Es geht also noch schlimmer. Sibylle Lewitscharoff, Trägerin der bedeutendsten deutschen Literaturpreise, bei Suhrkamp verlegt, von den Feuilletons auf Händen getragen, diese Sibylle Lewitscharoff redete sich kürzlich in einer öffentlichen Rede mit Ausdrücken wie «Halbwesen» für in Vitro gezeugte Kinder ins Abseits. Und nun ist ihr neues Buch «Killmousky» auch noch ein Krimi, besser gesagt: nur ein Halb-Krimi.

Bisher galt die Formel. Mittelprächtiger Autor + Krimiform = mehr Leser. Doch in letzter Zeit scheint der Kriminalvirus auch prächtige Autoren zu befallen. Franz Hohler oder Isabel Allende sind Neumitglieder im Club der mordenden Dichter. Und nun also auch Sibylle Lewitscharoff. Damit keine Missverständnisse aufkommen: Gegen einen raffinierten Krimi ist wenig einzuwenden. Aber Lewitscharoff ist keine Krimiautorin. Sie strebt nach anderem: Dem Antikrimi im Krimi; einem Kommissar, so sprachsensibel wie ein Schriftsteller und zu alledem nach einer Katze als Protagonistin.

Die Katze ist das Beste am Buch

«Killmousky» heisst diese. Ist Titelgeberin dieses Romans und vielleicht das Beste an ihm. In ihrem Namen klingt einiges an: Dass Killmousky ein Mäusekiller ist, dass die Autorin mit Worten spielen kann, und zudem auch ein wenig die Welt des wilden Ostens, die Lewitscharoff in ihrem Roman «Apostoloff» so grandios beschrieben hat.

Aber selbst Killmousky kann nicht verhindern, dass sich nach wenigen Seiten Lektüre Bauchweh einstellt. Es ist kein wohliges Ziehen, sondern eines, als fiele es einem schwer zu verdauen, was man da liest. Erst will die Handlung nicht in Gang kommen. Dann rappelt sie sich auf, verschlägt den Helden nach New York. Und über allem scheint das Leuchtschild «Krimi» zu blinken.

Vielleicht soll es nicht so sehr dem Leser, als der Autorin den Weg leuchten. Denn manchmal vergisst Lewitscharoff, in welchem Genre sie sich bewegt. Dann deklamiert ihr kaum englisch sprechender Kommissar Shakespeare (auf englisch!). Logisch weiss er auch aus dem ff, wie lange Wagners Oper «Tannhäuser» dauert. Die Gedanken lottern an der Figur wie fremde Kleidung. Und sogar die Struktur des Krimis lässt zu wünschen übrig, wenn der erste Verdächtige gleich der Mörder ist. Auch dass die meisten Figuren wie aus Pappe wirken, lässt sich nur durch einen Umstand erklären: Lewitscharoff will keinen Krimi schreiben, ihr Buch soll Persiflage sein, Pulp Fiction. Doch dafür wiederum ist zu wenig «Pulp» in ihrer Fiktion.

Es hagelt noch mehr Kritik

«Ich habe selten ein so dusseliges Buch gelesen», wetterte prompt Elke Heidenreich im Literaturclub. Heidenreich mag insofern Recht haben, als «Killmousky» wenig geglückt ist. Aber man wünscht, sie solle sich irren, was ihre Kritik («dämliche Hausfrau») an Lewitscharoffs Person betrifft. Denn ein abschätziger Unterton, eine seltsame Weltsicht, scheint im Buch tatsächlich da und dort auf. Etwa, wenn der Kommissar mit einem Kollegen über «Schlitzguckerinnen, vollverschleierte Saudifrauen» lästert. Oder wenn über die Ermordete ohne jegliches Mitgefühl geschrieben wird, wie ihr «abgestandener, verschwitzter Unglücksgeruch immer wieder durchgekommen» sei und anschliessend buchstabengenau ausgebreitet wird, was sie beim Liebesakt von sich gab. Dann steht plötzlich Lewitscharoffs Rede über Reproduktionsmedizin im Raum. Die Empathielosigkeit dort wirft einen Schatten auf den Roman hier. Fakten und Fiktion scheinen plötzlich zusammen zu hängen. Und man hofft nur eines: Dass die Autorin lediglich eine Krise durchmacht. Schriftstellerisch wie privat. Und dass sie daraus heraus findet. Nicht als eine bessere. Denn so gut wie davor wäre grossartig genug.

Sibylle Lewitscharoff Killmousky. Suhrkamp, 223 S. Fr. 31.90