Nachruf

Gottfried Honegger glaubte unerschütterlich an die Kunst

Gottfried Honegger 2012 in seinem Atelier in Zürich.

Gottfried Honegger 2012 in seinem Atelier in Zürich.

Der Zürcher Künstler Gottfried Honegger ist 98-jährig gestorben. Aktiv und streitbar war er bis zum Schluss.

Eleganter Kreisbogen, rechter Winkel: Man steht mit Gottfried Honegger vor einem seiner schönen, grossformatigen Reliefs – und schon schweift er ab. Scheinbar. Spricht über Kunst und Freiheit, klagt über die Verluderung der Stadt und schimpft über die menschenverachtende Politik. Denn Kunst und Politik waren für Honegger kein Widerspruch – im Gegenteil.

«Widerstand aus Verantwortung» hiess ein Textband, den er 1976 herausgab. Getrieben vom Verantwortungsgefühl gegenüber den Menschen handelte dieser engagierte Jahrhundertkünstler, dieser Linke und Mahner zeitlebens.

Die Geometrie wurde in den 1950er-Jahren zu seiner Leitlinie. Sie war für ihn Grundlage des Universums, Basis der Natur und der Kunst. Aber anders als bei den anderen Künstler der Zürcher Konkreten ergab bei ihm zwei plus zwei nicht zwingend vier. Vielmehr glaubte er an das Prinzip von Regel und Abweichung. «Sehen Sie, die Natur ist geometrisch gebaut, aber sie ist nicht perfekt. Immer steht etwas vor oder fehlt etwas.» Das tue der Schönheit keinen Abbruch – im Gegenteil.

Auch in sich selber musste der 1917 in Zürich geborene Honegger zwei Welten vereinen. «Mein Vater kam aus dem zwinglianisch strengen Zürich, meine Mutter aus dem katholischen sinnlicheren Engadin – die beiden Pole in mir, in meinem Werk zusammenzubringen, war das Schwierigste.» Zur Kunst kam der Arbeitersohn auf Umwegen. Er begann als Grafiker und wagte, nach einem USA-Aufenthalt in den 1950er-Jahren, sich als Künstler selbstständig zu machen. Dazu ging er nach Paris.

Honegger der Prediger

Aus den Malereien entwickelte er Reliefs, spielte bei ihnen virtuos mit dem Prinzip von Regel und Fehler – und liess sich gerne vom Zufall leiten. «Ich habe oft gewürfelt, welche Komposition, welche Farbe ich verwenden soll.» Selbst das Mittagsmenü habe er mit dem Würfel bestimmt. «Wenn es nur vier Menüs gab und ich fünf würfelte, so habe ich halt aufs Essen verzichtet.» Kein Wunder also, liebte Honegger, die Möglichkeiten der digitalen Technik, er experimentierte bereits in den 1970er-Jahren mit computergenerierten Zufalls- und Variations-Möglichkeiten.

Aus den Reliefs entwickelte Honegger Skulpturen und Platzgestaltungen. Dabei ging es ihm immer um «das Ganze», um einen Dienst am Menschen. So soll sein blauer Platz an der Universität Irchel inmitten der grossen, klaren Gebäude den Himmel spiegeln und die Bewohner in der künstlichen Umgebung gleichzeitig wieder erden.

Manchmal wirkte Gottfried Honegger wie ein Prediger. Seine Mission hiess Menschlichkeit. Seine Botschaft: Im Kern ist jeder Mensch gut, aber er muss seine Fantasie entwickeln können. Das zeigt auch Erich Langjahrs eben in den Kinos angelaufener Dokfilm «Für eine schöne Welt».

Honeggers Glaube an die Kunst war unerschütterlich. In ihr sah er die Quelle und das Instrument für eine bessere Welt. «Er glaubt, was er sagt», attestierte ihm einst Freund Max Frisch. «Er kümmert sich eifrig und tätig um öffentliche Angelegenheiten, was ihm keinen Nutzen bringt – im Gegenteil.»

Hassliebe zu Zürich

Honegger war klar in seiner Kunst und klar in seiner linken Haltung. Auch wenn er sich mit der sozialdemokratischen Partei überwarf, auch wenn er Zürich jahrelang den Rücken kehrte, weil er die Banken-und Schrebergärten-Mentalität nicht aushielt.

Trotzdem half er nicht nur mit, hier das Haus Konstruktiv zu gründen, sondern wollte um 1990 mit seiner Lebenspartnerin Sybil Albers seine Sammlung der Stadt Zürich schenken. Die lehnte ab. Wieder suchte er Zuflucht in Frankreich. «Da gibt’s wenigstens einen richtigen Kulturminister», sagte er uns, «und die Kunst wird ernst genommen.» In Mouans-Sertoux bei Cannes baute er unterstützt von Kulturminister Jack Lang sein Museum – inklusive Werkstätten für Kinder und Behinderte.

2005 kam Gottfried Honegger nach Zürich zurück, gab sich gelassener. Altersmild? Er lachte. «Im Gegenteil. Mit über 90 darf ich sagen, was ich will.» Am Sonntagnachmittag ist er friedlich – und für immer – eingeschlafen.

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