SIGFRIED SCHIBLI

Im Alter von gut 90 Jahren ist gestern in Bayreuth Wolfgang Wagner gestorben. Der Enkel des Komponisten Richard Wagner stand für die Erneuerung der Wagner-Pflege nach dem Zweiten Weltkrieg, aber auch für stures Beharrungsvermögen.

Es war ein langsames Sterben. Wolfgang Wagner wirkte schon mehrere Jahre lang gesundheitlich angeschlagen und mental beschädigt. Die traditionelle Pressekonferenz nach der ersten Premiere der Bayreuther Wagner-Festspiele jeweils Ende Juli liess er in den letzten Jahren ausfallen, wohl aus Überdruss, immer wieder nach der längst fälligen Nachfolgeregelung für seine Intendanz gefragt zu werden.

Wagner galt zunehmend als konservativer erratischer Block in Bayreuth, als Gralshüter einer Tradition, die er als die eigene betrachtete und für unantastbar hielt. Nur widerwillig liess er zu, dass die jüngere Generation der Wagner-Sprösslinge eine Neuorientierung der Festspiele andachte, bis zuletzt wehrte er sich gegen die Öffnung der FestspielArchive mit brisantem Material aus der Nazi-Zeit. Dabei hatte Wagner 1951 als Reformer auf dem grünen Hügel begonnen und mit seinem Bruder Wieland zusammen die «Entrümpelung» der Festspiele von der Nazi-Tradition und von verstaubten Regiekonzepten vorangetrieben. Und er war nicht durchwegs der Konservative, als der er sich später bei progressiven Künstlern und Kritikern unbeliebt machte. Wagner war viel zu sehr Kaufmann, um nicht zu erkennen, dass die Wagner-Festspiele auch die Überraschung, die Sensation, gar den Skandal brauchten, um als eines der meistbeachteten Festivals der Welt zu überleben.

Nach Wielands frühem Tod 1966 nahm Wolfgang Wagner die Geschicke der Festspiele allein in die Hand. Die Engagements von Patrice Chéreau für den Jahrhundert-«Ring», von Pierre Boulez als Dirigent, von den DDR-Regisseuren Götz Friedrich und Harry Kupfer (für den «Holländer» und später den «Ring»), von Heiner Müller und Christoph Marthaler als «Tristan»-Inszenatoren, von Christoph Schlingensief als «Parsifal»-Macher – alle diese wagemutigen Entscheidungen gingen auf Wolfgang Wagners Konto. Seine eigenen, meist altfränkisch-hausbackenen Inszenierungen waren erstaunlich resistent gegenüber allen ästhetischen Innovationen. Nachdem seine zweite Frau Gudrun im November 2007 überraschend gestorben war, wurde es still um den weisshaarigen, stets mit fränkischem Akzent sprechenden und sympathisch provinziell wirkenden Wolfgang Wagner, der seine Ansprachen gern mit Zitaten aus den Musikdramen seines Grossvaters spickte. Krank und vom steten Gezerre um seine Nachfolge zermürbt, zog sich der Patron aus dem aktiven Geschehen um den grünen Hügel zurück. Es muss ihm eine späte Genugtuung gewesen sein, dass nicht die renitente Nichte Nike Wagner und auch keine Aussenstehenden, sondern seine beiden Töchter aus zwei Ehen, Eva und Katharina Wagner, die Festspiele in die Zukunft führen.