Das war ein Spiel für Genies. Johann Heinrich Füssli und sein englischer Malerkollege Thomas Banks wetteiferten im Rom der 1870er-Jahre miteinander, wer aus fünf zufällig auf ein Blatt gesetzten Punkten die bessere Figur kreieren könne. An den fünf Punkten mussten Hände, Füsse und Kopf platziert werden. Füssli schuf innert Minuten geniale Männerakte. Einen der erotischen Muskelprotze bezeichnete er als Prometheus.

Der griechische Gott – so erzählt es die antike Sage – formte den Menschen und stahl für ihn mithilfe einer Fackel das lebensnotwendige Feuer von der Sonne. Dafür wurde er von Zeus bestraft, an einen Fels gekettet, wo ihm ein Adler täglich die Leber aushackte – bis Herakles ihn befreite.

Das Thema über 250 Jahre

Die Sage steht also für göttliches Feuer und höllische Strafe, für Schöpferkraft, Fesselung der Kreativität und Befreiung. Kein Wunder, hat Prometheus Dichter, Maler und Komponisten immer wieder beschäftigt. Die Zürcher Festspiele haben sich dieses Jahr «Die Fackel des Prometheus» als Motto auf die Fahnen geschrieben. Was das bildnerisch heisst, zeigt das Kunsthaus Zürich in einer kleinen, aufschlussreichen Schau mit Johann Heinrich Füssli, aus dem 18. Jahrhundert, und mit Javier Téllez (*1969), dem heutigen Multimediakünstler aus Venezuela.

Füssli, der Künstler des Sturm und Drang, liess nicht nur Herakles den angeketteten Gott befreien, sondern entfesselte selber die Aktzeichnung aus ihren strengen akademischen Vorgaben. Der «Wild Swiss», wie man ihn in seiner Wahlheimat London nannte, beschwor die Schönheit der Antike und verspottete gleichzeitig die homoerotischen Mode-Traumbilder seiner Zeit. Er schuf seine Männerakte – trainiert durch das Fünf-Punkte-Spiel – in allen Stellungen und Lagen. Seinen Prometheus-Typ zeigt er als stolzen, aufrechten Bogenspanner wie als gefallenen Gott, als verkrümmt Kauernden wie als monumentalen Recken.

Gegensätze in der Haltung und der Kunstgeschichte thematisiert auch Javier Téllez in seiner filmischen Doppelprojektion. Zum einen rotiert vor seiner auf Details fokussierenden Kamera der monumentale Bronze-Prometheus von Arno Breker. Zum anderen ist es der winzige «Zwitter» von Karl Genzel, alias Karl Brendel. Der erste wurde von den Nazis 1937 als Inbegriff germanischer Schönheit gefeiert, der andere als entartete Kunst eines Geisteskranken gebrandmarkt. Téllez befreit sie aus diesen ideologischen Fesseln und stellt sie einander gleichwertig gegenüber.

Die Fackeln des Prometheus Kunsthaus Zürich, bis 12. Oktober.