Die Erziehung des Menschen

Fett, Filz und tote Hasen - auf der Suche nach Joseph Beuys

Joseph Beuys im Jahr 1979 und Ausschnitt aus «I like America, America likes Me» der Aktion Joseph Beuys in der Galerie René Block, New York.

Joseph Beuys im Jahr 1979 und Ausschnitt aus «I like America, America likes Me» der Aktion Joseph Beuys in der Galerie René Block, New York.

Joseph Beuys war nicht ein Künstler, der ein Werk schuf, er war Kunst. Er arbeitet eigentlich nicht mit Stoffen, sondern mit Menschen. Er formte sein Publikum, erzog es. Wir gehen Beuys' Spuren nach.

Joseph Beuys wurde am 12. Mai 1921 in Krefeld geboren und starb am 23. Januar 1986 in Düsseldorf. Diese Eckpunkte sind vielleicht die einzigen Aspekte seines Lebens, die unbestritten sind. Beuys selbst hat seine Biografie schon umgeschrieben, der Mythos um seine Figur überlagert die Fakten wie eine dicke Schicht Fett, um bei einem seiner Lieblingsmaterialien zu bleiben.

Joseph Beuys war nicht ein Künstler, der ein Werk schuf, er war Kunst. Mit seiner «sozialen Plastik» wollte er den Kunstbegriff erweitern und das vom Künstler als einzigartiges Werk geschaffene Kunstwerk infrage stellen. Eigentlich arbeitet er nicht mit Stoffen, sondern mit Menschen. Er formt sein Publikum, seine künstlerische Arbeit besteht in der Erziehung der Menschen. Sein Werk ist nicht das, was er macht, sondern dessen Wirkung. Es geht ihm, wie er selbst schreibt, um die «Umgestaltung des Sozial-Leibes», denn der Mensch müsse wieder «nach unten mit den Tieren, den Pflanzen, der Natur und nach oben mit den Engeln und Geistern in Beziehung treten».

Bewunderer halten Beuys für den bedeutendsten europäischen Künstler der Nachkriegszeit, einen Schamanen der bildenden Kunst. Kritiker bezeichnen ihn als schamlosen Scharlatan und Blender. Am Anfang von Beuys’ Schaffen stehen zwei neue Richtungen der zeitgenössischen Musik: Happening und Fluxus. «Happening» kommt vom Englischen «to happen» und meint also, dass etwas passiert. Am Ausgangspunkt steht ein Musikstück von John Cage mit dem Titel «4’33». Es ist eine Komposition der Stille: Während viereinhalb Minuten werden keine Klänge erzeugt. Ein Happening.

Die absolute Ruhe: John Cages 4'33"

Die absolute Ruhe: John Cages 4'33"

Parallel dazu entwickelte sich die Fluxus-Bewegung. «fluxus» ist lateinisch und bedeutet «flüssig, fliessend». Zentrale Figur der Fluxus-Bewegung war der koreanische Komponist und Videokünstler Nam June Paik, ein Schüler von John Cage. 1962 organisierte Paik in Wiesbaden ein erstes Fluxus-Festival und lernte dabei einen jungen, deutschen Künstler kennen, der seit einem Jahr Professor für Bildhauerei an der Staatlichen Akademie Düsseldorf war: Joseph Beuys.

Professor Beuys lädt die Fluxus-Künstler nach Düsseldorf ein: 1963 organisiert er in der Staatlichen Akademie das «Festum Fluxorum Fluxus». Beuys bringt da seine «Sibirische Symphonie» zur Aufführung: ein Stück für Klavier, Draht und einen toten Hasen. Es enthält bereits viel von dem, was Beuys später berühmt macht, nur nimmt es noch kaum jemand zur Kenntnis.

Das ändert sich nur einige Monate später, als es am «Festival der neuen Kunst» in Aachen zum Eklat kommt. Da führt Beuys ein «amorphes Klavierstück» auf: Er füllt ein Klavier mit Bonbons, Blättern, Majoran, einer Ansichtskarte des Aachener Doms und Waschpulver. Beuys bringt auf einem Kocher Fettblöcke zum Schmelzen, dazu ertönt Göbbels Rede «Wollt ihr den totalen Krieg?» Das Publikum ist empört. Studenten stürmen die Bühne. Jemand versetzt Beuys einen Faustschlag. Beuys beginnt, aus der Nase zu bluten. Er greift zu einem Kruzifix mit pneumatischem Sockel und erhebt die Hand. Ein Fotograf drückt ab. Das Bild zeigt Beuys mit Filzhut, Kruzifix und vor Blut tropfender Nase. Joseph Beuys hat die Bühne der Kunst betreten.

Beuys hat damit nicht nur seine Rolle gefunden, sondern auch seine Mittel: Fett und tote Hasen. Später kommt noch Filz dazu. Immer wieder rollt er sich in Filzdecken. Mal legt er sich eingewickelt in eine Galerie, bewacht von zwei toten Hasen, mal posiert er eingewickelt in Filz mit Hirtenstab, mal lässt er sich in einer Filzdecke im Krankenwagen transportieren. Die toten Hasen sind dabei nie weit weg. 1965 erklärt er einem toten Hasen gar die Bilder in der Galerie Schmela in Düsseldorf. Beuys schreibt dazu: «Für mich ist der Hase das Symbol für die Inkarnation. Denn der Hase macht das ganz real, was der Mensch nur in Gedanken kann. Er gräbt sich ein, er gräbt sich einen Bau. Er inkarniert sich in die Erde, und das allein ist wichtig.»

Für Beuys gehören nicht nur seine Objekte, Installationen und Zeichnungen zu seinem Werk, sondern auch seine Erklärungen: «Mit meiner künstlerischen Sprache habe ich verschiedene Stadien durchlaufen: Im ersten Stadium drückte ich mich mit Objekten aus, im zweiten Stadium durch Aktionen und im dritten Stadium des Gedankens und der Konzepte, in dem ich mich jetzt befinde, durch das Wort und durch das Grafische.» All das fasst Beuys zum viel zitierten «erweiterten Kunstbegriff» zusammen. Kunst ist nicht das Produkt von einigen, spezialisierten Künstlern. Für Beuys ist jeder Mensch ein Künstler, das Leben als solches ist ein Kunstwerk.

Diesen universellen Kunstbegriff sammelt Beuys in seiner «sozialen Plastik». Wobei Plastik missverständlich ist: Für Beuys kann das alles sein, auch ein Gedanke ist ihm Plastik. «Sozial» ist die Plastik deshalb, weil Kunst für ihn kein singuläres, von einem Künstler geschaffenes Werk ist. Eigentlich geht es überhaupt nicht um ein Werk, sondern um den Menschen: Den will er formen, ja erziehen. Kunst ist für Beuys also die künstlerische Erziehung des Menschen. Anders gesagt: Kunst ist für Beuys nicht das Werk, sondern dessen Wirkung. «Der Mensch», schreibt Beuys, «muss wieder nach unten mit den Tieren, den Pflanzen, der Natur und nach oben mit den Engeln und Geistern in Beziehung treten.»

«Ist das Kunst?», ist im Umgang mit Joseph Beuys deshalb die falsche Frage. Denn wer an der Kunst von Beuys zweifelt, zweifelt eigentlich an sich selbst.

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