Kunst
Erleuchtung für alle: In Bern wird die «République Géniale» ausgerufen – noch fehlt das Volk

450 Veranstaltungen sind in der République Géniale bis zum 11. November geplant. Wer mehrfach profitieren will, kann sich für 50 Franken einen Pass für drei Monate kaufen. Günstigere Einbürgerungen gibt es wohl kaum.

Sabine Altorfer
Drucken
Teilen
Das dänische Künstlerkollektiv Superflex richtet eine Werkstatt ein, in der Besucherinnen und Besucher Kopien berühmter Lampen basteln können, die am Ende versteigert werden.

Das dänische Künstlerkollektiv Superflex richtet eine Werkstatt ein, in der Besucherinnen und Besucher Kopien berühmter Lampen basteln können, die am Ende versteigert werden.

John Wronn

Eine Gegenwelt oder vielleicht auch nur eine bessere Welt will man in Bern erproben. Raus aus den herkömmlichen Strukturen, rein in die «République Géniale»! In eine Republik, in der gemeinsam statt einsam gelernt und gelehrt wird, in der getanzt und gekocht, gebastelt, gespielt und musiziert wird, neue Zusammenarbeitsformen erprobt werden und Kunst von Kollektiv kommt. Auf dass uns allen ein paar neue Lichter aufgehen.

Auf eine solche Idee kommen natürlich weder die Berner Regierung noch der Bundesrat – das riecht kilometerweit gegen den Wind nach Kunst. Der Begriff und das Urkonzept der «République Géniale» stammen vom französischen Künstler Robert Filliou (1926–1987), der die alles und alle umfassende Lebensform 1971 ausrief.

In Bern haben sich nun fünfzig Jahre später das Kunstmuseum und die Dampfzentrale gemeinsam an die Arbeit gemacht, um zu beweisen, dass die Idee von Filliou nach wie vor aktuell ist – und in Zeiten neuer Enge wieder ins öffentliche Bewusstsein gehört. Ein Abenteuer, für das Direktorin Nina Zimmer und das grosse, muntere Team von Kuratorinnen und Kuratoren schon mal die Schuhe ausziehen, um von der Bühne ihr Konzept zu verraten; für das Fahnenschwinger die gelbe Fahne der neuen Republik in die Luft werfen, auf der Aare sonntags musiziert wird und im Museum Wände niedergerissen werden. Dort warten manche der Ausstellungsräume leer auf das geniale Publikum, das die Republik bevölkern soll – wenn es sich denn vom Food Stand vor dem Museum losreisst.

Jeder und jede ist ein Genie

Wie setzt man aber eine Theorie – oder ist es nicht doch eher eine Lebenshaltung und Kunstproduktionsform? – in eine (Kunst-)Ausstellung um? Filliou als Fluxus-
Künstler machte es vor, indem er kurzerhand das Leben zur Kunst erklärte, für die es eher Genie als Talent brauche. Er inszenierte so witzige wie abstruse Aktionen und Filme, publizierte Texte und bastelte Schächtelchen und Collagen mit seinen Merksprüchen, verband würfelnd alles mit allem. Das passierte in etwa zeitgleich zu seinem Düsseldorfer Fluxus-Kollegen Joseph Beuys, der bekanntlich alle Menschen zu Künstlern erklärt hatte.

Es ist dem Berner Ausstellungsteam hoch anzurechnen, dass es nicht eine nostalgische Reanimation des äusserlich doch ziemlich angestaubten und visuell nur bedingt attraktiven Œuvres von Filliou angerichtet hat, sondern seine so revolutionären wie visionären Ideen vom kollektiven learning and teaching, seine offene Sicht aufs Kunstmachen aufnimmt und sie am aktuellen Kunstschaffen wie an der gesellschaftlichen Realität sich reiben lässt. Schliesslich sollen ja wir Heutigen von den einst offeneren Ideen von gestern für morgen profitieren.
Gemeinsam statt einsam

Für Tanz, Musik und Performances hat man im Museum eine zentrale Bühne, das Poïpoïdrom, gebaut. Rundum wird in vier Studioli gelehrt und gelernt, im Obergeschoss sind Werke von vier Künstlerinnen-Kollektiven ausgestellt. Noch fehlt das Volk im künftigen Lehr- und Lernraum, und im Archiv, wo Dokumente aus dem künftigen republikanischen Alltag gelagert werden, stehen erst leere Gestelle.

Individuelle Freiheit und kollektive Arbeit müssen keine Gegensätze sein: Das beweisen zwei Baslerinnen mit ihrer fiktiven Künstlerinnenfigur Louise Guerra. Das beweist auch das Duo Relax, indem es Wörter gesammelt hat, welche die angefragten Menschen am liebsten aus dem Gebrauch streichen möchten. Etwa «Rentnerschwemme», «hueregeil» oder «Human resources». Jede Besucherin, jeder Besucher kann einen Antrag mit einem zu löschenden Wort stellen. Auswirkungen auf offizielle Wörterbücher wird das kaum haben, aber wer die Begriffe an der Wand liest, wird nicht unberührt bleiben.

Praktische Beiträge für die Aufklärung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit leistet die englische Gruppe forensic architecture mit ihren 3D-Modellen und digitalen Rekonstruktionen von Tatorten und Tathergängen. Vor allem NGOs nutzen sie seit Jahren, wobei die Beweise der interdisziplinären Gruppe von Gerichten oft angezweifelt wird, weil sie mit künstlerischem Ansatz und Anspruch arbeitet, andrerseits verweigert die Kunstwelt die Akzeptanz, weil die Arbeit zu zweckgerichtet sei. In der République Géniale aber ist die multidisziplinäre forensic architecture eine Vorzeigegruppe.

Erst angefangen ist die handwerklich so schöne wie anspruchsvolle Arbeit, ein 1:1- Modell des Studiolo aus dem Medici-Palast zu betonieren. Wurde der Gedanke des selbstbestimmten Handelns doch in der Renaissance geboren. Das dänische Kollektiv Superflex nimmt den Begriff Aufklärung (französisch: La Lumière) beim Wort und lässt das Publikum in einer Werkstatt Kopien berühmter Lampen basteln. Diskussionen um Urheberrecht, geniale Schöpfung und Individualität inbegriffen – geistige Erleuchtung nicht garantiert.

République Géniale Kunstmuseum Bern, bis 11. November, Dreimonatspass: Fr. 50.–.
Website, die aktuell dokumentiert und informiert: www.republiquegeniale.ch

Aktuelle Nachrichten