Sanft lächelnd reagierte Regisseur David Pountney im Mai auf die Frage, wie er denn die berüchtigte Wasserprobe in der «Zauberflöte», den Gang des Liebespaares durchs Wasser, inszenieren würde, und sagte: «Ganz einfach.» Eine «ganz einfache» Wasserprobe auf der Seebühne, hier, wo das Spektakel für allabendlich fast 7000 Zuschauer in den letzten Jahren geradezu Programm war? Noch dazu bei einer Szene, in der die Fantasie des «Zauberflöten»-Liebhabers Kapriolen schlägt? Sollten Tamino und Pamino beim Gang durchs Wasser ausgerechnet auf der Seebühne trocken bleiben?

Lange vor Szene 28 geht schon die Post ab. Doch bei allem Licht- und Feuerzauber schwebt Pountneys «ganz einfach» als Leitmotiv über allen Szenen. Klar, da gibt es Hochseilakrobaten, Raketen, eine Wasserschlange, durchs Wasser fahrende Eier und Hände, auf Drachen reitende Damen – und ja, auch ein durch echtes Feuer schreitendes Paar. Aber Pountney und sein Bühnenbildner Johan Engels übertreiben nie, lassen mit Ausnahme des ersten Teils der Ouvertüre die Musik Mozarts aufblühen, bevor sie Aktion oder Requisiten auf die Bühne stemmen. Pountney bleibt nahe bei der Geschichte, auch wenn er den gesprochenen Passagen nur dort Platz einräumt, wo sie für die Handlung oder die Charakterisierung der Protagonisten tatsächlich entscheidend sind. Mit den hölzernen Dialogen, die einen «Zauberflöten»-Abend bisweilen ewig dehnen, fällt auch das Finale des 1. Aktes mitsamt der Pause weg.

27 Meter hohe Hundedrachen

Aber Pountney setzt trotz der Reduktion kluge Akzente. Der Brite will nicht in «Gut» und «Böse» unterscheiden und umgeht so gleich mehrere Unebenheiten des Textbuches. Obwohl er die Liebesgeschichte und die Aufklärungsgedanken betont, bleibt Mozarts Singspiel für einmal ein zauberhaftes, schlichtes Märchen. Das tut gut.

Bei so viel Bescheidenheit fragt man sich eigentlich nur, warum es die drei bis 27 Meter hohen Hundedrachen braucht. Sie speien Rauch und dienen vor allem als Brückenpfeiler und Ausgangspunkt für akrobatische Einlagen. Geschickter dient der Szene ein Teppich aus 125, viele Meter hohen Grashalmen, die auf dem Rücken einer die Bühnenmitte bestimmenden Schildkröte wachsen.

Erst ein Toter, dann viel Action

Noch bevor der erste Ton erklingt, hört man den dunklen Schlag einer Totentrommel. Ein Schiff gleitet über den See. Pamina beweint ihren im Sarg liegenden Vater, die Königin thront am Heck des Schiffes. Und dann knarrt es wie in der plakativsten Komödie, der Deckel fällt auf den Sarg und Mozarts Musik hebt ab.

Doch mit den Tönen dürfen sich die Sinne nicht beruhigen. Jetzt geht es erst richtig los: «Spiderman» ist aufs Boot geschlichen, reisst die Sonnenscheibe vom Sarg, Pamina weicht dem Krabbelmenschen aus, springt aufs Land, gerät dort aber gleich in die Fänge von Sarastros Schergen – ihre Hilferufe stossen bei der Königin der Nacht auf taube Ohren. Royale Rettung naht auf einer schwimmenden Zauberhand.

Keine Klischees

Zu Prinz Tamino gesellt sich alsbald Papageno – ohne Vögel im Käfig, obwohl man doch auf einer Freiluftbühne lustige Spielchen damit treiben könnte . . . Doch so einfach macht es sich Pountney eben nicht. Er überbetont das Lustspiel nie, lieber zeigt er, dass der vermeintlich weise Sarastro, in seinem abenteuerlichen Outfit zwischen Spiderman und Sandokan, auch dunkle Seiten hat.

Im «Namen der Menschheit» erhält Monostatos auf Sarastros Befehl die 77 Sohlenstreiche für einmal tatsächlich, dass dazu der erhabene «Marsch der Priester» erklingt, zeigt die Zweischneidigkeit der Figur, ja der Oper.

Gesungen wird sehr gut – vor allem Ana Durlovski als Königin der Nacht ist furios, Alfred Reiter ein geradliniger, zur Szenerie passender Sarastro, Norman Reinhardt ein agiler Tamino, Gisela Stille eine bezaubernde Pamina, Daniel Schmutzhard ein prächtiger Papageno. Dirigent Patrick Summers gelingt es, die im Innern des Festspielhauses spielenden Wiener Symphoniker überaus präsent zu halten.

Freiluftklangzauber dank Technik

Der Freiluftklangzauber wird möglich dank der famosen, weltweit einzigartigen Soundtechnik «Bregenz Open Acoustics», die 80 im Bühnenbild und 800 im Zuschauerraum versteckte Lautsprecher kennt.

Und die Wasserprobe? Pountney löst sie verblüffend einfach, allerdings so, dass es das halbe Publikum von den Sitzen reisst.

Ob Magie Sarastros oder der Fluch der Königin: Mit der tatsächlich nassen Wasserprobe fielen die ersten Regentropfen, die aber die bejubelte Menschwerdung von Tamino und Pamina nicht mehr verhindern konnten.

Die Zauberflöte: 27-mal bis 18. August. Trotz ausverkaufter Vorstellungen gibt es kurzfristig immer ein paar Karten.

Die Zauberflöte im TV: SRF 2, heute, 21 Uhr.