Literatur
Erschreckende Eifersucht – reisst alles mit

Linus Reichlin legt seinem dritten Hannes-Jensen-Roman ein verstörendes Gefühl zugrunde. Jensens Fälle finden an jener Grenze statt, wo die Rationalität auf der einen Seite steht.

Christoph Bopp
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Ganz früher waren die Helden noch richtige Helden. Wenn man sich fragt, welche Eigenschaften eine Figur haben muss, um als Protagonist eines literarischen Werks bestehen zu können, kommt man immer auf einfache Antworten. Sie müssen eine Geschichte vorwärtsbefördern können. Deshalb waren die Helden der alten Epen eben auch noch richtige Helden. Ihnen konnte über Tausende von Versen hinweg ganz übel mitgespielt werden, sie trugen das – manchmal nur mit Mühe, aber immerhin.

Dann waren es Ritter, die in Liebes- und andere Abenteuer verstrickt waren. Diese Abenteuer mussten sich manchmal ein bisschen wie Kreuzzug anhören, damit es funktionierte. Reisende eigneten sich später hervorragend. Sie mussten vordringen. Es durften weite und unbekannte Welten sein, die durchaus auch in der Vertikale liegen konnten. Einer stieg in der Renaissance auf den Mont Ventoux, einen anderen zogs mehr nach unten. Über Königinnen und andere Politiker kamen die Autoren auch auf «normale» junge Menschen, sofern sie «empfindsam» waren. Sie mussten sich dann allerdings durch die ganze Geschichte hin sich selbst empfehlen. Was im Innern eines «Bildungsromans» nicht immer einfach ist.

Es war nicht das Verbrechen allein, das Detektive und Kommissare zu heldentauglichen Figuren machte. Ihre Pflicht war es auch, das Dunkel, das die Gesellschaft immer mehr um sich herum verbreitete, ein wenig zu erhellen. Und sei es nur, um Licht in noch bedrohlichere Winkel zu werfen. Sie sind die eigentlichen Fortsetzer der Aufklärung, Garanten nicht nur dafür, dass Recht und Anstand irgendwie wieder Einkehr halten dürfen, sondern auch Anwälte von Rationalität und durchsichtiger Verhältnisse.

Sie eignen sich deshalb auch zur Travestie. Linus Reichlin hat sich das meisterhaft zunutze gemacht. Sein Held ist ein mittlerweile pensionierter Kommissar mit einem Faible für die Physik, leider auch bereits für Quantenphysik, wo es ja ziemlich drunter und drüber gehen kann. Dieser Hannes Jensen zieht also das Irrationale an wie das Licht die Motten. Seine «Fälle» finden zwangsläufig an jener Grenze statt, wo Vernunft und Rationalität auf der einen Seite stehen. Sie bewegen sich zuverlässig auch hinüber.

Jetzt ist der dritte Hannes-Jensen-Band erschienen. «Er» und nichts weiter sein Titel. Im ersten, «Die Sehnsucht der Atome», hatte die Geschichte selbst die Protagonisten fortgetrieben, in Regionen und Umstände, wo der dumpf-naive Hannes Jensen trotz seiner Leidenschaft fürs Heliumatom Bekanntschaft mit anderen Menschen machen musste. Der zweite Band, «Der Assistent der Sterne», folgte der Vorlage des Kriminalromans strenger. Hier verschränken sich die Raum- und Zeitebenen. Im Universum muss sich alles bewegen, entweder nur im Raum wie das Photon, das sich mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegt und keine Geschichte hat. Keine haben kann, denn erst, wenn es abgebremst wird, tritt es in die Zeit ein. Menschen dagegen wandern fast nur in der Zeit, so die Jensensche Erklärung für allerhand Wunderbares.

Im dritten Band ist es ein Gefühl, das alles antreibt. Hannes Jensen wird von Eifersucht beherrscht, ja richtiggehend geschüttelt. Diese Emotionalität wird in einen kunstvollen Plot eingepackt. Dass es dafür noch den Kunstgriff des Doppelgängers braucht, ist verständlich und verzeihbar. Ein Geheimnis treibt
den jungen Angus Morrison nach Deutschland. Um Lea Murray kreist es. Und als es sich einnistet in die Seele von Hannes Jensen, treibt es ihn wieder zurück auf die sturmumtoste Hebrideninsel Lewis.

Linus Reichlin enttäuscht seine Fans auch jetzt nicht. In seinem dritten Wurf scheint er eine Balance gefunden zu haben, welche die Geschichte selbst trägt, die Figuren glaubhaft erscheinen lässt und die Anflüge des Fantastischen, die in den zwei Büchern zuvor noch manchmal da waren, wirkungsvoll einbindet. Wenn ein Meisterwerk eines ist, das sich mit den Vorgaben und Erwartungen, die der Autor allenfalls hatte, trifft, dann scheint hier ein erstes vorzuliegen.

«Er» ISBN: 3-86971-036-5. 288 Seiten.

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