Kabarett

Gerhard Polt: «Das Böse kommt im Nebensatz»

© 2016 Gerhard Polt tourt durch die Schweiz

Gerhard Polt tourt durch die Schweiz

© 2016 Gerhard Polt tourt durch die Schweiz

Gerhard Polt erzählt, woher seine verschrobenen Figuren stammen und wie Bayern von der Schweiz Demokratie gelernt hat.

Es ist Advent. Gerhard Polt und die Well Brüder aus’m Biermoos touren durchs Land. Nach Zürich und Bern spielen sie heute Abend in Basel ihr neues Programm. Ein Wiedersehen mit diesen Polt-typischen Menschen, diesen eigensinnigen Grenzgängern, die «40 Jahre hart am Leberkaas gespart» haben, um letztendlich in einer «Wohnanlage mit Grillverordnung» zu enden. Da kann es schon mal vorkommen, dass sie den Überblick verlieren und meinen, die Lactose käme aus demselben Ausland, wie jene «Scheichs und Scheichinnen, die noch vor dem Frühstück in Münchens Nobelmeile eine Rolex kaufen.»

Polt, seit über 40 Jahren im Kabarettgeschäft, beherrscht sein Metier – und er liebt seine Figuren. Er weiss Bescheid über Schweizer Politik, über Blocher und die SVP. Gestern Morgen, nach seinem Auftritt in Zürich, nahm er sich Zeit für ein Gespräch.

Guten Morgen, Herr Polt

Gerhard Polt: Guten Morgen. Sind Sie der Journalist aus Basel?

Ja, von der bzBasel. Nicht von der anderen.

Ich hab in der NZZ gelesen, dass der Blocher anscheinend stark Medien einkauft. Man spricht bereits von einer Berlusconisierung der Schweiz. Interessant find ich in diesem Zusammenhang, dass in Italien Zeitungen subventioniert werden. Ich weiss nicht, ob das gut ist, interessant ist es aber alleweil.

Bei uns wehren sich die Verleger dagegen, weil sie um ihre Unabhängigkeit fürchten.

Ja, klar. Der schöne Satz stimmt eben: Wes Brot ich ess, des Lied ich sing. Ein altes Problem.

In Ihrem Programm sind die SVP und die Familie Blocher ein wiederkehrendes Thema. Verfolgen Sie die Schweizer Politik?

Ja, das tu ich. Ich beschäftige mich ja nicht verbissen mit Politik. Aber ich höre Satellitenradio. Einerseits aus allen deutschsprachigen Ländern, aber auch aus Schweden, England oder Italien. Einfach von da, wo ich die Sprache verstehe. Ich find es spannend, zu hören, welche Themen die Menschen wo beschäftigen. Wenn man schon von Europa spricht, ist es ganz interessant zu sehen, dass sich beispielsweise Italien kaum mit der Ukrainekrise beschäftigt, während das in Schweden sehr wohl ein Thema ist.

Wie sehen Sie die Schweiz aus dieser Perspektive?

Für Bayern mit meinem Jahrgang war die Schweiz immer schon wichtig. Nach dem Krieg wurde die politische Struktur des Freistaats Bayern stark vom Sozialdemokraten Wilhelm Hoegner geprägt. Der kam aus dem Schweizer Asyl zurück und hat Einiges aus der Schweiz miteingebracht, unter anderem die grosse Gemeindeautonomie.

Dann haben die Bayern ihren Staat nach Schweizer Modell gegründet?

So ist es! Und ich find es immer noch spannend, wie die Schweizer Politik funktioniert, welches Verhältnis der Staat hier zu den Kantonen und diese wiederum zu den Gemeinden haben.

Wegen Ihren Programmen dachte ich früher, Alt- und Neo-Nazis gäbe es vor allem in Bayern. Nun gibt es solche auch in Dresden. Was ist passiert?

