Literturdebatte
Grass: Schweizer Schriftsteller sehen keine antisemitischen Aussagen

Für sein Gedicht über Israel wird Günter Grass in Deutschland einhellig verurteilt und als Antisemit beschimpft. Jetzt erhält Grass Unterstützung aus der Schweiz.

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Literaturnobelpreisträger Günter Grass (Archiv)

Literaturnobelpreisträger Günter Grass (Archiv)

Keystone

Wie der Schriftsteller Adolf Muschg in der Zeitung „Der Sonntag" schreibt, ist der Antisemitismus-Vorwurf gegen seinen deutschen Kollegen Günter Grass «so absurd unbillig und unverhältnismässig, dass man über die fast geschlossene Front gegen den Autor nur staunen kann».

Muschg ist damit der erste international renommierte Schriftsteller, der sich auf die Seite von Günter Grass schlägt. Seine Kritiker würden Grass «für etwas geisseln, was er nicht geschrieben hat; sie verurteilen ihn, dass er geschrieben hat; sie strafen ihn dafür ab, dass er ist, und dass er auch noch Grass ist». Grass werd die Kompetenz abgestritten, Kritik an Israel zu üben.

«Warum», fragt Muschg, «drückt sich die deutschsprachige Reaktion fast einhellig vor der Frage, ob sich diese Kritik denn erledigt hat? Und womit hat ein Autor wie Grass das Recht verwirkt, sich weltbürgerlich zu äussern? Warum begnügt man sich damit, seinen ernst gemeinten Beitrag indiskutabel zu finden?» «Das dröhnende Schweigen» zeige, «dass die Selbstgefälligkeit nicht nur auf seiner Seite» sei.

Lewinsky: "Peinlich realitätsfremd"

Andere Schweizer Autoren wie Klaus Merz und Lukas Bärfuss üben zwar auch Kritik am umstrittenen Gedicht, sehen Grass aber nicht als Antisemiten. Pedro Lenz schreibt: «Ich erkenne, selbst nach mehrmaliger und sorgfältiger Lektüre des Gedichts, keine antisemitischen Aussagen darin. Die politischen Ansichten in seinem Gedicht scheinen mir absolut nachvollziehbar und legitim.» Lenz dünkt zudem «die da und dort geäusserte, selbstgerechte Empörung über das Gedicht heuchlerisch».

Selbst der jüdische Schriftsteller Charles Lewinsky meint: «Wenn man den Begriff der Meinungsfreiheit ernst nimmt, dann darf man das natürlich. Auch wenn man Deutscher ist. Auch wenn man Grass heisst. Nein, als antisemitisch empfinde ich das ‹Gedicht› nicht. Nur als peinlich realitätsfremd.»

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