen. Es braucht nicht viel, damit das «Kunstwerk Buch» überlebt. Nur einige leidenschaftliche und engagierte Buchliebhaber, die sich an der Materialität des Gegenstands erfreuen und das Handwerk mit ins digitale Zeitalter nehmen.

Den Link zum «Druckwerk» gibt es HIER.

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