Bittersüss ist seine Kunst. Sie provoziert ein Lächeln und kann im gleichen Augenblick kleine Schauder des Staunens einjagen. Es ist, als taste sich da einer ans Unbewusste, als möchte er einen ertappen im heimlichen Biss unserer Gedanken, in der naivsten Erinnerung, in der verdrängten Ahnung über den doppelten Boden der Welt. Rätselhaft ist seine Figuration: Traum, Fiktion, Hyperreales und die reine malerische Geste gehen witzige wie verstörende Bündnisse ein.

Francisco Sierra ist der Schöpfer der kleinformatigen Bilder, die zurzeit im Art Foyer der Helvetia Versicherungen am Steinengraben in Basel zu sehen sind. Während auch grosse Leinwände seine plastische Fantasie in fotorealistische Visionen kippen lassen, entwickelt er die «kleine» Reihe unter dem Titel «NewExBolígrafo» seit 2015 kontinuierlich weiter. «Bolígrafo», spanisch ein Kugelschreiber, verweist auf den zeichnerischen Ursprung der Motive.

Der ganzen Schau hat allerdings ein dreidimensionales Objekt den Titel gegeben: «Die Bese Flöht». Sierra hat den Stiel eines handelsüblichen Besens in eine Flöte verwandelt. Die Fantasie lässt alles zu, die Malerei macht’s wahr – und die Dinge sind so haargenau überprüfbar, dass sich jeder Widerspruch gegen diesen tonlosen Besenstiel in Nichts auflöst.

Mit einem Dach aus Bananen steht ganz allein auf der grünen Wiese eine Kirche. An ihrem Turm mahnt die von schmalen Lippen gerahmte Uhr: Es ist fünf vor zwölf. Den weissen Wurzeln, die sich im Krebsgang so innig zugewandt sind, fehlt der Kopf. Die Blockflöte wehrt sich gegen ihre Verkleinerung und überspannt darum im Massstab 1:1 gleich mehrere Bildtafeln.

Mit Künstlerfreund Paravicini

Genau besehen sind die zärtlichen Kleinstformate, mit denen Francisco Sierra schon vor Jahren überraschte, alles andere als harmlos. Das Winzige stellt Unheimliches und Widersinniges mit besonderem Genuss ans Licht. Manierlich münzt es den Abgrund in Komik um, liebevoll wahrt es den Eigensinn seiner humanen, tierischen oder pflanzlichen Protagonisten.

Dass eine kleine Auswahl neuer Werke des 1977 in Chile geborenen, in der Ostschweiz aufgewachsenen Autodidakten Francisco Sierra im Art Foyer der Helvetia Versicherungen zu sehen sind, hat mit seinem Bezug zur hauseigenen Sammlung zu tun. «Wir bespielen das Art Foyer mit drei bis vier Ausstellungen pro Jahr», sagt Nathalie Loch, Kuratorin der Fachstelle Kunst bei Helvetia. «Entweder sind dies thematische Ausstellungen, die Werke aus unserer eigenen Sammlung einschliessen, oder Solopräsentationen von Künstlerinnen und Künstlern, die bei uns bereits vertreten sind.»

Francisco Sierra hat einen Künstlerfreund zur Teilhabe an der Ausstellung empfohlen: Camillo Paravicini. Würde die Einladungskarte nicht beide Namen nennen, wäre man versucht, Paravicinis Bildwelt auch Sierra zuzuschreiben. Denn der um zehn Jahre jüngere Paravicini teilt mit ihm jene Könnerschaft, die im Material Charaktere findet und auch Alltagsdingen humane Züge nachweist. So sitzt auf dem kleinen Modell von Harry Bertoias Designer Stuhl ein amorpher Körper, kopflos und einbeinig, etwas stumpf, aber nicht unsympathisch. Auf Le Corbusiers Ledersessel thront ein Rumpf mit Extremitäten, die tropfengerade nach unten weisen. Alles – so erinnert man wieder – hat mit einem Klumpen Lehm angefangen. Und mit dem Willen, sich zurechtzufinden, auch wenn das Leben bizarre Blüten treibt.