Theater Basel
Er klopft den Staub von den alten Klassikern

Wie geht das genau, ein Stück überschreiben? Ewald Palmetshofer zeigt es mit seiner Bearbeitung von Gerhart Hauptmanns «Vor Sonnenaufgang»

Mathias Balzer
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Ewald Palmetshofer

Ewald Palmetshofer

Nicole Nars-Zimmer niz

Schauspieldirektor Andreas Beck hat dem Begriff wieder Flügel verliehen: «Basler Dramaturgie». Gemeint ist damit ein Theater, das dem Wort auf der Bühne konsequent seinen Platz einräumt. Geprägt wurde der Begriff Ende der Sechzigerjahre, in der legendären Ära von Düggelin und Dürrenmatt.

Die Förderung zeitgenössischer, junger Theaterautoren gehört ebenso zum Konzept wie die Überschreibung älterer Stoffe, seien es Prosa- oder Theatertexte. Simon Stones Bearbeitungen von «Drei Schwestern» und «John Gabriel Borkman» wurden im deutschen Sprachraum zu gefeierten Aushängeschildern der Basler Dramaturgie. Überschreibungen bestehender Stoffe sind im Theater nichts Neues. Goethe, Schiller, Kleist oder Brecht – sie alle haben es getan.

Wie aber geht das genau, ein Stück überschreiben? Der Autor Ewald Palmetshofer (siehe Kasten) hat es bereits mit Marlowes «Edward ll.» gemacht. Nun überschreibt er für das Theater Basel Gerhart Hauptmanns «Vor Sonnenaufgang». Das Stück wurde 1889 uraufgeführt und begründete Hauptmanns Ruf als Naturalist. Es zeigt den Abstieg einer Bauernfamilie in die Alkoholsucht, obwohl, oder gerade, weil sie durch Kohlefunde reich geworden ist. Die damals gängige Annahme, dass Alkoholismus vererbt wird, ist im Stück ebenso Thema wie die Suche nach gesellschaftlichen Utopien und der Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit.

Parallelen zur Gegenwart

«Das Stück ist ein gutes Beispiel für die Basler Dramaturgie», sagt Ewald Palmetshofer. Gerade die ganze Determinismuslehre rund um das Thema Alkohol mache es schwierig, den Stoff in die heutige Zeit zu übertragen. «Es wäre schwer, das Stück mit inszenatorischen Mitteln zu aktualisieren.»

Ihm sei es wichtig, das Ganze viel näher an den heutigen Zuschauer ranzubringen. «Ich möchte nicht, dass man draufschaut und meint, die Personen im Stück, das seien irgendwelche anderen.» Also wirft der Autor erst einmal unnötigen Ballast ab und versucht zum Kern von Hauptmanns Stück vorzudringen. «Mich interessierte schon beim ersten Lesen die Figur des Sozialreformers Alfred Loth. Er möchte sich einsetzen für ein menschenwürdiges Leben. Aber am Ende tritt er völlig hinter seine Ideale zurück. In dem Moment, in dem es darum geht, sich auf die Liebe einzulassen, scheitert er.»

Palmetshofer sieht in diesem Punkt Parallelen zur Gegenwart. «Theoretisch finden wir zwar Vieles gut. Aber wenn es konkret wird, wenn wir uns auf etwas einlassen sollten, gehen wir gerne auf Sicherheitsabstand.»

Ewald Palmetshofer

Der Dramatiker Ewald Palmetshofer ist eine feste Grösse im Team des Theater Basel. Mit seinem preisgekrönten Drama «die unverheiratete» und mit seiner
Bearbeitung von Marlowes «Edward II.» lieferte er bereits zwei gewichtige Beiträge zur noch jungen Ära von Andreas Beck. Der 39-jährige österreichische Autor kam 2015 als Dramaturg nach Basel, seine erste feste Anstellung an einem Theater. Eine 50-Prozentstelle, die es ihm neben der Betreuung anderer Inszenierungen erlaubt, weiter als Theaterautor zu arbeiten.

Nach seinem Studium der Theologie, Philosophie und Psychologie etablierte er sich in Wien ab 2008 mit seinen Arbeiten als wichtige Stimme der zeitgenössischen Dramatik. Seine Stücke wurden am Schauspielhaus Wien, am Staatsschauspiel Dresden oder an der Wiener Burg uraufgeführt. Für «die unverheiratete» wurde er 2015 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet. 2014 brachte der S. Fischer Verlag ein Band mit den wichtigsten Stücken von Palmetshofer heraus. Für das Theater Basel hat er nun eine Neufassung von Gerhart Hauptmanns «Vor Sonnenaufgang» geschrieben, die morgen Freitag uraufgeführt wird. (bal)

Auch auf einer anderen Ebene sieht Palmetshofer eine unheimliche Parallele zur Gegenwart. Bei Hauptmann werde spürbar, dass die Figuren an der Schwelle einer Epoche agieren. Genauso gehe es ihm heute: «Es scheint mir keineswegs gesichert, dass unsere Kinder in einer liberaleren oder gerechteren Welt leben werden.»

Palmetshofer versucht also, den immer noch gültigen Kern der Geschichte freizulegen, lässt Nebenfiguren weg und gibt dafür der Figur der Martha, die bei Hoffmann gar nie spricht, eine tragende Rolle. Über diesen Prozess des Weglassens und Neuerfindens versuche er herauszubekommen, wie diese Figuren heute sein könnten. Er siedelt sie «am Rande irgendeiner Stadt im Speckgürtel» an

Und er wählt nicht eine rhythmisierte, auf Jamben fussende Kunstsprache wie in seinem preisgekrönten Stück «die unverheiratete». «Ich habe eine Sprache gesucht, die weniger künstlich ist, uns näher an die Figuren heranlässt.»

Die Kontrolle abgeben

Als Dramatiker weiss Palmetshofer, dass er nicht für Leser schreibt. «Ein Theatertext existiert eigentlich nur in dem Moment, in dem er gesprochen wird.» Das bedeutet auch, dass ein Autor loslassen muss. Palmetshofer wohnt den Proben zu seinen Stücken jeweils nicht bei. «Mir ist wichtig, dass der Text zu Beginn eine Setzung darstellt, an der gearbeitet werden kann.» Er kommt dann erst in den Endproben dazu – und lässt sich überraschen.

«Es ist Teil der Verabredung dieser Kunstform, dass ich Kontrolle abgebe», sagt er. Und ja, es sei auch schon vorgekommen, dass ihm das eigene Stück fremd vorgekommen sei. In Basel vertraut Palmetshofer auf das Ensemble. «Ich finde, unsere Spielerinnen und Spieler haben ganz unabhängig von den Einzelleistungen eine ungeheure Qualität als Ensemble.»

Hält er das überhaupt aus, sechs Wochen lang den Proben fern zu bleiben? «Jetzt fällt es mir leichter als vor meiner Basler Zeit», sagt er. «Ich hab jetzt schlichtweg zu viel anderes zu tun!»

«Vor Sonnenaufgang»: Premiere, Freitag, 24. November. Theater Basel