Darf das denn sein? Dass man auch schmunzelt und herzhaft lacht, wenn es um das Leben mit Einschränkungen geht? «Aber sicher», sagt Festivalleiter Gerhard Protschka, «Humor ist so unendlich wichtig, um die Verkrampfungen und Unsicherheiten zu lösen, die individuell und gesellschaftlich bei diesen Themen immer noch bestehen.» Er erlebe an diesem Festival regelmässig ein grosses Aufatmen, eine wohltuende Entspannung im Publikum und bei Betroffenen. Rund 2000 Filme hat sich die Auswahlkommission für diese 6. Ausgabe von «Look & Roll» angeschaut, 21 Produktionen aus elf Ländern weltweit wurden schliesslich ausgewählt, und zwölf weitere Filme zum Thema Alter werden ausserhalb des Wettbewerbs gezeigt. Ein reichhaltiges Programm für vier Tage.

Zu viel Sicherheitsdenken lähmt

Das verlangt eine strenge Selektion. Welches sind dabei für Gerhard Protschka die wichtigsten Kriterien? «Respekt, Authentizität und künstlerische Kraft», sagt er spontan. Wobei dies gar nicht immer politisch korrekt daherkommen müsse. Zu viel Sicherheitsdenken, die Angst, auch mal konfrontativ zu sein, wirke eher lähmend und führe zu Produkten mit einem Missverhältnis von «gut gemeint» und «nicht gut gemacht». Das Programm von bietet einen erfrischenden Kontrapunkt zum allgegenwärtigen Perfektionswahn und ist gleichzeitig ein Willkommensgruss an Menschen, die mit Einschränkungen leben. Intelligent, kritisch und voller Witz. «Schwächen sind kein Grund zur Scham», betont Protschka, «sondern Teil jeder menschlichen Existenz.»

Das Publikum kann sich auf eine hochkarätige Auswahl freuen, die eine karitative oder mitleidige Haltung bewusst vermeidet. «Down with pity!», heisst denn auch das humorvoll-kämpferische Motto der aktuellen Ausgabe. Etliche dieser Filme sind an bedeutenden Festivals wie bei Sundance oder in Cannes gezeigt worden und haben dort Preise gewonnen. So kommt in Basel auch der Oscar-gekrönte Kurzfilm «Stutterer» des Engländers Benjamin Cleary auf die Leinwand, in dem ein schüchterner Stotterer auf unsicheren Umwegen seine Liebe findet. Im norwegischen Animationsfilm «Die Möwe ist schuld» erzählt Protagonist Pelle auf berührende Weise, wie sich bei ihm als Teenager erste Anzeichen von Zwangsstörungen und Tourette-Syndrom zeigten. Was Blinde an Sehenden nervt, rückt der Experimentalfilm «Der beste Weg» originell mittels Computerstimme und rein typographischer Gestaltung ins Zentrum.

«Look & Roll» scheut auch die schwierigen Grenzerfahrungen nicht. «Ich lass Dich gehn» aus Holland schildert den Weg der 27-jährigen Sanne, die an einer Borderline-Störung, chronischer Depression und Schlaflosigkeit leidet und sich nach neun Jahren erfolgloser Therapie entschliesst, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Bei einer Sonderveranstaltung zu diesem Film werden auch Sannes Vater und die Regisseurin Kim Faber anwesend sein. Gerhard Protschka stellt fest, dass Filme zu Autonomie, De-Institutionalisierung, Sexualität und Arbeitsintegration deutlich zunehmen. Ein erfreulicher Trend, der zeigt, dass das Selbstbewusstsein und Bedürfnis nach eigenständigen Lebensformen im Wachsen begriffen sind.

Fortschrittliches Nordeuropa

Gleichzeitig fällt die Dominanz von Filmen aus dem englischsprachigen Raum und aus nordeuropäischen Staaten auf. Der Festivalleiter verweist darauf, dass uns diese Länder im Umgang mit Behinderung um 20 bis 30 Jahre voraus sind. Da herrsche ein ganz anderes Selbstverständnis. Fortschrittliche Haltungen und Regelungen, um die man bei uns noch mühsam kämpfen müsse, seien dort bereits gang und gäbe. Das wirke sich auch auf die freudige Frechheit und Freiheit der Filme und ihrer Protagonisten aus.

Wie aber stellt sich Gerhard Protschka den idealen Zuschauer für sein Festival vor? «Das ist schlicht jeder Mensch, der sich mit sich und seiner Rolle im Umgang mit Schwächen auseinandersetzt. Und darin sind die Behinderten ja Profis.» Das ist wohl genau die Herausforderung, vor die uns «Look & Roll» auf anschaulichste Weise stellt: Wie gehen wir als Individuen und als Gesellschaft mit Beeinträchtigungen um? Und welche Bedeutung hat für uns generell menschliche Vielfalt? Man darf bei «Look & Roll» ganz ungeniert alles: schauen, denken, fühlen – und lachen.