Von Lukas Etter

Sasa Stanisic, Sie sind vor gut einem Jahr nach Langenthal gezogen - mit welchen Erwartungen?

Sasa Stanisic: Ich bin gekommen mit der Absicht, den grössten Teil meines neuen Buches zu schreiben. Es sollte als erstes mein Ruheplatz sein, mein Freiplatz sozusagen. Ich wollte in Langenthal Kraft und Ruhe zum Schreiben finden. Die zweite Erwartung betraf den Ort. Der neue Roman spielt teilweise in der Schweiz; ich dachte mir, das schreibt sich viel besser hier, in einem Ort, von dem fast alle wichtigen Städte maximal zwei Stunden entfernt sind. Und das hat sich auch bewahrheitet. Drittens: Die Schweiz war für mich schon immer ein bisschen merkwürdig - man versteht sie nie wirklich, sie ist komplex und kaum greifbar. Ich wollte ihr auf die Schliche kommen, und das ist mir auf kreativste Weise nicht gelungen - ich verstehe die Schweiz immer noch nicht.

Ihren Debutroman «Wie der Soldat das Grammofon repariert» gibt es als gebundenes Buch, als Taschenbuch, E-Book, Audiobook und als Übersetzung in 29 Sprachen. Kommen Sie überhaupt noch zum Schreiben vor lauter Lesungen?

Stanisic: Ich bin mit dem Buch wirklich viel auf Reisen gewesen, vor Langenthal; vor allem, als es überall auf der Welt publiziert wurde. Und ich habe das Reisen genossen. Da ging es mir auch nicht mehr so ums Schreiben, sondern tatsächlich um diese wunderbare, kaputte, schöne, paradoxe Erfahrung der Welt. Wenn ich dann Lust hatte zu schreiben, habe ich es eben getan. Viel mehr ausser Stift und Papier braucht man ja dazu nicht; egal, wo man gerade steckt. Allerdings ist etwas Ruhe dabei nicht das Schlechteste.

Konnten Sie diese Ruhe in Langenthal letztlich finden?
Stanisic: Für mich stand der neue Roman im Vordergrund; rund 150 Seiten sind nun hier entstanden. Es waren viele mehr, doch zwischendurch habe ich alles bereits Geschriebene verworfen. Es war ja auch mehr eine «Traumvorgabe», das Buch hier fertigzustellen. Für mich ist Langenthal und die Gegend zwar äusserst spannend, aber gleichzeitig sind die Ablenkungen doch relativ gering, also kam ich gut zum Schreiben. In Berlin oder Leipzig passiert halt viel mehr, wenn ich die Wohnung verlasse.

Die Schweiz, das Land der Klausurzeit?

Stanisic: Zürich oder Langenthal, das ist natürlich ein grosser Unterschied. Schon allein der Wikipedia-Eintrag von Langenthal: Da ist bei den wichtigsten Persönlichkeiten die Rede von einem Gespannwagenweltmeister, der aus Langenthal kam (grinst). Sein Beifahrer hiess übrigens Robinson. Auch haben sich viele Schweizer Klischees, an denen man zuerst alles aufhängen möchte, während meiner Zeit hier für mich relativiert. Hier sind auch Kleinstädte sehr offen für Neues, und die Zuvorkommenheit der Leute war richtig schön.

In Ihrem Blog (www.kuenstlicht.de) haben Sie unter anderem dem Leben nachtaktiver Tiere in der Region Langenthal nachgespürt. Also doch etwas Ablenkung?

Stanisic: Absolut, denn ich glaube auch, dass man sich eine Stadt auch in eigener Verantwortung spannend machen kann und muss. Die Impulse, etwas zu erleben, etwas zu unternehmen, kommen ja aus dem Leben, nicht aus der Architektur und dem Strassenbild. Ein Kollege hatte mir per E-Mail Aufgaben gestellt, die ich in Langenthal
lösen sollte. Eine davon war eben, kleine Tiere zu fotografieren. Es leben hier einige interessante Exemplare ...

Im Mai letzten Jahres hatte eine Bühnenversion Ihres Romans in Graz Premiere - vor zehn
Tagen doppelte das Theater Freiburg i. Br. nach. In Ihrem Beisein?

Stanisic: Ja, ich war da, allerdings hatte ich mit der Freiburger Theaterfassung im Unterschied zu Graz nichts zu tun. Es ist doch ein spannendes Erlebnis, zu sehen, was andere Menschen mit deinen Ideen anstellen. Und natürlich ist es toll, wenn dann deine Figuren auf der Bühne ein Gesicht bekommen.

Wie geht es weiter, nachdem Sie in Langenthal Ihre Zelte abgebrochen haben?

Stanisic: Nach meinem Auszug geht es nach Berlin, wo ich seit kurzem eine eigene Wohnung habe und Teil eines Büros namens «Adler und Söhne» bin. Wir basteln da momentan unter anderem an einer Fernsehserie. Und bis Ende 2009 soll das Buch fertig werden, das dann hoffentlich 2010 erscheinen wird. Und ich bin mir sicher, dass ich danach - mit dem Buch in der Hand - oft an die gute Zeit in Langenthal zurückdenken werde.