«Heute ist Mama gestorben. Vielleicht auch gestern, ich weiss nicht.» So knapp wie verstörend fängt eines der berühmtesten Werke der Weltliteratur an: «Der Fremde» von Albert Camus.

Darin erzählt wird die Geschichte eines jungen Franzosen im Algerien der 1930er-Jahre, der fast beiläufig zum Mörder wird. 

Meursault, so sein Name, beginnt kurz nach der Beerdigung seiner Mutter eine Liebesaffäre, freundet sich mit einem Zuhälter an und gerät deswegen in einen Streit mit einer Gruppe von Arabern.

In der flirrenden Hitze eines Sonntags am Strand tötet er scheinbar regungslos einen der Araber. Erzählt wird die Geschichte von Meursault selbst, der, ohne einen Gedanken an sein Opfer zu verlieren, im Gefängnis auf die Hinrichtung wartet.

«Der Fremde», 1942 erschienen, wurde millionenfach verkauft und trug wesentlich dazu bei, dass Camus 1957 den Nobelpreis für Literatur erhielt.

Der Araber ohne Namen

Nun legt der algerische Journalist und Autor Kamel Daoud einen Roman vor, der die gleiche Geschichte aus Sicht von Haroun, dem jüngeren Bruder des getöteten Arabers, erzählt. «M’ma lebt – immer noch», beginnt er.

Haroun, inzwischen ein alter Mann, klagt an: 25-mal werde der Araber in jenem Buch erwähnt, doch nie trage er einen Namen. Sein Bruder habe dem Autor nur als Gegenstand gedient, der getötet werden kann, um wieder zu Staub zu werden. «Alles geschieht ohne uns. Es gibt keine Spur von unserer Trauer und dem, was aus uns geworden ist», sagt Haroun. «Diese Geschichte müsste neu geschrieben werden.»

«Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung» ist diese neue Geschichte. Der getötete Araber hatte durchaus einen Namen, Moussa Ould El-Assase. An jenem verhängnisvollen Tag trank er wie gewohnt seinen Milchkaffee, ehe er in die Stadt aufbrach. Er werde heute früher nach Hause kommen als sonst, sagte er noch.

Moussas Mutter ist vom Tod ihres Sohnes erschüttert. Sie irrt durch die Stadt, sucht den Leichnam, Zeugen, Beteiligte. Ergebnislos. Eine Untersuchung findet nie statt.

Algerien ist damals eine französische Kolonie. Die «Roumis», die Fremden, interessieren sich nicht für die Araber.

Später ziehen Haroun und seine Mutter von Algier nach Hadjout. Auch bei Camus kommt dieser Ort vor, hier stirbt Meursaults Mutter. Allerdings heisst das Dorf unter den französischen Siedlern, zu denen auch Camus gehörte, nicht Hadjout, sondern Marengo.

So wird «Der Fall Meursault» zum Kommentar, zur algerischen Parallelgeschichte des «Fremden». Geschickt nimmt Daoud Bezug auf Camus, ohne auch nur ein einziges Mal seinen Namen zu erwähnen.

Kamel Daoud, 45, einflussreicher Kolumnist beim «Quotidien d’Oran», ist nicht der erste algerische Autor, der einen Gegenentwurf zu Camus’ Bestseller geschrieben hat.

2013 veröffentlichte Salah Guemriche den nur als E-Book erhältlichen Roman «Aujourd’hui, Meursault est mort».

Vor Algeriens Unabhängigkeit 1962 erschienen gleich mehrere «Abrechnungen» mit dem französischen Original.

Darum geht es Daoud nicht: Haroun will zwar eine «alte Rechnung» mit Meursault begleichen, den er für den Mörder seines Bruders und den Autor des «Fremden» hält. Doch im Lauf seiner Erzählung erkennt er, wie ähnlich er Meursault ist: Beiden bleibt die Mutter fremd, beide werden zu Mördern, beide lehnen die Religion ab, beide sind Fremde im eigenen Land.

Am Ende bezeichnet Haroun die letzten Zeilen in Camus’ Buch als «Meisterwerk» – «ein Spiegelbild meiner Seele und dessen, was aus mir in diesem Land werden würde, zwischen Allah und der Langeweile».

Die Abrechnung mit den einstigen Kolonialherren gerät zu einem Nachdenken über die «condition humaine» in einer zunehmend rigiden, religiösen Gesellschaft.

Plädoyer für die Freiheit

«Der Fall Meursault» erschien 2013 in Algerien und ist seither zu einem mehrfach ausgezeichneten, internationalen Bestseller geworden. In seiner Heimat ist Daoud umstritten. Säkulare Autoren werfen ihm etwa vor, dass er auf Französisch schreibe und in Frankreich, der alten Kolonialmacht, gefeiert werde.

Weitaus bedrohlicher ist die Kritik der Islamisten. Im Roman sagt Haroun: «Die Religion ist für mich wie öffentliche Verkehrsmittel, ich nehme sie nicht. Ich bewege mich gerne hin zu Gott, auch zu Fuss, wenn es sein muss, aber nicht in einer organisierten Gruppenreise.»

Als Daoud, der in seiner Jugend selbst einer islamistischen Gruppierung angehörte, 2014 in einer französischen TV-Sendung seine Kritik an den Fundamentalisten in ähnliche Worte fasste, verhängte ein obskurer Imam auf Facebook eine Fatwa gegen ihn. Die Reaktion der algerischen Regierung war lau.

So ist «Der Fall Meursault» nicht nur ein grosser Roman geworden, sondern auch todesmutiges Plädoyer für die Freiheit des Individuums.