Bern

Geheimnisvoller Hauptstadt-Klub

Die Grosse Societät war ein Zirkel für Berner Patrizier, Aristokraten und Diplomaten. Der exklusive Klub der Hauptstadt hat sich nach 250 Jahren auch für die breite Gesellschaft geöffnet.

Julian Perrenoud

«Grande Société»? Nichtberner hören den Namen wohl zum ersten Mal. Der Zirkel, der diesen Monat 250 Jahre alt wird, ist am Theaterplatz 7 im Hôtel de Musique zu Hause; im Gebäude, wo sich heute das Restaurant Du Theâtre befindet. Früher ein Ort auserlesener Mitglieder namhafter Familien der Bundesstadt. Ein versnobter Klub würde man meinen. Philippe Welti dagegen, Zürcher Berufsdiplomat, nennt es Natürlichkeit, die innerhalb der Grande Société vorherrsche. Sie überraschte ihn: «Das war sie nun, die angeblich im 18. Jahrhundert stecken gebliebene Berner Gesellschaft.»

Der Cercle verfolgt historische Werte: Seit seiner Gründung vor einem Vierteljahrtausend will er «die sakuläre (weltliche, Anm. d. Red.) Berner Tradition erhalten». Die Societät setzt sich ein für Theater, Kunst, Musik. Nur ist dieses Schaffen vielen unbekannt. Deshalb veröffentlichte der Klub zum Jubiläum ein 319 Seiten dickes Buch, das 250 Jahre Geschichte umfasst. 27 Autoren - Kunsthistoriker, Professoren und Wissenschafter - schrieben dafür 18 Kurztexte und 17 Biografien.

Nur Männer waren willkommen

Im 15. Jahrhundert bildeten sich in Bern erste Bruderschaften. Gesellschaften der Geselligkeit also. Doch nach der Reformation verloren sie ihren religiösen Charakter und verschwanden. In der Folge ermöglichten es einzig Feiertage wie Ostern oder Neujahr, die straffe Disziplin des reformierten Staates zu durchbrechen.

Im 18. Jahrhundert galt die Republik Bern als schuldenfrei und in einigen Kreisen gar als unbesiegbar. Die Stadt ging haushälterisch mit Geld um - auch als sie eine kulturelle Erneuerungswelle erfasste. In privaten Klubs traf sich die Gesellschaft und setzte sich mit der politischen und philosophischen Entwicklung Europas auseinander.

«Das war der Tiefschlag»

1759 gründeten junge Patrizier die Grande Société de Berne. Mit ihr hielt die französische und holländische Salonkultur Einzug: «Die Geselligkeit liess sich nicht mehr aufhalten», schreibt Kunsthistoriker Manuel Kehrli. Kaffee, Tee und Schokolade waren ebenso gefragt wie die französische Sprache. Nur Männer waren im Zirkel willkommen. Das Ziel der Grande Société war aber noch ein anderes: Das kulturelle Leben zu fördern, einen Theater- und Konzertbetrieb gewinnbringend zu betreiben. Denn das Theater war vorab in Bern ein flüchtiges Geschäft. Dies änderte sich 1767 mit dem Bau des Hôtel de Musique. Architekt Niklaus Sprüngli richtete sich nach französischem Prunk: Liess Kamine mit Marmor bestücken, Spiegelrahmen vergolden, Kachelöfen verzieren. Es entstand ein Gesellschaftshaus, dessen Besitzerin noch heute die erste schweizweite Aktiengesellschaft führt.

Probleme brachte die Jahrhundertwende: 1798 verlangten die französischen Besatzungstruppen, dass aus dem Hôtel de Musique ein «Café public» entstehe. «Das war der grösste Tiefschlag für den Cercle», sagt Historiker Walter Thut. Die Mitglieder waren derart demoralisiert, dass sie sogar einen Verkauf des Hotels erwogen. Nach der Wiederbelebung verkehrten dieselben Patrizier wieder im Klub. Erst der Liberalismus des 19. Jahrhunderts liess das Patriziat in der Gesellschaft verschwinden. Die Societät verlor an politischer Kraft und öffnete sich anderen Gruppen mit bürgerlichem Profil.

Nazis bedrohten alte Werte

Dennoch blieb die Grande Société bis 1918 ein Kreis vorwiegend adeliger Familien. Erst in den Jahren des Nazi-Regimes stand der Zirkel vor einer ideologischen Bedrohung. Wertediskussionen fanden statt, es galt die eigene Rolle zu definieren. Historiker Carl Alexander Krethlow: «Nur eine Minderheit sah sich durch die nationalsozialistische Bewegung angezogen.» Was folgte, war eine finanzielle Notlage der Societät bis 1991. Kontakte zu diplomatischen Korps und Zirkeln aus dem In- und Ausland wendeten die Krise ab.

Heute finden immer mehr Anlässe mit Frauen statt, so etwa die «Diners avec epouses». Als schönsten Anlass bezeichnen die Mitglieder den Zibelemärit-Ball. Nach wie vor charakterisiert sich der Cercle dadurch, dass er seine neuen Mitglieder selber auswählt - Schweizer wie Ausländer. «Echtes Interesse an der Tradition und Geschichte Berns müssen sie haben», schreibt Georg von Erlach, Präsident der Grande Société, im Buch-Vorwort. Es sollen Persönlichkeiten sein, die sich durch besondere Leistungen auf geistiger und wissenschaftlicher Ebene ausgezeichnet oder für die Öffentlichkeit engagiert haben.

Das Jubiläumsbuch gewährt einen tiefen Einblick in das Leben dieses exklusiven Klubs. Trotz aller Offenheit mutet dem Cercle de la Grande Société de Berne etwas Geheimnisvolles an. Ob das nur Nichtbernern so ergeht?

Hôtel de Musique und Grande Société in Bern 1759-2009 (Licorne-Verlag Murten, 110 Franken).

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