Führen zu viele Leute das gleiche Wort im Mund, weckt das bald Zweifel am Wert des Worts. Etwa am «ganzheitlichen Denken». Auch da bedeutet zu viel Gebrauch Verbrauch. Und schon muss man Leute, die den Wert dieses Worts wirklich noch verkörpern, mit der Lupe suchen, Leute tatsächlich mit breit gefächertem Geist und Wissen.

Einen solchen Mann trafen wir in Bern: Hans Peter Hertig (74). Aus keinem anderen Anlass, als dass wir ein ungewöhnliches, tolles Buch von ihm gelesen hatten (siehe unten). Hertig, heute emeritiert, war Chemiker und Politikwissenschafter, ETH-Professor in Lausanne, Botschaftsrat in Washington und Brüssel, Direktor des Nationalfonds und stellvertretender Generalkonsul in Schanghai.

Exemplarisch scheint das Wort «ganzheitlich» auf ihn zu passen – hätte der Begriff sich nicht völlig verflüchtigt im Lauf der Jahre zu schummriger Bartresen-Esoterik. Hertig fasst das nüchtern; er spricht vom Nutzen des «Interdisziplinären». Und nach drei Stunden Gespräch steht für uns fest: Unterschiedliche Fächer der Tätigkeit und Betrachtung zerstückeln nicht, sondern verbinden das Leben. Sie fügen im Hirn Regionen zusammen und klären, parallel dazu, den Blick auf die Welt.

«Die Welt geht auseinander wie ein fauler Fisch», soll schon Goethe gesagt und empfohlen haben: «Wir wollen sie nicht balsamieren.» Das wäre auch nicht in Hertigs Sinn. Gingen viele Dinge tatsächlich aus dem Leim, dann muss einer wie Hertig sie nicht hastig oder verzweifelt wieder kitten. Das öffnet freilich auch nicht Tür und Tor jener Beliebigkeit, die postmodern oder modisch geworden ist. Beeindruckend im Lauf des Gesprächs mit Hans Peter Hertig ist gerade, durch wie viele, offene, «interdisziplinäre» Flächen es führt, aber stets eng gelenkt wird von der Disziplin des jeweiligen Gedankens.

Mit Jane Fonda zum Basketball

So austariert wie ein Mobile kann das nicht von Anfang an im Kopf eines Menschen schweben. Bei der täglichen Unrast stösst man im besten Fall gelegentlich an den Saum einer «ganzheitlichen Stimmung» und fühlt sich dann einigermassen friedlich dabei oder entwölkt. Gewöhnlich aber herrscht, vor allem in der Jugend, ein Wallen und Dampfen vor, wie es Büchner im Revolutionsdrama «Dantons Tod» unvergleichlich seiner Marion in den Mund gelegt hatte: «Ich kenne keinen Absatz, keine Veränderung. Ich bin immer nur eins; ein ununterbrochenes Sehnen und Fassen, eine Glut, ein Strom.»

Wie schaffte es der junge Hans Peter, das «ununterbrochene Sehnen und Fassen», sein weitgespanntes Wesen in den Kanal oder gar die Kapillare einer bürgerlichen Tätigkeit zu pressen? Es war wie damals oft – es war banal: Man hatte gar keine Wahl. Der Vater war Automechaniker in Burgdorf, betrieb dann zusammen mit seiner Frau ein kleines Mineralwasser-Depot, und das Vielversprechendste wurde so die Trinität: Kaufmann, Bauzeichner oder Laborant. Dazu endete das Aufregendste abrupt mit Schädelbruch: Hockey-Goalie bei den SCB-Junioren – damals spielte man noch ohne Maske und Helm.

Also Chemielaborant. Und die baldige Vertiefung der Lehre durch Studium, in der Wissenschaft. Aber jetzt mischte auch die Zeit mit im Biografischen, letztlich unscharf, auf welche Weise genau, aber scharf zu kennzeichnen mit einer Jahreszahl: 1968. Hertig, Student in Bern, Mitbewohner einer aktivistischen, sehr bewegten WG, wurde «politisiert»; er sattelte um, von Natur- zu Politikwissenschaft.

