Zwei grosse Themenstränge bilden dieses Jahr den roten Faden im bunten Teppich, aus dem das Zürcher Theater Spektakel geknüpft ist: Widerstand sowie Migration, Flucht und Heimatlosigkeit. Zwei Art und Weisen also, wie Menschen aktiv mit dem Schicksal umgehen können, wenn sie an einem misslichen bis lebensgefährlichen Ort leben, wenn sie unfrei sind, unterdrückt, verfolgt, an Leib und Leben bedroht werden. So fokussiert das Festival auf eines der drängendsten Probleme weltweit.

Wir lesen, sehen und hören täglich von Gewalt, Krieg, Migration, Flüchtlingen. Dabei ist es nochmal etwas ganz anderes, die Menschen aus den betroffenen Gebieten selber anzutreffen, ihre Sichtweisen, ihre künstlerische Verarbeitung der Geschehnisse zu erfahren. Genau das bietet nun die 37. Ausgabe dieses Theaterfestivals in aller Ausführlichkeit. Das beginnt schon diesen Donnerstag am Auftaktabend mit einem Stück aus Syrien: «While I Was Waiting» zeigt uns für einmal nicht die Situation der Geflüchteten, sondern diejenige derer, die im Land ausharren. Ihre Lebens- und Überlebensstrategien, ihre Hoffnungen, ihre Verzweiflung.

Todernst bis luftig

Auch die ägyptische Regisseurin Laila Soliman setzt sich immer wieder mit denen, die Unrecht erleiden und Widerstand leisten, auseinander. Stets beruht sie sich auf reale, dokumentierte Geschehnisse. In ihrem neusten Stück «Zig Zig» bietet ihr ein Gerichtsfall von 1919 die Grundlage. Im Kern geht es um zwölf Frauen, die in einem ägyptischen Dorf von britischen Soldaten vergewaltigt worden sind – und den Mut hatten, vor Gericht auszusagen. Was das bis heute in gewissen Ländern bedeutet, zeigt sich beispielsweise in Indien, wo etwa unlängst eine junge Frau, die ihre Vergewaltiger anklagte, von denselben Tätern erneut vergewaltigt worden ist.

Heiterer aber ebenfalls mit ernstem Hintergrund ist das griechische Stück «Clean City». In diesem Dok-Theater erzählen Migrantinnen, was es heisst, in Griechenland als Putzfrau zu arbeiten. Neben der Kritik an der Ausbeutung schwächer Gestellter steht die rhetorische Frage: Wenn es keine Migranten gäbe, wer würde dann die Häuser und Strassen putzen, wer würde dann die alten Leute pflegen? Offenbar übernehmen sogar in Griechenland, mit seinen vielen inländischen Arbeitslosen, fast ausnahmslos Ausländer die Drecksarbeit.

Einen Kontrast zu den vielen politischen Stücken bieten die Zirkusspektakel, die Strassenkünstler und die Konzerte. Zusammen mit zwei Installationen zeigt das Festival heuer insgesamt rekordverdächtige 50 Produktionen. Eine architektonische Neuheit auf der Landiwiese ist zudem ein Pavillon, der das bisherige Haus am See ersetzt.

Ab Festivalmitte überschneidet sich das Theater Spektakel zum dritten Mal mit dem biennalen Theaterfestival Basel. Dieses steht dem Zürcher Anlass künstlerisch in nichts nach. Eher im Gegenteil: Das viel jüngere Festival bietet mit 20 Produktionen eine kleinere, aber erfahrungsgemäss qualitativ gezieltere Auswahl, sodass die Chance, Hervorragendes zu sehen, noch grösser ist als in Zürich. Handkehrum hat Zürich etwas, das Basel nie haben wird: den See – und eine Seebühne.

Ob am Zürichsee oder in Rheinnähe: Die diesjährige Auswahl verspricht da wie dort besonders viel Gutes. Und zwei Stücke werden beidenorts gezeigt, unter anderem das syrische «While I Was Waiting». Bald, bald.

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