«Herr Macbeth»

Geschrumpfter Shakespeare im Vorstadttheater

«Herr Macbeth oder Die Schule des Bösen» ist noch bis zum 8.Mai im Vorstadttheater in der St. Alban-Vorstadt zu sehen.

«Herr Macbeth oder Die Schule des Bösen» ist noch bis zum 8.Mai im Vorstadttheater in der St. Alban-Vorstadt zu sehen.

Brachial, skurril, temporeich und grell: Ein glänzendes schauspielerndes Quartett macht aus «Herr Macbeth oder Die Schule des Bösen» alles andere als eine Tragödie.

«Gerecht ist schlecht/und schlecht ist recht», singen die Hexen «im Heideland/bei den verbrannten Erden», und sie weissagen Macbeth, dem mutigen Krieger, einen rasanten gesellschaftlichen Aufstieg. Er wird, sagen sie, zuerst «Thane of Cawdor» werden und es später bis auf den Königsthron schaffen. Er witzelt darüber zwar erst noch mit seinem rotbärtigen «besten Freund» Banquo, denn König Duncan sitzt nach der eben gewonnenen Schlacht fest auf dem Thron, aber das Gift der Hexen beginnt doch zu wirken. Macbeths Ehrgeiz ist erwacht und wächst, schon gar, nachdem er seiner Frau von der Prophezeiung erzählt hat.

Die Geschichte ist bekannt, jedenfalls in groben Zügen. Shakespeare erzählt in der 1611 uraufgeführten «Tragedy of Macbeth» davon, wie Machthunger grausam machen kann und Macht blind. Es ist ein gewaltiges, grosses Stück: klassische fünf Akte mit insgesamt fünfundzwanzig Szenen und etwa dreissig Figuren plus Lords, Edelleuten, Anführern, Kriegern, Mördern, Boten – auf der Bühne im Vorstadttheater (Regie: Matthias Grupp) sind es jedoch nur vier. Aber was für welche! Gina Durler, Kaspar Weiss, Dominique Müller und Markus Mathis, vier lemurenhafte Gruftis in fantastisch verzopften Kostümen (Eva Butzkies), sind am Premierenabend glänzend unterwegs in der bis aufs Gerüst verknappten Story «frei nach William Shakespeare» (Dramaturgie und Text: Ueli Blum). Und es bleibt auch in der Schrumpffassung eine finstere und blutige Sache, denn Macbeth muss alle, die ihm und seiner Lady noch vor der Krone stehen, aus dem Weg räumen, selbst Freund Banquo. Dann endlich scheint seine Königswürde gesichert – haben die Hexen nicht auch gesagt, dass kein von einer Frau Geborener ihm noch gefährlich werden kann? Und er erst besiegt wird, wenn sich der Wald von Birnam in Bewegung setzt? Wer rechnet denn im 17. Jahrhundert mit Kaiserschnittkindern und Soldaten in Tarnanzügen?

Lustvolles Hochdrucktheater

Aber eine Tragödie sehen wir definitiv nicht. Erzählt wird brachial und skurril, vielsprachig, temporeich und grell, und es gibt nur wenige etwas stillere Momente, in denen die Aufführung Atem holt und sich fast auch eine Ahnung vom illusionslosen Shakespeareschen Ernst einstellt. Aber nur kurz.

Matthias Grupp inszeniert einen lustvoll frechen Abgesang auf jede Moral und Verbindlichkeit, der sich seiner szenischen Mittel sicher ist. Und der gelingt – nur die Hexen und der Geist des toten Banquo haben es schwer, im allgemeinen Irrwitz noch eine Art von Gegenwelt zu behaupten. Der Stolz wirft sich in die Brust, die Falschheit grinst, Blutspuren werden überpudert; Rudi Carrells «Lass dich überraschen» wird angestimmt und Elvis Presleys Gospelsong «Peace in the Valley». Aber schön singen will niemand im Ernst, es geht um Effekt, Assoziation und Überzeichnung. Der Dudelsack wird imitiert, und das feierliche «Miserere» nach der Beerdigung von König Duncan endet mit einem scheinheiligen «Amen, e buon appetito».

Aber was soll man erwarten in einer Welt, die schon halb untergegangen ist? Auf der Bühne liegt eine gestrandete Halbkugel aus Eisenstangen und Blech (Bühne: Andreas Bächli), sie ist Versteck und Thron, Beobachtungsposten und Sterbezimmer in einem, hier und dort schon löcherig und rostig, auf die der Schlachtenlärm eingetrommelt wird und die innen rot erglüht, wenn sich Lady Macbeth umgebracht hat.

Fünf Viertelstunden Hochdrucktheater. Und eine «Schule des Bösen», wie im Titel mit angekündigt, für die (ab 12 Jahren), die unter Lernen den Genuss einer nahtlos kompakten Demonstration verstehen.

«Herr Macbeth oder Die Schule des Bösen» Frei nach William Shakespeare, Hausproduktion Vorstadttheater Basel. Nächste Vorstellungen: 26. April, 19 Uhr; 27. April, 10.30 Uhr; 6. und 7. Mai, 19 Uhr; 8. Mai, 11 Uhr.

www.vorstadttheaterbasel.ch

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