Ich würd’s Ihnen gerne sagen, aber das ist mir selbst ein Rätsel. Ich frag mich wie alle, was da wirklich los ist. Das Phänomen dieser neuen rechten Bewegungen gibt es in allen ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten, mit Ausnahme der baltischen Länder. Schon ein merkwürdiges Phänomen, dass gerade in Ostdeutschland, wo es so wenige Ausländer gibt, so viele AfD wählen.

Hätten Sie sich vor zehn Jahren vorstellen können, dass eine Aussenrechts-Partei wie die AfD in den Bundestag einzieht?

Ich hätt es mir nie gewünscht, aber vorstellen hätt ich mir das schon können. In Bayern hatten wir ja vor etlichen Jahren auch diese Partei namens Republikaner, eine stramm rechte Partei, die auf 14 Prozent kam. Der Führer hiess Schönhuber, der ja beinah Intendant des bayerischen Rundfunks geworden wäre. Gestolpert ist er erst über sein Buch, in dem er beschreibt, wie interessant er seine Zeit bei der Hitlerjugend fand. Mit ihm verschwand dann auch die Partei von der Bildfläche.

In dem Sinne sind Sie nicht erstaunt darüber, dass solche Figuren wieder auftauchen?

Nein, mich erstaunt mehr, dass das auch in Dänemark oder Schweden passiert, in Ländern also, die ein gutes Sozialsystem haben.

Sie spielen in Ihrem Programm einen Grossvater und eine alte Frau. Beide lassen sich über Kinder, Jugendliche und über Erziehung aus. Haben Sie selbst Enkel?

Nein, leider nicht. Ich hab diese Geschichten geschrieben, weil wir eine alternde Gesellschaft sind. Es sind die Grosseltern, die zwar mitbestimmen, aber gleichzeitig ziemlich ratlos sind, angesichts der Veränderungen so vieler Lebensbereiche. Ich selbst bin Jahrgang 1942 und wurde von denselben Dingen geprägt: Von den Rückkehrern aus der Kriegsgefangenschaft in Russland, von Menschen, die den Krieg erlebt haben. Ich bin in einer Zeit gross geworden, in der viele Menschen körperlich und geistig demoliert waren. Das hat meine Generation geprägt.

Sind Ihre Figuren deshalb so verschroben?

Für die Bühne ist es immer interessant, wenn eine Figur nicht eindeutig ist. Wenn sie nicht auch sympathisch wäre, würden ihr die Leute gar nicht zuhören. Erst sagt die Figur einige nette Sachen, um dann im Nebensatz richtig Böses von sich zu geben. Das macht dann Freude. Aber ich stell mich nie über die Figuren. Das würde ich nie tun.

Mögen Sie die Adventszeit in der Schweiz eigentlich besonders, dass Sie immer dann hier auftreten?

Die Besuche zu dieser Jahreszeit haben nichts mit dem Advent zu tun. Das geht zurück auf die Zeit, als es den Haffmans Verlag in Zürich noch gab, als Peter Haag, der heute meinen Verlag Kein & Aber leitet, noch dort arbeitete. Haffman selbst war der Schwiegersohn von Loriot. Dieser wiederum feierte 1983 seinen 60. Geburtstag in Zürich. Da war ich erstmals zu dieser Jahreszeit hier. Seither komm ich immer wieder.

Haben Sie eine spezielle Beziehung zu Basel?

Als junger Mensch hab ich im Bayrischen Rundfunk den Alfred Rasser gehört. Das war ganz erstaunlich. Ich hab damals zu ersten Mal «Schwyzerdütsch» wahrgenommen. Ich find es übrigens sehr sympathisch, dass es sein Theater immer noch gibt. Sonst kenn ich die wunderschöne Innenstadt und weiss, dass es in Basel den einzigen protestantischen Karneval gibt. Und in der römischen Arena hier in der Nähe war ich auch schon.

Beschäftigen Sie sich mit Fussball?

Eigentlich nicht. Aber man wird ja mit Fussball beschäftigt (lacht).

Gerhard Polt und die Well Brüder aus’m Biermoos: Mittwoch, 13. Dezember, 20 Uhr, Rhypark, Basel. www.starticket.ch.

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