Herr Küng, wie kann ich meinen Bekannten aus Basel und Zürich klarmachen: Auch der Aargau ist ein Theaterkanton.

Walter Küng: Verraten Sie ihnen, dass der Aargau früher einmal Taktgeber der Freien Theaterszene war. In den 1970ern hatte das Aargauer Theater über die Schweizer Grenzen hinaus einen ausgezeichneten Ruf – dank der von Jean Grädel gegründeten Theatergruppe Claque in Baden. Und Grädels später ins Leben gerufene Kindertheater spatz & co machte den Aargau zum Vorreiter in Sachen Kindertheater.

Was war an spatz & co so revolutionär?

Man erzählte den Kindern keine Märchen mehr, sondern griff Themen auf, die sie direkt betrafen. Das war neu. Zugleich hat man um die eigentliche Inszenierung herum theaterpädagogische Angebote für Schulen gemacht.

Sie wirkten als Schauspieler bei der Claque mit. Wie hat man dort gearbeitet?

Man verfolgte ein politisches Ansinnen: Was für eine Rolle könnte Theater in der Gesellschaft spielen? Das hat sich auch am Spielplan gezeigt. Ich erinnere mich an das Stück «Nestlé-Milch tötet Kinder». Das Stück löste damals sogar einen Prozess aus.

Mag sein, dass solche gesellschaftskritischen Stücke im Ausland ankamen. Wie fanden das die Leute in der Region?

Es gab heftige Diskussionen. Politische und wirtschaftliche Kreise übten auf die Claque viel Druck aus. Letztlich waren die Stadt und ihre Bewohner aber stolz auf ihre Theaterkultur.

Um diesen «Geist» zu beleben, einigte man sich 2006 darauf, in der alten Reithalle in Aarau den Oxer, eine mittelgrosse Bühne für die Freie Szene, zu schaffen. Der 20-Millionen-Umbau war ursprünglich auf dieses Jahr angesetzt. Doch Aarau ist auf Sparkurs. Das Projekt darf nur noch halb so viel kosten, sagt Stadtrat Hanspeter Hilfiker. Wollen die Aarauer dieses Haus wirklich?

Im kürzlich vorgelegten Kulturkonzept bekennt sich die Stadt zum Projekt. Der Preis sei zu diskutieren, auch, wie gross der Beitrag des Kantons an den Umbau sein wird.

Ursprünglich wollte der Kanton 8,5 Millionen Franken an den Umbau zahlen …

Ja, so viel Geld hatte man dafür zurückgestellt. Weil die alte Reithalle dieses Jahr nun doch nicht umgebaut wird, gibt es aber keine Verpflichtung mehr. Ergo müssen die Stadt Aarau und der Kanton jetzt alles wieder neu miteinander aushandeln.

Der Begriff Oxer, wie das jurierte Projekt ursprünglich hiess, steht – ironischerweise – für ein Hindernis im Reitsport. Welche Hürden müssen da noch übersprungen werden?

Der noch zu formulierende neue Projektantrag müsste auch vom Regierungsrat vernommen werden. Dann müsste es in Aarau eine Volksabstimmung zum Umbaukredit geben, sehr wahrscheinlich 2017 oder 2018. Die Eröffnung sehe ich frühestens im Jahr 2019. Die Stadt hat vorgeschlagen, die Realisierung in Etappen zu machen. Ich sehe das kritisch.

War es ein Fehler, Aarau den Zuschlag für den Oxer zu geben? Immerhin fasst das Badener Kurtheater 400 Zuschauer …Das Gastspielhaus erarbeitet inzwischen sogar eigene Produktionen.

Heute kann man diese Frage stellen. Vor zehn Jahren sah die Realität anders aus. Damals stand Aarau für die Freie Theaterszene, Baden für das institutionalisierte Stadttheater mit eher bürgerlichem Spielplan. Von diesen Grenzen spricht heute keiner mehr. Darum kann Baden als Standort für Produktionen der Freien Szene plötzlich wieder interessant werden. Aber auch beim Kurtheater läuft es nicht rund. Der geplante Umbau stockt wegen Einsprachen, was die Programmplanung erschwert. Die Situation in Baden scheint mir blockiert, in Aarau zeigt sich jedoch eine Frühlingsbrise.

Abgesehen von Umbaukosten und Standort: Hat man sich denn wenigstens bei den Betriebskosten für den Oxer geeinigt? 2013 sprach man noch von 2 Millionen Franken pro Jahr …

Vonseiten der Stadt Aarau sagt man jetzt, es müsse weniger sein.

Die Hälfte wird das Kuratorium übernehmen müssen. Schon heute sind aber 80 Prozent der Theatergelder gebunden als feste Beiträge an Institutionen. Wie wollen Sie da künftig eine Freie Theaterszene unterstützen?

Zahlen wir an den Betrieb und an die Produktionen des Oxers, wären bereits 50 Prozent der rund 2,4 Millionen Kuratoriumsgelder für Theater und Tanz aufgebraucht. Dass alle Gelder an die Hauptstadt gehen, ist im Aargau kulturpolitisch schwer zu verantworten. Das Gesamtbudget des Kuratoriums müsste deshalb dringend erhöht werden.

