Lukas Hartmann, lassen Sie mich raten, als Kind war Ihr Lieblingsbuch «Robin Hood»?

Lukas Hartmann: Nein, mein Lieblingsbuch war «Oliver Twist». Mein neues Kinderbuch «Mein Dschinn» ist auch eine versteckte Hommage an den Autor Charles Dickens.

Ich frage nach Robin Hood, weil in Ihrem Buch eine Figur sagt, stehlen schaffe ausgleichende Gerechtigkeit.

Den Reichen nehmen und den Armen geben – das ist natürlich eine sehr romantische Vorstellung. Aber tatsächlich gibt es auch in Oliver Twist jene Szenen, in denen Oliver lernen muss zu stehlen. Das hat einen sozialkritischen Hintergrund. Und beschäftigt mich bis heute.

In Ihrem Buch kommt dem kleinen Helden ein guter Geist – ein «Dschinn» – zu Hilfe, wenn er in Not ist.

,Ja, aber der Dschinn sagt in bestimmten Situationen auch: Da kann ich nicht helfen, das ist deine Aufgabe.

Gibt es Momente, wo Sie sich einen Dschinn wünschen?

Immer mal wieder. Vielleicht gar nicht so für mich, aber für die Welt und die gegenwärtige politische Lage. Da bräuchte es einen sehr mächtigen Dschinn, der einiges in Ordnung bringt und dann aber auch sagt: Es ist eure Aufgabe, Frieden zu stiften, euch zu versöhnen.

Sie wurden 1944 geboren. Ist die Welt seither besser geworden?

Mit Begriffen wie «besser» oder «schlechter» in Bezug auf politische Ereignisse gehe ich sehr sparsam um. Aber ich beobachte, dass es heute für katastrophale Ereignisse viel mehr öffentliche Aufmerksamkeit gibt. Wir erfahren schneller etwas über Katastrophen, die weiter weg sind, und bekommen den Eindruck, dass die Unruheherde unglaublich zugenommen haben. Ich meine, es gibt eine gewisse Konstanz in der Polarität zwischen Frieden und Unfrieden. Aber ob die Welt besser geworden ist? Im Moment sieht es nicht danach aus.

Die Jahre, als sich in Europa die Grenzen öffneten, liegen nicht lange zurück. Der Kalte Krieg war vorbei, DDR und BRD verschmolzen …

… und wir haben in Europa den friedenssichernden Überbau der EU. Deshalb bin ich immer wieder erstaunt, in welchem Mass die EU herabgesetzt wird. Dieses EU-Bashing ärgert mich. Europa war über Jahrhunderte der blutigste Kontinent. Auf seinem Boden liegen Millionen von Toten, meistens junge Männer, ganze Generationen wurden verheizt. Gerade im Ersten Weltkrieg. Und selbst vor zwei oder drei Generationen schien es noch undenkbar, dass Deutschland und Frankreich, die damaligen Erzfeinde, sich je versöhnen und zusammenarbeiten könnten. Aber sie tun es. Das ist eine Wirkung der EU, die man nicht hoch genug schätzen kann.

Also ist sie so etwas wie Europas Dschinn?

Vielleicht. Obwohl sie grosse Schwierigkeiten hat und ich einiges an ihr nicht begreife. Aber sie bringt die Regierenden dazu, in Kontakt zu bleiben. Solange sie so mühsam verhandeln, besteht ein dichtes Kommunikationsnetz. Und solange wird es keinen Krieg geben innerhalb von Westeuropa. Nur wenn Länder aus der EU ausscheren, wird es gefährlich. Weil dann der Nationalismus plötzlich wieder überhandnimmt. Radikaler Nationalismus hat es immer leicht, Gläubige zu finden.

Ist da auch die Schweiz gefährdet? Die SVP will neuerdings Schweizer Recht über das internationale Recht stellen …

Ich finde es bedenklich, eine politische Balance zerstören zu wollen, die wir als Glied der internationalen Gemeinschaft mittragen. In allen demokratischen Staaten sind Völkerrecht und Landesrecht ineinander verzahnt. Klar steht das Landesrecht im Vordergrund. Aber auch die Menschenrechte sind Teil unseres Selbstverständnisses. Die immer radikaleren Forderungen der Rechtspopulisten in der Schweiz – und nicht nur hier – erschrecken mich. Und ich weiss nicht, wie weit sie noch gehen wollen, um alles zu ernten, was sich an Bitterkeit und Verdruss in den Leuten angesammelt hat.

Die Schweiz wurde von Kriegen und wirtschaftlichen Katastrophen verschont. Weshalb ist in den Menschen Bitterkeit?

Darüber denke ich oft nach. Wenn ich die Kommentarspalten der Online-Medien lese, wird mir manchmal richtig schlecht. Was sich da alles entlädt in einem Land, das nie wirklichen Mangel erleben musste im letzten Jahrhundert! Während die umliegenden Länder in Trümmer fielen und die schrecklichsten Ereignisse zu überleben hatten. Ja, die Schweiz blieb verschont. Vielleicht ist es gerade dieses Verschontsein, das die Angst erzeugt, es könnte auch uns treffen.

