Enrico Marini, Sie haben als erster Schweizer einen Batman-Comic zeichnen dürfen. Wie kam es dazu?

Enrico Marini: Jim Lee, der Verleger von DC-Comics, die Superman, Batman und Co. herausbringen, kannte meine Arbeit und wollte mich für einen Band gewinnen. Ich konnte frei wählen, er hätte mich auch Wonderwoman oder Green Lantern machen lassen. Ich entschied mich für Batman, weil mir diese Figur schon als Kind am meisten bedeutete. Und als Gegenfigur wählte ich den Joker, die perfekte Nemesis. Zugesagt habe ich aber erst, als ich wusste, welche Geschichte ich erzählen möchte.

Siedeln Sie jetzt in die USA über?

Nein. Ich arbeite primär für den europäischen Markt, möchte nicht eine neue Karriere starten. Für mich war es eine Visite. Es war einfach ein Kindheitstraum, der für mich in Erfüllung ging.

Verständlich. Viele von uns haben einmal Batman ins Schulheft gezeichnet…

… ja, so war das auch bei mir. Für mich hat sich dieser Ausflug gelohnt, weil ich machen konnte, was ich wollte. Ich hatte alle Freiheiten, inhaltlich und zeichnerisch. DC Comics gaben mir ihre Spielzeuge, sprich Batman und Joker, und ich durfte mich mit diesen amüsieren. Man liess mich spielen und am Ende muss ich sie wieder zurückgeben. Meine eigenen Figuren hingegen gehören mir, die leihe ich selber ein bisschen aus. Finanziell bringt mir das mehr. Batman war für mich daher vor allem Fun.

Und jetzt sagen Sie, dass Sie das einfach mal aus Spass machen wollten? Andere würden dafür doch auf den Knien kriechen!

Ich arbeite seit 30 Jahren auf diesem Beruf, hauptsächlich für den frankophonen Markt. Davon lebe ich, mit meinen eigenen Werken, seien dies Western-, Abenteuer- oder Vampirgeschichten. Meine Bücher werden in verschiedene Sprachen übersetzt und zum Beispiel auch in Amerika oder Italien herausgegeben.

Heisst das, Batman schenkt nicht überdimensional ein?

In diesem Fall nicht, in den USA fehlt es an Verkaufsstellen für Comics, die Blütezeit ist dort vorbei. Die Filmgeschichten sind zwar immens erfolgreich, all die Superhelden-Produktionen von Marvel oder DC/Warner. Tragischerweise geht die Kurve bei den Comics aber nicht rauf. Es sind im Verhältnis kleinere Auflagen.

Welche Auflage hat Ihr Batman-Band?

In Frankreich haben Teil 1 und 2 je 70 000, in Amerika ist es etwas weniger. Dort setzt man auf die Gesamtausgabe, die Ende Jahr erscheinen wird.

Alle kennen Batman, viele Leser sind Experten. Hat Sie dieser Erwartungsdruck gestresst?

Nein, was konnte schon passieren? Wenn die Leute es nicht gemocht hätten, wäre es Pech gewesen, aber nicht das Ende meiner Karriere. Für mich war die Herausforderung, mehr zu machen als ursprünglich gedacht. Ich wollte die Geschichte schreiben, sie zeichnen, inken, malen, sogar das Lettering, also die Sprechblasen, übernehmen. Zum Teil fällte ich am Ende auch Marketingentscheidungen. Dieses Baby von Anfang bis Schluss begleiten zu können, reizte mich besonders. Der Zeitaufwand war allerdings enorm, für die beiden Bände habe ich etwa eineinhalb Jahre investiert und unter Hochdruck gearbeitet.

Eineinhalb Jahre für zwei Comic-Bände. Ist das viel?

Ja, für den französischen Markt ist es schnell, diese sind aufwändig, man macht im Schnitt ein Buch pro Jahr. In den USA hingegen wird oft in Teams gearbeitet, da macht einer Bleistiftzeichnungen und schickt diese einem anderen, der es inkt und dann einem Studio weiterleitet, welches die Zeichnungen färbt. Selten macht einer alles. Und meist wird dort digital gearbeitet.

Sie aber setzen auf Handarbeit.

Ja, diese Freiheit habe ich mir ausbedungen, ich möchte nicht aus Zeitgründen schneller produzieren. Und genau diesen europäische Touch haben sich die Amerikaner auch gewünscht von mir. Meine Herangehensweise ist anders als jene am Fliessband, ich mache Couleur direct, färbe also auf den Originalen, das ist für sie ungewöhnlich. Auch das Format, so gross und mit Hardcover, ist teurer als die klassischen Heftli.

Und wie sind die Reaktionen? Ist Ihr Batman Türöffner für den globalen Markt?

Ich weiss es nicht, noch warten ja alle auf den zweiten Band. Dieser erscheint im Juni, dann ist die Geschichte abgeschlossen und dann erst werde ich sehen, ob meine Arbeit noch immer gelobt wird. Bisher habe ich zum Glück fast nur positive Resonanz erhalten, auch aus den USA.

Was kommt als nächstes?

Als nächstes bringe ich den zwölften und letzten Band von «Der Skorpion» heraus (eine historisch angelegte Serie, die Red.). Im nächsten Jahr möchte ich einen Krimi machen, eine Hommage an den Film noir. Die Geschichte steht, einen Verlag habe ich auch schon gefunden.

Und eine weitere Batman-Geschichte?

DC hat schon gefragt, ob ich weitermachen möchte. Aber im Moment bin ich mit meinen eigenen Figuren beschäftigt.

Sind Sie jetzt Comic-Millionär?

Ja, ich habe immens viele Comics zu Hause (lacht). Ich gehöre sicher zu den wenigen Zeichnern, die derzeit gut von ihren Comics leben können und kann mich sehr glücklich schätzen. Denn die Konkurrenz ist gross, allein auf dem französischen Markt, der in Europa ausschlaggebend ist, erscheinen jährlich 5000 neue Comic-Bücher, entsprechend gross ist der Verdrängungskampf. Ich bin daher privilegiert, allein vom «Skorpion» sind bis heute 1,7 Millionen Bücher verkauft worden.

Ihrem umwerfenden Zeichnungs-Stil haftet etwas Cineastisches an. Hat Hollywood schon angeklopft?

Es gibt Angebote, von meinen eigenen Werken habe ich schon Optionen für Verfilmungen verkauft. Aber wer weiss, ob ein solches Filmprojekt über das Entwicklungsstadium hinauskommt. Ich mache mir da mal keine grossen Hoffnungen. 

 

Fantasy Basel
Noch bis Samstag, 12. Mai, findet die Fantasy Basel statt, die grösste Comic Convention der Schweiz. Knapp 50 000 Besucher werden erwartet. Zu den Gaststars gehören nebst Enrico Marini auch die Schauspielerinnen Carla Juri (Blade Runner), Josefin Asplund (Vikings) und Ian Beattie (Game of Thrones).