Es ist 18 Uhr. Das imposante Tor öffnet sich langsam. Zögernd schreiten die Besucher zum Eingang hin. Sie sind alle aus demselben Grund hier: Nach über 30 Jahren wird in der Justizvollzugsanstalt Lenzburg wieder ein Theater aufgeführt. Vier Insassen haben unter Regie von Nils Torpus während des vergangenen halben Jahres Samuel Becketts Stück «Warten auf Godot» einstudiert.

Der «Gefängnis-Klassiker» – das Stück wurde schon in mehreren Haftanstalten aufgeführt. Die zwei Landstreicher Estragon und Wladimir warten zusammen mit Pozzo und dessen Diener Lucky auf den Unbekannten namens Godot, der nie erscheint.

Das Publikum ist durchmischt. Theaterinteressierte, Familie und Bekannte oder einfach solche, die einmal hinter die dicken Mauern der Justizanstalt schauen wollten. «Ich fahre täglich hier vorbei und habe mich stets gefragt, wie es drinnen aussehen mag», sagt eine Frau.

Dementsprechend neugierig schaut man sich um, geht nach dem Einlass etwas unsicher über den dunklen, von hohen Betonmauern umgebenen Innenhof zum Treibhaus, wo «Warten auf Godot» aufgeführt wird. Bei einem Becher Süssmost blickt man sich um und wartet.

Konzentriertes Publikum

Dann werden die Besucher zur Tribüne gebeten. Sie setzen sich, schauen neugierig zu Wladimir und Estragon hinunter, die auf dem staubigen Boden stehen und auf ihren Einsatz warten. Während der Vorführung hört das Publikum konzentriert zu. Besonders dann, als Alen alias Lucky seinen Monolog runterhaspelt.

Ab und zu ist ein leises Lachen zu hören. In den Ohren des Zuschauenden klingt es beinahe zynisch, wenn sich Estragon und Wladimir darüber unterhalten, ob sie nun gehen oder weiter auf Godot warten sollen. Am Ende bleiben sie, denn: «Der Direktor will uns nicht entlassen.»

Am Ende gibts tosenden Applaus und Gabriel* alias Wladimir wirft vor Freude seinen Hut in die Luft. Auch seine zwei Schwestern sind stolz: «Er ist noch kein George Clooney, doch er hat das Zeug dazu.»

Gabriel selbst freut sich über das grosse Interesse. «So zeigen wir, dass wir nicht nur böse Buben sind.» Joël, der Estragon spielt, ist nach der Aufführung erleichtert. «Oft habe ich daran gedacht, den Bettel hinzuschmeissen.» Nun sei er froh, es doch nicht getan zu haben. Auch Bruno, der als manipulierenden Pozzo überzeugt, hats gepackt. «Ich mache ich mir schon Gedanken, was wir verbessern können.» Es war ein hartes Stück Arbeit, denn die Schauspieler haben noch nie Theater gespielt.

Nils Torpus zieht eine positive Bilanz: «Ich habe vier Menschen kennen gelernt.» Auch Joël und Gabriel finden, dass sich das Theaterprojekt gelohnt hat. «Es war fast so, als wären wir draussen gewesen.» An der Premiere am Vortag sei die Stimmung gelöster gewesen, sagt Regisseur Nils Torpus.

Die Ernsthaftigkeit sei verständlich: «Viele Zuschauer waren noch nie in einem Gefängnis.» Dass viele an diesem Ort ein Unbehagen beschleicht, wird während der Besichtigungstour nach dem Theater und dem Film zu dessen Making-of deutlich. Etwas verschüchtert gehen die Besucher durch die Gänge und sind am Ende kaum unglücklich, wieder «entlassen» zu werden.

*Name von der Redaktion geändert