Sie scheinen nicht gerade gefährdet, altersmilde zu werden.

Milde möchte ich gar nicht sein. Tolerant ja. Aber das hat nichts mit Milde zu tun. Ich möchte verstehen können, immer noch – oder sogar immer mehr – wie andere zu ihrer Haltung kommen. Weil das die ganze Bandbreite menschlicher Existenz ausmacht – in der Geschichte und auch heute.

Stichwort Geschichte: Oft spielen Ihre Romane in der Vergangenheit.

In unserer Gegenwart klingt immer etwas an von Vergangenem. Das möchte ich mit meinen Figuren und Szenarien bewusst machen. Wir sind eine gegenwartsversessene Welt geworden. Zwar werden Gedenktage wie der Ausbruch des Ersten Weltkriegs in den Medien breit abgehandelt. Aber das taucht auf und verschwindet gleich wieder. Mir ist eine Kontinuität des Verstehens wichtig. Es gibt einen Satz von Nietzsche, der mir gefällt: «Die Vergangenheit wirkt in hundert Wellen in uns fort.»

Sie schreiben für Kinder und für Erwachsene, ist das eine Art, sich dem Alter zu entziehen?

Es hat mehr damit zu tun, dass ich das Kindliche in mir bewahren will. Das ist die grösste Quelle von Kreativität – vor sich hin träumen, sich versenken in andere Welten. Als Junge habe ich meine Bettdecke morgens früh über den Kopf gezogen und mich nach Afrika versetzt. Der kleine Raum zwischen Matratze und Bettdecke war Afrika. Diese Fähigkeit möchte ich nicht verlieren.

Hat Kreativität denn wirklich etwas mit dem Alter zu tun?

Nein, sie muss, sie kann lebendig bleiben. Fontane hat seine besten Romane mit über 70 geschrieben.

Sie haben früher Musik gemacht, Ihre Frau auch. Nun schreiben Sie Bücher und Ihre Frau sitzt im Bundesrat. Wundern Sie sich darüber, welche Romane das Leben schreibt?

Ich höre nicht auf, mich zu wundern über Lebenswege. Nicht nur über meinen. Sondern auch über die Unvorhersehbarkeit vieler Wege, über die Verzweigungen und nie vorausgeahnten Entscheidungen. Ich finde es schön, sich überraschen zu lassen vom Leben, vielleicht auch zu leiden und dadurch zu neuen Sphären zu gelangen. Das ist etwas klischiert ausgedrückt, aber es kann wirklich passieren.

Manchmal sind Sie auch ein wenig Homo Faber – Lukas Hartmann ist nicht Ihr wirklicher Name.

Der entstand aus einem Zwang heraus.

Ein Pseudonym unter Zwang?

Als ich dreissig war, arbeitete ich mit Drogenabhängigen und schrieb darüber einige Reportagen, die sehr nah an diesen Figuren dran waren. Der Verlag rief mich an und riet mir dringend, ein Pseudonym zu wählen. Es dauerte gerade mal dreissig Sekunden und ich wurde Lukas Hartmann.

Warum wollten Sie «hart» sein?

«Hart» ist ein doppeldeutiges Wort. Im Mittelhochdeutschen heisst «hart» Herz – wie ja im Englischen bis heute. Der Name steht heute sogar in meinem Pass, und viele Leute, die mich nicht von früher kennen, nennen mich so.

Auch Ihre Frau?

Das verrate ich nicht ...

Worüber wird bei Ihnen am Küchentisch mehr diskutiert: über Literatur oder über Politik?

Es ist eigentlich ausgeglichen. Wir sprechen über vieles, woran wir arbeiten und tauschen uns sehr rege aus – ohne das allerdings gleich öffentlich zu machen. Es heisst sonst allzu schnell, ich stellte mich in den Dienst meiner Frau oder umgekehrt.

Müssen Sie als Autor Ihre Themen auf die Goldwaage legen, seit Ihre Frau im Bundesrat sitzt?

Vielleicht nicht gerade auf die Goldwaage, aber auf eine Waage legen muss ich sie schon. Nächsten Frühling erscheint mein neuer Roman. Es geht darin um den Mauerfall, um die Fichen-Affäre und die P-26 in der Schweiz. Das betrifft direkt das Departement meiner Frau, auch wenn sie damals noch nicht im Bundesrat sass. Also bin ich sehr vorsichtig. Ich verwende nur Quellen und Akten, die öffentlich zugänglich sind.

Sie feiern am 29. August Ihren 70. Geburtstag. Wird Ihnen Ihre Frau einen Kuchen backen?

Ich glaube nicht, dass sie dafür Zeit hat. Aber feiern werden wir natürlich schon – in irgendeiner Form.