Theater

Experiment mit Mensch und Tier im Zürcher Schiffbau

Gulliver bei den Zwergen? Nein, Kaspar Hauser (Jirka Zett) bei den Menschen!

Gulliver bei den Zwergen? Nein, Kaspar Hauser (Jirka Zett) bei den Menschen!

Theatermagier Alvis Hermanis erzählt in der Box im Zürcher Schiffbau «Die Geschichte von Kaspar Hauser». Es gelingen ihm magische Bilder, aber der Abend gerät bisweilen zu nett.

Minderwertigkeitskomplexe hat keiner im Schauspielhaus Zürich. «Ein interessanter Fall», steht gross auf dem Programmheft. Der Titel des Stücks, «Die Geschichte von Kaspar Hauser», entdeckt man kleingeschrieben auf der Rückseite.

Ein Zeichen? Im Nachhinein lesen wir an diesem Abend nämlich alles als Zeichen, studieren vor- und rückwärts, was da noch alles zu sehen und zu hören war, was uns hätte beschäftigen können, worüber wir uns hätten Gedanken machen sollen. Am besten so viele, dass sich die kurzen 100 Minuten nicht im Schneckentempo von Szene zu Szene geschleppt hätten. Ja, es sei gleich gesagt: Dieser Abend ist bei allem Zauber auch überraschend zäh.

Gezaubert hat der lettische Theaterkünstler Alvis Hermanis. Einst am Theaterspektakel mit Gogols «Revisor», wo die Kohltöpfe auf der Bühne dampften, beklatscht, dann in der Schiffbauhalle für «Der Idiot» und «Langes Leben» bewundert. Mittlerweile inszeniert Hermanis in Wien und Berlin – Opern gar in Salzburg. Ja, vor allem Oper will er in Zukunft im Ausland inszenieren, seine Kunst werde auf der Sprechbühne nämlich kaum verstanden, liess er vor kurzem in der «NZZ» verlauten.

Keine Angst: «Die Geschichte von Kaspar Hauser» versteht jeder nur zu gut. In knapp 30 Szenen wird das Leben dieses Sonderlings, der 1828 aus dem Nichts auftauchte und kaum sprechen konnte, erzählt. Hauser wurde zum Objekt der Wissenschaft und zur Projektionsfläche der Bürger: Erbprinz oder Scharlatan?, lautete die Frage. 1833 starb Hauser an einer Stichwunde, ob selbst oder fremd zugefügt, wurde nie geklärt.

Gedicht, Roman, Film und Theater

Der Mythos Hauser war geboren, die Literatur nahm sich dieser realen Märchenfigur sogleich an, später wurde sein Leben mehrfach verfilmt. In Zürich steht Hauser nun auf der Bühne, erst wackelig, ist er doch eben aus einem Sandhaufen hervorgekrochen. Ein «Fremder» wirft ihn den Nürnbergern vor die Füsse. Das Experiment kann beginnen.

Wie ein Gulliver steht er da, zwischen «greisen» Kinderschauspielern, die von Profis eine Stimme erhalten und wie Marionetten geführt werden. Hingerissen sind alle von diesem Fremdling, dem die Damen gleich an die Wäsche wollen. Doch wenn der «edle Wilde» Gefühle, ökonomischen Sinn, ja gar die Lüge kennen lernt, wenden sie sich enttäuscht von ihm ab: Einen weiteren Menschen brauchen sie nicht.

Diese Gulliver-Perspektive ist spannend, macht die Inszenierung aber auch putzig und raubt ihr die Tiefe. «Warum ist die Wirklichkeit nicht die Wahrheit?», fragt Hauser (famos gespielt von Jirka Zett) verstört und deutet damit auf die Kunst von Alvis Hermanis. Der Regisseur zeigt die Wirklichkeit mit übertriebenem Realismus und verweist auf eine dahinterliegende Wahrheit.

Dazu ist ihm jedes Mittel recht – auch ein weisses Pony, das zwei Stunden auf der Bühne steht. Hingerissen schaut man zu, wie es selbstverliebt tänzelt, wie es aufmerksam dem Geschehen folgt, wie es genüsslich (fr)isst und zum Schluss – es verdient dafür fünf Extrarüben – dem Streichsextett mit Kennermiene lauscht. Nicht verwunderlich, würde es als Zugabe ein Trakl-Gedicht aufsagen. Jeder im Saal versteht den Wink: Die Nürnberger ergötzten sich einst an einem «edlen Wilden», wir Zürcher an einem netten Pferdchen.

Ein interessanter Fall.

Kaspar Hauser: Schauspielhaus Zürich, Box (Schiffbau), 15 Mal bis 5. April.

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