Solothurner Literaturtage
Frischer Wind weht an den Literaturtagen aus allen Richtungen

An den Solothurner Literaturtagen weht dieses Jahr ein frischer Wind – und das gleich aus mehreren Richtungen. Das Literaturfestival hat nicht nur eine neue Geschäftsleiterin, sondern auch sonst viel Neues zu bieten.

Anna Kardos
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Geschäftsleiterin Bettina Spoerri will Literatur von allen Seiten zeigen.

Geschäftsleiterin Bettina Spoerri will Literatur von allen Seiten zeigen.

Annika Bütschi

Aller Anfang ist – nein, nicht schwer, sondern gross, überbordend und vielfältig. Zumindest scheint das für die Solothurner Literaturtage zu gelten. Nachdem dem Schweizer Lesefestival seit seiner Gründung (1979) Vrony Jaeggi als Geschäftsleiterin vorsass, bricht es an seinem 35-Jahr-Jubiläum zu einem Neuanfang auf.

Neue Räume, neue Inhalte

Mit neuem Büro; neuem (zusätzlichem) Spielort «Besenval» und natürlich allem voran: der neuen Geschäftsleiterin Bettina Spoerri. Auch inhaltlich weht ein frischer Wind durch das Lesefestival. Ein stürmischer Mistral oder eine sanfte Brise? Dieser Wind scheint aus mehreren Richtungen gleichzeitig zu blasen. So stellt er beispielsweise Veranstaltungen für ein spezialisiertes Publikum neben solche für eine breite Zuhörerschaft. Oder, wie es Geschäftsleiterin Bettina Spoerri formuliert: «Natürlich bietet das Programm regelrechte Publikumsmagnete. Urs Widmer wird hier sein, genauso wie Eveline Hasler, Linus Reichlin oder Franz Hohler. Aber es gibt auch unbekanntere Namen oder Erstlingsautor(inn)en. Damit die Leute, wenn sie hier sind, auch Neues und Spannendes entdecken können.»

Unbekanntes und Ungehörtes

Wie viel Gewicht das noch Unbekannte dieses Jahr erhält, zeigt sich unter anderem am neu geschaffenen Programmschwerpunkt «Debüts». Darin stellen Deutschschweizer wie Daniel Mezger und Jens Nielsen oder die Österreicherin Vea Kaiser ihre Romandebüts vor.

Doch nicht nur (bislang) Unbekanntes kriegt in Solothurn eine eigene Plattform. Auch der oft wenig beachteten Literaturgattung «Lyrik» verschaffen die Literaturtage neuerdings in einem Poesiesalon wortwörtlich Gehör. Mit dem Walliser «Gebirgspoeten» Rolf Hermann kann man entdecken, wie lustvoll und lustig Lyrik heute sein kann. Weitere literarische Gastgeber im Poesiesalon sind unter anderen die hiesige Lyrikerin Elisabeth Wandeler-Deck oder der junge slowenische Dichter Aleš Steger. Und auch in Sachen Lyrik weht der Solothurner Wind nicht nur aus einer Richtung: «Wir wollen nicht, dass Poesie nur abgeschieden im Palais Besenval stattfindet», erklärt Spoerri. «Also werden wir die Lyrik hin und her verlagern, damit das Publikum sich mischt. Man darf auch in eine Lesung gehen und erst später merken, dass man im Poesiesalon war.»

«Anfangen» wird zum Motto

Bei so viel Neuheiten und Neuerungen ist es schlüssig, dass die Solothurner Literaturtage 2013 das Anfangen gleich zu ihrem Motto gemacht haben. In dessen Rahmen diskutieren renommierte Autoren wie Michail Schischkin, Péter Esterházy oder Ilma Rakusa über das berühmte weisse Blatt sowie die ersten Wörter und Sätze darauf. Und wer sich weniger ernsthaft mit Anfängen beschäftigen will, dem sei das Spiel «Aller Anfang» empfohlen. Hier dürfen Schriftsteller und Publikum gemeinsam bestehende Buchanfänge zu einer imaginären Geschichte weiterspinnen.

Dass die einst von Schriftstellern ins Leben gerufenen Literaturtage nicht nur ein vielfältiges Publikumsfestival, sondern vermehrt wieder ein Forum für Autoren sein wollen, zeigt sich an den Schweizer Schriftstellern aller Landessprachen. Sie sind heuer mit ihren aktuellen Werken präsenter als in den letzten Jahren. Drei Tage lang werden sie lesen, öffentlich diskutieren – und dürfen am traditionellen Autorenessen auch mal unter sich sein. Ein neu ins Leben gerufener Think-Tank stellt sich ebenfalls in den Dienst des Literaturschaffens. Er erörtert zum Auftakt der Literaturtage die Frage: «Welche literarische Zukunft wollen wir?» Am letzten, der drei Literaturtage sollen die neu gewonnenen Erkenntnisse in eine «Solothurner Verlautbarung» münden. Der Blick in die Zukunft ist in Solothurn also auch ein Blick zurück.

www.literatur.ch

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