Solothurn

Grüner Schlaks und cooler Rapper

Danke für die Kugel: Prinzession Lilli (Martina Binz) und der hartnäckige Frosch (David Berger). (Bild: Edouard Rieben)

Froschkönig

Danke für die Kugel: Prinzession Lilli (Martina Binz) und der hartnäckige Frosch (David Berger). (Bild: Edouard Rieben)

Das Theater Biel Solothurn hat mit Ulrich Hubs «Der Froschkönig» nach den Brüdern Grimm ein pfiffiges und modernes Kinderstück für die ganze Familie im Weihnachtsprogramm.

Roland Erne

Gelangweilte Prinzessinnen sind auf den ersten Blick zu erkennen. Zum Beispiel durch ihren schlurfenden Gang und genervten Gesichtsausdruck. Vor allem aber stopfen sie angewidert Pralinen in sich hinein und strapazieren schamlos die Lesart eines lustlos aufgeklappten Märchens. Und kommt der von Regierungsgeschäften in krisenhaften Zeiten absorbierte König - warum auch immer - auf die abstruse Idee, eine goldene Kugel zu verschenken, ist es mit der Contenance erst recht vorbei. Die einen überbieten sich mit haltlosem Vater-Lob, die andere heult - und hat damit prompt Erfolg. Bloss währt ihr Glück nur kurz. Beim Spielen am Brunnenrand geht die Kugel verloren. «Tubeli, das git Lämpe!», grölen ihre Rivalinnen. Schon diese ersten Bilder der Inszenierung von Gastregisseur Philip Bartels am Theater Biel Solothurn zeigen: Von einer braven oder gar betulichen Bühnenadaption des Grimm-Märchens «Der Froschkönig» ist all dies ziemlich weit entfernt. Vielmehr hat der im Kinder- und Jugendtheater erprobte Autor, Schauspieler und Regisseur Ulrich Hub («An der Arche um acht») die Vorlage für ein pfiffiges Kinderstück mit Musik genutzt, das Ariane von Graffenried wiederum griffig ins Schweizerdeutsche übertrug - mit dem Sound und Slang der Jungen von heute im Ohr.

Frosch will essen und schlafen

Zum einen muss sich die Königstochter Lilli (Martina Binz) gegen die beiden älteren Schwestern Minna (Claudia Schwingruber) und Gundel (Rita Bänziger) behaupten, die sich gerne selber ins beste Licht rücken. Zum andern ist ihr daran gelegen, das nicht nur mangels königlicher Ausstrahlung leicht einmal überforderte Familien- und Märchenlandoberhaupt (Hans Ruchti) für sich einzunehmen. Und dann ist da auch noch ein Frosch (David Berger) mit überspannter Anspruchshaltung. Essen und trinken und schlafen will dieser an der Seite von Lilli und obendrein von ihr geküsst werden, kaum hat sie sich vom «Fröschli» helfen lassen und locker ein leeres Versprechen abgegeben. Ein «altmodisch» am Deal festhaltender Frosch freilich mag nicht gleich klein beigeben, sondern gibt sich cool und selbstbewusst. Warum nicht mit Rap und Beatbox. Die Nummer zieht - auch bei «Bonze-Tussene», denen allmählich dämmert: So ein «Super-Frosch» hat trotz Basler Dialekt mehr drauf, als seine Erscheinung vermuten lässt. Zugegeben: Gestalt und Äusseres des auch noch sprechenden Brunnenwesens generell sind von begrenzter Attraktivität. Der grüne Schlaks hat einen Bauchansatz und von Kopf bis Fuss jene Überlänge, die höchstens zweifelhafte Froschschenkel-Liebhaber begeistern kann. Zudem ist nachvollziehbar, dass seine tentakelartigen Arme und ausgewachsenen Tastpunktfinger auf ein zartes Pflänzchen wie Lilli etwas abschreckend wirken. Einige harte Prüfungen vor dem auch bei Hub unausweichlichen Happy End sind da auf der von Markus Schmid ohne Schnickschnack eingerichteten, leicht wandelbaren Stadttheaterbühne nicht zu umgehen. Lilli sieht sich jedenfalls in ein Hochzeitskleid mit neckischen Frosch-Dekorationen (Kostüme: Eva-Maria Pfeifer) gesteckt, ihr Leibfrosch in einer Kiste entsorgt. Nach der vom König voreilig anberaumten Trauerfeier dankt dieser zugunsten des kurzum ernannten Frosch-Königs ab, der sich alsbald mit Lilli versöhnt und sich erst noch als Prinz ganz in Weiss entpuppt. Kein Wunder, haben die grossen Schwestern den Wunsch nach einem eigenen Frosch auf der Zunge.

Geradlinige Inszenierung

Eine derart abenteuerliche Spielanlage könnte zu überzogenen Regiemätzchen auch im Vertrauen auf eine leistungsfähige Bühnenmaschinerie verleiten. Bartels hat dieser Versuchung widerstanden. Seine geradlinige Schweizer Erstaufführung hat auch so unverbrauchten Drive und Schmiss genug. Zumal sich Hubs «Froschkönig»-Version keinesfalls in gewitzten Dialogen erschöpft. Nicht weniger Gewicht haben Gesangparts aufgrund neu belebter Arien und Lieder etwa von Mozart, Schubert und Verdi mit Songtexten Ariane von Graffenrieds und des Dramaturgen Balz Wolfensberger.

Das mit Studierenden im Schauspielfach ergänzte Ensemble kommt damit - so der Eindruck bei der Bieler Premiere - bis hin zu einer finalen Menü-Collage ganz gut zurecht. Barthels Regie bürgt denn auch für eine fraglos familientaugliche Stadttheaterproduktion, selbst wenn die Klein(st)en ab 6 Jahren zumindest auf Sprachebene wohl kaum allen Anspielungen und Nuancen der Inszenierung folgen können.

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