Literatur

Eveline Hasler: «Beim Schreiben wachsen mir Flügel»

Eveline Hasler (85), lebt seit 25 Jahren im Tessin.

Eveline Hasler (85), lebt seit 25 Jahren im Tessin.

Eveline Hasler, 85, erzählt, wie sie die vergessene Rebellin für ihren eben erschienenen historischen Roman «Tochter des Geldes» fand – und warum sie aufmüpfige Figuren liebt.

Wir sitzen auf Haslers sonnenwarmem Balkon in Ascona mit Blick auf blühende Magnolienbäume und Kameliensträucher. Fast erübrigt sich die erste Frage:

Eveline Hasler, Sie sind in Glarus geboren und haben lange in St. Gallen gelebt. Wieso sind Sie vor gut fünfundzwanzig Jahren ins Tessin gezogen?

Eveline Hasler: Aus Liebe! Ich hatte immer Sehnsucht nach dieser Gegend, die ich seit meiner frühen Kindheit kannte. In dieser Landschaft fühle ich mich aufgehoben, die Energien fliessen leichter als nördlich der Alpen.

Konnten Sie deshalb so viele Bücher schreiben? Ein Dutzend Romane, dazu Erzählungen, Kinder- und Jugendbücher, Gedichte? Mit 85 Jahren haben Sie einen historischen Roman veröffentlicht. Werden Sie denn nie müde?

Oh, doch! Schreiben ist Knochenarbeit: Nach ein paar Stunden am Computer tut mir der Rücken weh. Doch das Alter hat auch Vorteile: Heute erlebe ich Momente des Glücks viel intensiver, das Frühlingserwachen der Natur etwa. Und vor allem: Wenn ich mich in meine Texte vertiefe, wachsen mir Flügel, die mich über alle Widrigkeiten hinwegtragen.

Im Tessin schreibe es sich beflügelt, sagt Evelina Hasler – selbst über historische Figuren.

Im Tessin schreibe es sich beflügelt, sagt Evelina Hasler – selbst über historische Figuren.

Das erinnert mich an die hochfliegende «Wachsflügelfrau» in Ihrem Buch über Emily Kempin-Spyri, die erste promovierte Juristin Europas, die in einer Basler Irrenanstalt landete.

Mich ziehen visionäre historische Figuren an, die für ihre Aufmüpfigkeit von der Gesellschaft oft hart bestraft werden. Die Heldin meines neuen Buchs ist auch eine rebellische Pionierin, die Bedeutendes geleistet hat und trotzdem vergessen ging.

Wie sind Sie auf diese Mentona Moser gestossen?

Ich suche meine Stoffe nicht, sie finden mich! In diesem Fall vor vielen Jahren: 1986 erhielt der Schweizerische Schriftstellerverband eine Einladung in die DDR und ich wurde per Los dafür ausgewählt. In Ostberlin führte mich meine grosse Kollegin Irmtraud Morgner an das Ehrengrab einer Schweizerin und wunderte sich, dass mir der Name nichts sagte. Ich begann zu recherchieren, aber man warnte mich: In einer Zeit des Kalten Kriegs käme eine Hommage an eine Kommunistin im Westen schlecht an. Inzwischen erkennt man hierzulande die idealistische Hoffnung am Anfang dieser Ideologie – Grund genug für mich, einer furchtlosen Sozialpionierin ihre Stimme wiederzugeben.

Ich bewundere zwar deren hartnäckigen Kampf, teile ihre Sorge um den kranken Sohn und empöre mich über die hartherzige Mutter – aber Sie beschreiben das tragische Schicksal dieser Frau kühl distanziert. Warum?

Dabei hat mich selten eine Kindheitsgeschichte so erschüttert wie die der vaterlosen, von der Mutter abgelehnten Mentona! Aber ich hüte mich vor allzu enger Nähe zu meinen Figuren. Ich fühle mich möglichst sensibel in sie ein, gestützt auf ihre eigenen Äusserungen und sorgfältig gesammelte Fakten. Aber ich identifiziere mich nicht. So lasse ich ihnen den Freiraum zu eigener Entwicklung.

Ihr erster Roman, der Ihren Ruf begründete, erzählt von Anna Göldin, die im 18. Jahrhundert in Glarus als letzte Hexe Europas hingerichtet wurde.

Darüber redet man in meiner Geburtsstadt nicht gerne! Ihr Verbrechen war ja lediglich, dass sie für eine Magd zu eigenständig war und zu verführerisch für die Männer.

Eigentlich haben alle Ihre Romanheldinnen etwas von einer Hexe: Sie missachteten die engen Grenzen ihres Geschlechts.

Ach ja, die Defizite der Frauengeschichte … Aber ich habe auch über engagierte Männer geschrieben: Varian Fry, der im Zweiten Weltkrieg zweitausend Verfolgten das Leben rettete. Oder Henry Dunant, der unter Schwierigkeiten das Rote Kreuz gegründet hat.

Neu gedruckt wurde auch Ihr Erstlesebuch «Der Buchstabenvogel». Sie haben Ihre Karriere mit Kinder- und Jugendbüchern begonnen, in «Peppino» thematisierten Sie erstmals die Situation der Immigrantenkinder.

Schreiben für ein junges Publikum war eine gute Schule: Man muss es sofort packen und in die Geschichte hineinziehen, sonst hat man verloren. Das versuche ich auch mit meinen Büchern für Erwachsene.

Und werden Sie dranbleiben?

(Jetzt mischt sich Eveline Haslers Ehemann ein, der unserem Gespräch bisher mit stummem Interesse gefolgt ist): «Fragen Sie meine Frau das nicht, sonst behauptet sie , das sei ihr letztes Buch – wie so oft. Und morgen beim Frühstück erklärt sie mir dann begeistert eine neue Romanidee, von der sie geträumt hat.»

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