Rückkehr eines Phänomens

Frauen werden wieder als Hexen bezeichnet – auch von unerwarteter Seite

Abgründiger Bilderkosmos: Das Stilmagazin der «New York Times» wählte Gertrude Abercrombies «The Stroll» als Illustration zum Hexenphänomen.

Abgründiger Bilderkosmos: Das Stilmagazin der «New York Times» wählte Gertrude Abercrombies «The Stroll» als Illustration zum Hexenphänomen.

Die Künstlerin Gertrude Abercrombie hat post mortem etwas zu sagen. Denn Frauen werden wieder als Hexen bezeichnet.

Über hundert Mal hat US-Präsident Donald Trump innerhalb eines Jahres den Begriff «Hexenjagd» getwittert. Eine seiner Unterstützerinnen, die «Woman for Trump»-Gründerin Amy Kremer, sprach im Oktober von «Hexen», die Trumps Obergerichts-Kandidaten Brett Kavanaugh «verflucht» hätten – und meinte damit Frauen, die Kavanaugh öffentlich sexuelles Fehlverhalten vorwarfen. Apropos Oberstes US-Gericht: Ihre politischen Gegner bezeichnen die kultige Supreme-Court-Richterin Ruth Bader Ginsburg immer wieder als «Hexe», wie ein kürzlich veröffentlichter Dokumentarfilm veranschaulicht.

In die Rhetorik konservativer Politiker halten mittelalterliche Terminologien verstärkt Einzug – nicht nur in den USA. Auf der anderen Seite beanspruchen gerade Feministinnen den Begriff «Hexe» vermehrt für sich als Inbegriff der starken, unabhängigen und dadurch gerade von Männern immer wieder gefürchteten Frau. «Wir sind die Enkelinnen jener Hexen, die ihr nicht verbrennen konntet», stand etwa 2017 auf Schildern, die an den sogenannten Woman’s Marches in Washington in die Höhe gestreckt wurden, als Frauen unter anderem gegen die sexistische Politik Trumps demonstrierten.

Einen Artikel zu diesem Phänomen illustrierte das Stilmagazin der «New York Times» kürzlich mit einem Gemälde, das eine spazierende Hexe zeigt. Wobei: Eigentlich ist nichts weiter darauf dargestellt als eine flanierende Frau im bodenlangen Kleid und mit einem ausladenden, schwarzen Hut, vor der eine ebenso schwarze Katze hergeht. Auch der Titel «The Stroll» (zu Deutsch: der Spaziergang) deutet mehr auf irdische, denn auf magische Aktivitäten hin. Doch mit den gedeckten Grau- und Grüntönen, mit einem düsteren Baum in der Bildmitte und einer über dem Frauenkopf schwebenden dunklen Wolke liefert das Bild genug visuelle Codes, die bei den Betrachtern an verbreitete Hexendarstellungen erinnern.

Verkörperung der modernen Hexe

Wie die Frau auf dem Bild wurde auch die Künstlerin Gertrude Abercrombie immer wieder für eine Hexe gehalten – unter anderem, weil sie gerne mit Spitzhut herumlief und sich mit Katzen umgab. Sie selbst bezeichnete sich nicht als «Hexe», nahm aber gelassen zur Kenntnis, gerade von Nachbarskindern immer wieder als solche bezeichnet zu werden. «Manchmal fürchteten sich die Kinder vor mir, dann sage ich: ‹Es gibt gute und böse Hexen. Ich bin eine gute!›», sagte Abercrombie einst amüsiert in einem Interview.

Der Lebenslauf der amerikanischen Künstlerin passt in doppeltem Sinn gut zum modernen, feministischen Hexenbild. Zum einen, weil die 1909 geborene Abercrombie ein selbstbestimmtes Leben führte – zwei Scheidungen und ein turbulentes Leben im Herzen der Chicagoer Jazz-Szene inklusive. Zum anderen, weil sich die Mutter einer Tochter mit ihrer surrealistischen Malerei in einem von Männern dominierten Feld bewegte.

Neues Publikum ansprechen

Seit ihrem Tod 1977 sind ihre Bilder im kollektiven Gedächtnis mehr und mehr in Vergessenheit geraten. Ein eben erschienener, umfangreicher Werkkatalog will sie nun einem neuen Publikum vertraut machen. Zu entdecken gibt es in dem zwei Kilogramm schweren Wälzer einiges. Abercrombies faszinierend-abgründigen Bilderkosmos beispielsweise, in dem sich die spärlich eingerichteten Räume, verlassenen Landschaften mit geometrischen Bäumen, Katzen und Eulen und weitere Symbole wie Türen, die ins Nichts führen, oder Bilder in Bildern wiederholen. Das surrealistische Element ist stets subtil und die Frauenfiguren, die eine Vielzahl der Werke bevölkern, sind konsequent Akteurinnen und nicht Projektionsflächen für den männlichen Blick – was nicht zuletzt daran liegt, dass die Künstlerin ihre Bilder als autobiografisch verstand und sich oft selbst darstellte.

Zu Lebzeiten konnte Abercrombie Werke verkaufen, sie wurde regelmässig ausgestellt und konnte sich den Unterhalt mit ihrer Kunst finanzieren – teilweise durch öffentliche Unterstützung. Doch der künstlerische Erfolg konnte ihr nicht darüber hinweghelfen, dass sie sich von ihren strengen christlichen Eltern ungeliebt und unter Druck gesetzt fühlte. 68-jährig starb die Künstlerin nach langer Alkoholsucht.

Nun ist ein geeigneter Moment, Gertrude Abercrombie (wieder) zu entdecken. Die Künstlerin hat selbst einmal gesagt: «Surrealismus passt perfekt zu mir, denn ich bin eine äusserst realistische Person, aber ich mag nicht alles, was ich sehe.»

Dan Nadel, Robert Storr: «Gertrude Abercrombie». Karma, 488 Seiten, in englischer Sprache.

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