Langenthal

Facebook-Gesichter im Postkartenformat

Ungebrannter Ton: Die Installation «minimal leftovers» der Zürcherin Sabina Baumann. zvg

Ausstellung

Ungebrannter Ton: Die Installation «minimal leftovers» der Zürcherin Sabina Baumann. zvg

Ganz einfach «Es» benennt Kuratorin Fanni Fetzer die neue Ausstellung im Kunsthaus Langenthal. Mit den Werken von Francisco Sierra, Gitte Schäfer und Sabina Baumann lädt sie ein in eine sonderbare Bilderwelt seltsamer Gesichter und Szenen und sinnbildhafter Assemblagen.

Eva Buhrfeind

«Facebook» hat der 1977 geborene Francisco Sierra seine Serie kleinformatiger Porträts genannt. Und wer sich ein wenig auf dieser Selbstdarstellungsbühne auskennt, der wundert sich hier nicht mehr. Nicht, dass der autodidaktische Maler, der ursprünglich ein Musikstudium absolvierte, sich der Facebook-Gesichter angenommen hätte. Dazu sehen seine Figuren irgendwie zu extraterrestrisch aus. Aber so, wie sich viele Facebook-User mit ihren nicht immer besten Fotos präsentieren, so hat auch Francisco Sierra seine «Porträts» interpretiert: «kurlig», absurd und im Postkartenformat. Horror-Gesichter, die man zu kennen glaubt, sei es aus einem Cartoon oder einem Albtraum: «ET» oder «Herzilein», starre Blicke, mordsmässige, schiefe Zähne, zerdellte Schädel, Monsterbrillenblick und schiefes Grinsen reihen sich aneinander. Kennen sie uns? Hoffentlich und höchstens nur aus den Schlupfwinkeln atemloser Träume oder morbider Comicabgründe.

Dezenter Link zum Surrealen

Ganz fein in Öl im sanften Stile alter Meister gemalt, mutieren diese Mutanten kurioser Eigenschaften zum Spiegelbild unserer nonverbalen Assoziationen. Überhaupt spielt der junge Maler gerne mit der klassischen Malerei, so auch in den kleinen Rondellen mit den zart-brutalen Traumszenen. Mit einem dezenten Link zum Surrealen und Fantastischen erweist er der alten Malerei höflich seine Reverenz, um gleichzeitig die Frage aufzuwerfen: Darf man überhaupt noch derart realistisch malen? Und wenn ja, darf man subversiv Verrätseltes überhaupt in historische Rahmen stecken? Dieses Spiel mit dem Moment zwischen jugendlichem Scherz und professioneller Vision zeigt sich auch im grossformatigen Bild «The Parallel Universe», einer fotorealistischen Darstellung eines eckig gehaltenen Ton-Teegeschirrs. Mit diesem zitiert er sich selbst, das heisst jenes Werk, für das er beim diesjährigen Aeschlimann-Curti-Stipendium ausgezeichnet wurde. Oder im denkmalgeschützten Raum, wenn er die billige, aber historische Raumvertäfelung für die Betrachter illusioniert.

Diese Ausstellung ist ein Projekt der Kuratorin Fanni Fetzer, die diese drei formal wie medial und auch inhaltlich unterschiedlichen Künstler-Positionen lange gedanklich mit sich herumgetragen hat, bis sie eines Tages über den Rhetorik-Begriff der «Prosopopoiea» auf den gemeinsamen Nenner für eine Ausstellung gestossen ist: Wenn Objekte für den Menschen dahinter zu sprechen beginnen, so begannen diese Arbeiten auch für die Kuratorin - aus dem Alltäglichen herausgenommen - wie aus dem Unterbewussten und Unbewussten zu sprechen. Diese Ausstellung bezieht sich nicht auf Psychoanalytisches, lässt aber durchaus Grenzbereiche in der Freud'schen «Es»-Wahrnehmung zu. Das «Es» als nicht fixierbares Neutrum kulturell geprägter Reflexionen.

Zeugnis unserer Zeit

Die in Berlin lebende, 37-jährige Gitte Schäfer arbeitet mit Fundstücken aus Brockenstuben, von Flohmärkten und vom Strassenrand; Materialien, die auch Zeuge und Zeugnis unserer Zeit sind. Ihre feinsinnigen Installationen und Anordnungen spielen über einen variablen Symbolgehalt mit der Wahrnehmung und den Erwartungen des Betrachters. Jede einzelne Arbeit wird dabei zu einem zeichenhaften Moment zwischen Sinnbild, Geheimnis und Dekoration. «Spunk» zeigt in einem bühnenartig verhangenen Raum zwei Lichtspots, rot und hell, die auf die Wand fokussierten Lampen suggerieren ein Aha-Erlebnis, das letztlich in den Betrachtern selber ruht. «Agnes», eine reliefartige Installation im Winkel an der Decke, operiert mit der Idee der verschobenen Perspektive ebenso wie mit dem historisch vieldeutigen Symbol der Zitrone. Die Installation wird zum dreidimensionalen Stillleben, während die Bodenarbeit «Chemsche Gul» fremdländisch archaische Ornamentik-Tradition in die installative Moderne führt.

Gesellschaftskritisch

Die 47-jährige Sabina Baumann aus Zürich hingegen konfrontiert mit verschiedenen Bildfragmenten und Signeten aus Werbung, Kultur- und Kunstgeschichte subtil gesellschaftskritische Positionen wie Geschlechterrollen, gesellschaftliche Stereotypen, Gewalt, Konsum, Esoterik, Erotik und Katastrophen, Umwelt, Werbeträger und auch politische Aspekte. Ineinander verwoben oder polarisierend inszenieren - neben der eher poetisch anmutenden Assemblage im 1. Stock - vor allem ihre akkuraten Bleistiftzeichnungen die radikalen Brüche unseres alltäglichen Erlebens als letztlich surreale Illusionen.

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