Ballett

Er hebelt die Schwerkraft aus

«Nijinski» lässt den revolutionären russischen Tänzer als Person und als Legende auferstehen – mit einem ergreifenden Jan Casier.

Vaslav Nijinski kauert auf dem Boden. Um ihn der riesige schwarze Raum – leer. Mit seiner Faust umklammert Nijinski einen Stift. Schneller und in immer grösseren Bewegungen kritzelt er auf den Boden, Kreis um Kreis um Kreis. Er stockt. Doch da ist kein Trost, kein Halt, nirgends. Chopins tröstende Klänge aus dem Orchestergraben erreichen ihn nicht mehr. «Vaslav Nijinski», flüstert eine Stimme ins Mikrofon. «8. April, 1950».

Das Todesdatum des begnadeten Tänzers, der in kurzer Zeit die Ballettwelt revolutionierte und dann 30 Jahre in Schizophrenie langsam erlosch. Der deutsche Choreograf Marco Goecke hat einen berührenden, traurigen und tiefschichtigen Abend erschaffen. «Nijinski» heisst er schlicht. Und lässt in eineinhalb Stunden Person, Legende und den Traum vom Tanz auferstehen. Goecke hat die Choreografie 2016 mit der Kompanie Gauthier Dance in Stuttgart uraufgeführt. Mit dem Ballett Zürich hat Goecke nun die Arbeit weiterentwickelt. Das Publikum bejubelte die Schweizer Erstaufführung am Samstag frenetisch.

Goecke ahmt kein Biopic nach, er lotet Nijinskis Seelenlandschaften aus. Fiebrig, atemlos, in rasendem Tempo, in Goeckes eigener Tanzsprache, die die Zürcher Kompanie perfekt umsetzt. Hände flattern, Körper zucken, Arme kreisen, impulsiv, kraftvoll, hektisch – Goeckes Bewegungsvokabular erzeugt eine unglaubliche Intensität.

Biografisches wird zitiert, wenige reale Figuren treten auf: Mutter, Freund, Ehefrau und der Förderer und Liebhaber Diaghilew. Doch Goecke geht darüber hinaus, er entwirft ein Universum der Empfindsamkeiten. Irrsinn, Begehren, Homoerotik, Finsternis, Sehnsucht, Einsamkeit – und macht damit Nijinskis Innenleben sichtbar.

Vaslav Nijinski, der russische Ausnahmetänzer, 1889 geboren, der die Schwerkraft aushebelte, mit dem Ensemble «Ballets russes» unter Diaghilews Leitung rauschende Erfolge feierte, mit seinen eigenen Choreografien den Tanz in die Moderne katapultierte und 1913 in Paris einen riesigen Skandal auslöste. Nach seiner Hochzeit mit Tänzerin Romola wird Nijinski vom eifersüchtigen Diaghilew rausgeworfen. Es ist der Anfang vom Ende. 1919 bei einem letzten Auftritt in St. Moritz bricht bei Nijinski Schizophrenie aus. Den Rest seines Lebens verbringt er fast durchgehend in Nervenheilanstalten, schreibt Tagebuch und zeichnet Kreise.

Marco Goecke zeigt einen assoziativen Bilderreigen, zitiert dabei lustvoll Nijinskis berühmte Rollen und Choreografien. Goecke findet in seiner rasenden Sprache mit den 30 Tänzerinnen und Tänzern die perfekte Balance zwischen rastloser Unruhe und Momenten grösster Intimität. Mehr als an Biografischem liegt ihm an der künstlerischen Kraft, die sich in Nijinski Bahn bricht.

Wie Tänzer Jan Casier diesen Rausch der Gefühle, dieses unglaubliche Leben zwischen Genie und Wahnsinn aufleben lässt, ist ergreifend. Ein explodierender Rosenblütenschauer aus dem Bühnenhimmel, Sinnbild für flüchtiges, kurzes Glück. Doch die Dunkelheit bleibt.

Nijinski Ballett von Marco Goecke, Musik von Frédéric Chopin und Claude Debussy. Noch bis 6. April, Opernhaus Zürich.

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