Serie: Schweizer Lyrik

Franz Hohler: Der Engel als Fluchthelfer

Mit wenigen Worten umreisst Hohler die Deprivationen des Alters.

Mit wenigen Worten umreisst Hohler die Deprivationen des Alters.

Franz Hohler deutet die letzte Lebensphase in einem tröstlichen Bild als Aufbruch.

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Franz Hohlers kürzlich erschienener Gedichtband macht keinen Hehl daraus, dass Alter und Vergänglichkeit zentral darin vorkommen. Keck schleudern Umschlag und Titelgedicht dem Leser die Frage entgegen: «Alt?». Doch nicht erst in diesem zweiten Gedichtband des bald 75-Jährigen, sondern auch im ersten, der vor fast 30 Jahren erschien, befasst sich das lyrische Ich – das in Hohlers Gedichten oft mit dem Autor gleichgesetzt werden kann – mit dem Älterwerden.

Man ist wohl nie zu jung, um sich alt zu fühlen, oder sich des Alterungsprozesses und seiner Begleiterscheinungen bewusst zu werden. Auch 1988 machte Franz Hohler eine Meditation über sein Alter zum Titelgedicht des Bandes. In «Vierzig vorbei» registrierte er, wie ihm die Kondukteure im Zug immer jünger zu werden schienen.

Drei Jahrzehnte später muss er, im Gedicht «Alt?», Schläge von anderem Kaliber einstecken, etwa mitleidige Blicke im Handy-Geschäft oder Einladungen zur Fahrtauglichkeitsprüfung.

Zu den Figuren aus dem Gedicht «Die Alten» gehört Hohler noch lange nicht. Für sein Pensum an Lesungen muss er mehr als rüstig sein, und mit seiner Produktivität als Romancier und Erzähler erweist er sich als geistig hellwach. Auch in seiner Lyrik kommt Hohlers Kunst fast kunstlos daher, obwohl sie durchaus mit poetischen Stilmitteln arbeitet, etwa dem dreifach wiederholten Zeilenausgang zu Beginn oder dem Binnenreim von «Wand» und «Land».

Ende des Verstehens

Mit wenigen Worten umreisst Hohler die Deprivationen des Alters. Zähne, Sprache und Neugier stehen für alles, was den Menschen ausmacht, für Körper, Geist und Antrieb. «Die Alten» werden sie im Titel schonungslos genannt, der das Subjekt eines einzigen Satzes bildet, der sich bis zum finalen Punkt erstreckt. Schonungslos benannt ist auch der «Aufenthaltsraum», der mit der nötigen Beförderungstechnik ausgerüstet ist. Hier ist nur noch Aufenthalt, für den jede genauere Kennzeichnung ein Hohn schiene.

In der Mitte des Gedichts zeichnet Hohler ein starkes, verdichtetes Bild für die Hilflosigkeit und Frustration der Angehörigen, die Schwerhörigkeit und Verwirrung eines betagten, dementen Menschen zu überwinden versuchen. Von hier an versetzt sich das Gedicht in die Perspektive der sprachlosen «Alten», die so doch noch einmal eine Stimme bekommen. Sie «lauschen Verständnis suchend», sie bemühen sich, die Welt um sie herum zu begreifen und einzuordnen. Das Verstehen gilt Philosophen wie Hans-Georg Gadamer als Grundmodus des menschlichen Lebens. Verstanden und ins Weltbild integriert wird nicht nur Sprachliches, sondern alles, was erscheint. Das beginnt zahnlos und sprachlos im Säuglingsalter, und ebenso kann es auch wieder enden. Und wenn kein Bild von dieser Welt mehr abrufbar ist, dann ist auch die Neugier am Ende.

Eine neue Fähigkeit

Für den scheinbar leeren Blick der Menschen in diesem Stadium findet das Gedicht eine tröstliche Auslegung. Sie sind nicht einfach abgeschaltet. Ohne Sprache, ohne Begriffe blicken sie «in ein anderes Land». Eine neue Fähigkeit erwächst ihnen oder wird vielleicht freigelegt, ein Sehen mit der Seele. Dieses mag von Transzendenzglauben getragen sein und sich auf die Gemeinschaft mit Gott richten. Es mag aber auch die Auslöschung alles Empfindens herbeisehnen.

Dieses andere Land erscheint als attraktives Migrationsziel. Und so ist die Erwartung des Engels freudig, der sie über die Grenze dahin bringen soll. Der Engel, dem Wort nach ein Bote, erscheint als Fluchthelfer. Doch seinen Flüchtling führt er nicht in die Fremde und Verständnislosigkeit, an der die Flüchtlinge unserer Welt leiden, sondern fort aus ihr.

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