Dieses Gesamtbudget stagniert seit fünf Jahren. In der Theatersparte haben Umverteilungen aber schon stattgefunden. Man will den Nachwuchs fördern. Wie stellen Sie das an?

Im Aargau gibts nur wenige Theaterschaffende im Alter zwischen dreissig und fünfzig. Deshalb haben wir letztes Jahr das erste Jugendtheaterfestival in Aarau durchgeführt und mit der neuen Leitung des ThiK das Förderprogramm «Szenotop» ins Leben gerufen, das demnächst ausgeschrieben wird. Wir suchen eine junge Theatergruppe, die in Baden während dreier Jahre einmal jährlich eine Produktion erarbeitet.

Also das Äquivalent zum «First Steps»-Programm der Tuchlaube?

Genau. Auch die neue Nachwuchsförderung des Theater Marie, die Junge Marie, wollen wir weiter fördern. Die Junge Marie muss in Zukunft aber eine breitere Finanzierungsbasis finden. Wir wünschen uns, dass die Stadt Baden sich in Zukunft an der Finanzierung der Jungen Marie beteiligt.

Warum ausgerechnet Baden?

Baden hat fast keine produzierenden Theatergruppen mehr. Wir wollen in Baden die Theaterproduktion wieder mehr anregen. Dieser Impuls kann aber nicht nur vom Kanton kommen, auch die Stadt muss Engagement zeigen.

Wie bekommt das Kuratorium bei seiner Beitragssprechung wieder mehr Spielraum? Wäre denkbar, dass die grösseren Häuser mit einem Leistungsvertrag künftig über den Swisslos-Fonds finanziert werden?

Es wäre eine Diskussion wert! Man könnte auch beim Verwendungszweck unterscheiden: Unterstützt das Kuratorium ausschliesslich den künstlerischen Teil oder sprechen wir auch Gelder an den Betrieb? Die Zuständigkeiten des Kuratoriums müssen da neu geklärt werden.

Was für ein Profil müsste der Oxer aus Ihrer Sicht denn haben?

Es liegt nicht an mir alleine, diese Frage zu beantworten. Produktionen mit Beteiligung von Laien und Profis fanden in den vergangenen Spielzeiten einen grossen Publikumszuspruch und waren künstlerisch auf hohem Niveau. Vielleicht wäre das eine Kunstform für den zukünftigen Betrieb?

Schärfen soll das Profil aber erst einmal ein externer Experte. Wer erteilt ihm den Auftrag.

Die Steuerungsgruppe, bestehend aus Vertretern der Stadt Aarau und des Kantons. Der Experte soll bis September 2015 einen Bericht erstellen, der klärt, ob ein gewünschtes Profil bei den finanziellen Rahmenbedingungen, die die Stadt Aarau und der Kanton vergeben, überhaupt machbar ist. Mit dem Bericht wird sich die Steuerungsgruppe dann an die Stadt Aarau und an den Regierungsrat wenden und sie fragen: Wie steht ihr dazu? Kann man da weitermachen?

Wenn weder der finanzielle Rahmen festgelegt ist noch die ungefähre Ausrichtung: Auf welcher Grundlage soll dieser Experte denn ein Konzept erarbeiten?

Tatsächlich müssen diese Grundlagen diskutiert und festgelegt werden.

Bis wann?

Wir führen heute Freitag erste Gespräche mit einer Fachperson, die so einen Expertenbericht verfassen könnte. Die Entscheidungen müssen deshalb so schnell wie möglich getroffen werden.

Nun hat das Argovia Philharmonic angekündigt, es wolle auch in die alte Reithalle einziehen. Wie ernst nehmen Sie diesen Vorschlag?

Das Argovia Philharmonic hat einen guten Ruf, publikumstechnisch gesehen wäre das sinnvoll … Man könnte sich eventuell sogar Musiktheater als mögliches Label vorstellen.

Stadtrat Hilfiker will den Antrag überprüfen lassen. Mit der Idee eines Orchesterraums wird das Projekt doch bestimmt nicht billiger … Ich bin etwas verwirrt.

Die Verwirrung verstehe ich. Ich bin es auch (lacht). Ich glaube nicht, dass es so günstiger wird. Evaluieren muss das jetzt der externe Berater.

Die provisorische Sommerbespielung der Alten Reithalle seit 2011 ist ein Erfolg. Die Auslastung lag 2014 bei 91 Prozent. Spricht man mit Aarauern, hört man den Satz: «Das Provisorium ist doch gar nicht so schlecht.» Warum nicht dabei bleiben?

Das ist eine Überlegung, die auch in der Steuerungsgruppe ein Thema ist. Es so zu belassen, bedeutet aber nicht, nichts zu investieren!

Gibt es noch andere strukturelle Änderungen, die Sie sich für die Aargauer Theaterszene wünschen?

Ich habe meine ganz persönliche Vision für Baden mit seinem Figura Theaterfestival und dem Animationsfilmfestival Fantoche. Dieses kreative Potenzial sollte der Kanton auch für das Theater nutzen, indem er hier eine Theaterästhetik fördert, die vom Animationsfilm und Figurentheater inspiriert ist. Dann hätten wir diese einzigartige Sprache gefunden, die uns von Basel und Zürich abhebt.