Susanna Schwager, eine Theaterfassung aus Ihren Büchern «Fleisch und Blut» und «Die Frau des Metzgers» wird jetzt im Stadttheater Solothurn auf die Bühne gebracht. Wie finden Sie das?

Susanna Schwager: Ich habe immer gedacht, dass es nicht funktionieren kann, diese Bücher zum Theaterstück umzuschreiben. Es gab auch schon mal eine Bühnen-Kurzfassung, damals noch mit Walo Lüönd in Zürich, und ich bekam auch schon Film-Anfragen. Der Stoff ist so vielschichtig, dass ich nicht daran glaubte, dass er zu dramatisieren sei. Ein Jahrhundert auf eine gute Stunde eindampfen, ist nicht möglich. Nun ist es aber doch geglückt und ich bin sehr zufrieden damit.

Woher kam der Anstoss zum Bühnenprojekt?

Soviel ich weiss, war Schauspieler Urs Bihler einer der Initianten. Er hatte «Fleisch und Blut» – das schon 2004 erschienen ist – von einem Freund geschenkt bekommen mit dem Hinweis, das wäre doch eine Rolle für ihn. Hans J. Ammann und Hansjörg Betschart waren anscheinend ebenfalls angetan und adaptierten die beiden Bücher für die Theaterbühne. Ich habe generell erfahren, dass diese Bücher bei Männern starke Gefühle auslösen.

Und wie ist diese Bühnenfassung nun aus ihrer Sicht herausgekommen?

Ich finde sie grossartig. Obwohl ich am Anfang skeptisch war und mehrere Gespräche – oft durchaus kontroverse – mit den Autoren stattfanden.

Wo lagen die Schwierigkeiten?

Ich arbeite immer dokumentarisch, die Stofftreue ist mir enorm wichtig. Vieles wird aber – wie in einem natürlichen Gespräch – in meinen Texten nicht ausgesprochen. Es wird bloss angedeutet und bleibt in der Schwebe. Auf der Bühne muss logischerweise ein Thema aus dem Buch herausgeschält oder mehr gewichtet werden, um einen bühnentauglichen Plot zu kreieren.

Ich wollte aber auf keinen Fall, dass gewisse Szenen in der Verkürzung auf der Bühne expliziter werden. Ich trage eine Verantwortung meinen Gesprächspartnern gegenüber, die eine bestimmte Fassung absegneten, und nur diese. Zu meiner grossen Freude gelang es mit Betschart und Ammann schliesslich, das Schwebende, Vielschichtige, Unausgesprochene zu erhalten. Die Wahrheit entzieht sich bekanntermassen immer und schwingt bestenfalls zwischen den Zeilen. Wie sie das gelöst haben, ist hohe Schule.

Wie stark erkennen Sie in Schauspieler Urs Bihler «Ihren» Hans Meister?

Mir scheint, die beiden haben im Wesen Ähnlichkeiten. Aber vielleicht meine ich das nur, weil Urs Bihler ein ausserordentlicher Schauspieler ist. Jedenfalls erkenne ich meine Figur Hans in seiner Figur bestens und sehe ihn gleichzeitig auch völlig neu. Nicht mal das Baselditsch, das manchmal durchscheint, kann dem etwas anhaben.

Im Stück bekommt Sophie eine Hauptrolle. Wie stehen Sie dazu?

Das Stück konzentriert sich auf die Vater-Tochter-Beziehung, das finde ich sehr klug. Im Theater entsteht dadurch ein fulminanter Dialog zwischen Vergangenheit und Zukunft, es ist richtig mitreissend. Und dieser Kunstgriff schält das Parabelhafte von Hans’ Lebensgeschichte auf unzimperliche und doch poetische Art heraus. Jara Bihler ist ein grosses Talent und hat eine wunderschöne Ausstrahlung.

Ihr Buch «Fleisch und Blut», mittlerweile in der 10. Auflage, hat ein richtiges Eigenleben entwickelt.

Vielleicht, weil es diese Art dokumentarischer Literatur in der Schweiz vorher kaum gab. Der Erfolg meiner Bücher löste einen richtigen Boom aus, heute gibt es unendlich viele solche Lebensgeschichten-Titel, und fast jedes Altersheim arbeitet damit. Mich freut es, dass der gewöhnliche Metzger Hans so viel bewegte und inzwischen auch Schullektüre ist. Ich werde oft für Lesungen an Gymnasien und Berufsschulen eingeladen.

Vielleicht erreichen meine Bücher die Leute so, weil ich immer versuche, den «Original-Sound» der Sprache in die schriftdeutschen Texte zu transportieren. Ich rede, wie Kreti und Pleti der Schnabel gewachsen ist. Aber ich verdichte das Gesagte nach einer intensiven Auseinandersetzung mit dem Stoff.

Sie haben inzwischen acht Bücher über ganz unterschiedliche Menschen geschrieben. Was steht als Nächstes an?

In wenigen Tagen kommt mein jüngstes Buch «Das halbe Leben – Junge Frauen erzählen» heraus. Ich habe mit diesem vierten Band meinen Zyklus mit Lebensbildern abgeschlossen. Vielleicht überhaupt mit dieser Art zu schreiben.

Welche Schwierigkeiten gibt es denn?

Der Umgang mit Öffentlichkeit hat sich in den vergangenen Jahren 15 Jahren stark verändert. Die Unschuld ist verloren gegangen. Jeder und jede stellt sich heute ständig dar, in multiplen Medien, und alle müssen vorsichtig sein. Aber ich denke, ich habe vor allem Lust, etwas Neues zu probieren.