Spinnweben hängen zwischen den Regalen, lassen nur gedämpftes Licht auf die Buchrücken fallen. Eine dicke Staubschicht bedeckt die Dan Browns, Tucholskys und Agatha Christies. Neue Bücher werden ordentlich einsortiert, um dann unberührt zu verharren. Es ist das düstere Zukunftsbild der Bibliotheken, bewacht von einem alten, grauen Hausdrachen, zugrunde gerichtet von der Tyrannei der E-Books, Streamingdiensten und lesefaulen Schweizerinnen und Schweizern. Eine jahrtausendealte Geschichte ist überflüssig geworden. Gemieden, verschmäht und schliesslich kampflos untergegangen.

Aufwärts dank E-Books

Oder doch nicht? Die Statistiken scheinen dieses Szenario noch zu stützen. Seit einigen Jahren stagnieren die Zahlen aktiver Bibliotheksbenutzer. Die Stadtbibliothek Aarau verzeichnet in den letzten zehn Jahren einen Rückgang von gut 20 Prozent. Der Stadtbibliothek Baden geht es mit 17 Prozent nur unwesentlich besser. Wird der Dinosaurier «Bibliothek» vom Meteor «Internet» ausgerottet? «Überhaupt nicht», sagt Lilo Moser, Leiterin der Stadtbibliothek Aarau, «unsere Bibliothek steht sehr gut da.».Sie räumt ein, dass zwar weniger Bücher ausgeliehen würden – der Rückgang beträgt etwa zwei Prozent im letzten Jahr –, «das machen wir aber mit den E-Book-Ausleihen wieder wett». E-Books, also digitale Bücher, die man mit einem iPad oder E-Book-Reader für eine bestimmte Zeit kostenlos ausleihen kann, sind keineswegs ein «Bibliothekskiller». Seit der Einführung im Jahr 2013 nehmen die Ausleihen stetig zu. Doch wie erklärt sich die Stadtbibliothek den Besucherrückgang? «Die Abokosten sind gestiegen, dafür kann eine grössere Anzahl Bücher über eine Mitgliedskarte ausgeliehen werden. Dies führt dazu, dass sich viele Familien entscheiden, nur noch ein Abo zu lösen», sagt die Hüterin der Aarauer Bücher.

Das zeigen auch die Ausleihzahlen. In den letzten zehn Jahren haben sie sich fixiert. Im Jahr 2014 wurden in der Stadtbibliothek Aarau 290 000 Medien ausgeliehen, zwei Prozent mehr als im Vorjahr.

Aarau ist die schweizerische Hauptstadt der Bibliotheken. Zwei grosse Organisationen, die «Bibliothek Information Schweiz» wie auch die «Schweizerische Arbeitsgemeinschaft der allgemeinen öffentlichen Bibliotheken» haben ihren Hauptsitz in der Aarestadt. Doch wie sieht es an der Limmat, in Baden, aus? Die Zahlen erstaunen: Fast doppelt so viele Medien haben die Badener in den letzten acht Jahren ausgeliehen. Eine steile, fast einmalige Kurve in der Bibliothekslandschaft Schweiz. Die Verantwortung für diesen Höhenflug trägt Pia-Maria Rutishauser. Als sie die Leitung der Bibliothek vor acht Jahren übernahm, wurde auch der Leistungsauftrag der Bibliothek neu definiert: Aus der Studienbibliothek soll eine leistungsstarke Stadtbibliothek werden. Dazu mistete sie den Bestand aus. Uninteressante, kaum ausgeliehene Bücher mussten neuen weichen, immer mit dem Fokus auf Aktualitäten. Geld wurde in den Umbau und neue Services investiert. «Wir haben vieles rund um den Kundenservice verbessert. Auch unsere Öffnungszeiten haben wir stark angepasst.» Satte 63 Stunden pro Woche sind die Tore ins Bücherreich geöffnet.

Längere Öffnungszeiten machen noch keine Bibliothek zu einem Massenmagneten, trotzdem ist dies ein entscheidender Erfolgsfaktor. Der Deutsche Bibliotheksverband hat in einer gross angelegten Studie untersucht, wie Menschen zurück in die Bibliothek geholt werden können. Erweiterte Öffnungszeiten und ein attraktives Veranstaltungsangebot wurden häufig genannt. Es erstaunt nicht, dass die beiden Bibliotheken Aarau und Baden genau dort stark sind. «Wir sind schon längst keine Tankstelle mehr für Bücher», sagt Rutishauser. «Wir sind ein Veranstaltungsanbieter und setzen auf wirkungsorientierte Angebote, die Lust auf Lesen machen.» Auch die Aarauer Bibliotheksleiterin sagt, dass Ausleihen nur eines der Angebote der Bibliothek seien. «Die Zeit, als sich die meisten Menschen Bücher nicht leisten konnten und deswegen in die Bibliothek gingen, ist vorbei. Die Bibliotheken haben heute einen breiteren Auftrag: die ausserschulische Leseförderung. Denn ohne Lesen, ohne Sprache kommt man in der heutigen Gesellschaft nicht weit.»

Babys in den Bücherregalen

Diese Leseförderung beginnt schon bei den ganz Kleinen. Bereits neun Monate alte Babys werden an monatlichen Anlässen in «Versspielen» mit Wörtern und Sätzen konfrontiert. Das Angebot wird rege genutzt. Beide Bibliotheken richten sich aber nicht nur an Kinder. In Aarau wie auch in Baden bestehen Angebote für Senioren. «Wir machen aktiv etwas gegen die Vereinsamung im Alter. Denn die Räume der Bibliotheken sollen für die Lösung von gesellschaftlichen Problemen genutzt werden», sagt Moser. Sie bezeichnet die Bibliotheken als den «dritten Ort» nebst Wohnung und Arbeitsplatz. «Wo kann man sonst hingehen, um zu Lesen oder sich zu treffen, ohne dafür zu bezahlen?»

Das Untergangsszenario der Bibliotheken scheint reine Fiktion zu sein, die totgesagten Bibliotheken sind lebendiger als früher. Nach den beiden vergleichsweise grossen Bibliotheken Aarau und Baden haben wir uns auf dem Land umgehört. Die im knapp 5000-Seelen-Dorf Seon angesiedelte Schul- und Gemeindebibliothek kann bei den Öffnungszeiten nicht mit den Grossen mithalten, trotzdem ist sie sechs Tage die Woche – manchmal auch nur für wenige Stunden – geöffnet. Doch Bibliotheksleiterin Ursula Hauller hat nur kurz Zeit für ein Gespräch, zu viele Lesehungrige warten auf Beratung. Einen Rückgang könne auch sie nicht verzeichnen. «Wenn man aktuell bleibt, online geht, dann kommen auch die Menschen». Ihr mache eher der Platzmangel Sorge. Doch im neuen Schulhaus soll auch dieses Problem gelöst werden.

Die knapp 90 Bibliotheken im Aargau sind nach wie vor wichtig für das Dorf- und Stadtleben. Auch der Kanton ist sich dessen bewusst und arbeitet an einer neuen Strategie, um die Bibliotheken noch besser zu unterstützen. Ende dieses Jahres soll sie fertig sein und die Bibliotheken auch für die Zukunft wappnen. Diese Zukunft ist zwar ungewiss, doch sicher ist: Gelesen wird auch dort.