Heute, mit Blick vom Balkon seiner Wohnung aus, mitten in der Berner Unesco-Klassik, zwischen dem Von-Wattenwyl-Haus des Bundes rechts und dem Erlacherhof der Stadt links, sagt Hertig: «Und nie erwuchs mir aus jener Zeit mit klarem Drall irgendein Schaden.» Kaum spürbar weht darin ein Klang mit, als wäre er darüber heute noch überrascht.

Die Mischung von Chemie und Politik war selten; sie wurde zu Hertigs «Karrierebasis», wie er sagt. Tätigkeitsfelder hierfür gab’s durchaus, genau in der Schnittmenge, wie man heute sagt. Nach Studien und Professur-Assistenz in Iowa und Los Angeles (da im gleichen Büro mit Tom Hayden, dem Bürgerrechts-Aktivisten und Ehemann von Jane Fonda, mit denen Hertig zu den Basketballspielen der Lakers ging) war das Bundesamt für Bildung und Wissenschaft quasi das Sprungbrett gleich wieder dahin zurück: fünf Jahre lang Washington D. C., als Schweizer Wissenschaftsrat, angedockt an die Botschaft.

Dem folgte ein hochinteressantes Mandat in Brüssel: das Forschungsdossier bei den EWR-Verhandlungen, für die Schweiz und mit ihr die Efta, mit dem bekannten abrupten Ende im Dezember 1992. «Brüssel imponierte mir, es gab hervorragende Leute dort, vor allem der Süden Europas delegiert seine besten Kräfte in die EU-Kommission.» Die Erfahrungen bestärkten ihn darin, die Dinge «weiter zusammenwachsen zu lassen», gaben weiter Antrieb für den interdisziplinären und globalen Weg.

Kultur war stets mindestens eingesickert in all den Jahren. Und ohnehin präsent seit Hertigs Leidenschaft für Jazz noch in der Lehrzeit. Vermittler waren insbesondere die Kulturattachés an den Botschaften, die jeweils besonders fiebrig berichteten von neuen Theaterstücken, sehenswerten Werken der bildenden Kunst oder Literatur.

Das verstärkte sich in den zwölf folgenden Jahren als Direktor des Schweizerischen Nationalfonds. Hertig versuchte – wie er antönt, mit eher mässigem Erfolg –, die disziplinären Fachgremien durch themenorientierte zu ersetzen. «Interdisziplinarität wird ständig wichtiger. Dort wo sich Lebenswissenschaften mit dem Ingenieurwesen treffen wie in der Robotik, bei der künstlichen Intelligenz, den neuen Kommunikationsmitteln, beim Klima.»

«Die Barrikaden bröckeln»

Alles wuchs nachher zusammen in Hertigs neuer Aufgabe: In Schanghai baute er (nach den zwei ersten in Boston und San Francisco) das dritte Swissnex-Haus auf. Eine Art helvetischer Berater-Satellit des Bundes für Kultur und Wissenschaft in China. Zwei Bedingungen habe er gestellt: «Nicht nach Peking zu gehen – zu bürokratisch. Und Pro Helvetia einbeziehen, die Kultur» Unterstützt wurde Hertig in Schanghai von seiner Frau, Beatrix Boillat, einer ausgewiesenen Kulturmanagerin.

Die gemachten Erfahrungen in Asien nutzte Hertig auch auf der letzten Berufsstation, an der ETH Lausanne. Vom Präsidenten bekam er den Auftrag, ein Nebenfach über Asien aufzubauen, nutzungsorientiert, weil stets mehr ETH-Absolventen nach Asien gehen. Sogenannte «Area oder Cultural Studies», möglichst mit den besten Leuten, die Hertig weltweit dafür gewinnen konnte. Dennoch schwierig zu implementieren, weil ETH-Studentinnen und -studenten natürlich allein schon in ihren Fachbereichen enorm gefordert sind.

Von der vitalen Wirkung einer breiten, kulturgestützten Bildung auf Sinne und Erkenntnis des Menschen ist Hans Peter Hertig überzeugt, ohne daraus eine Glaubenssache zu machen. Als Naturwissenschafter weiss er, dass das «Zusammenwachsen» der Dinge auch neurologisch Sinn macht, wenn auch die äusseren Probleme weiter zusammenwachsen.

Fast überall, wo man gegenwärtig einen Faden aus dem Chrüsimüsi zieht, wird’s sofort «global und komplex». Und sei es nur ein Plastikfaden, ein Tropfen Wasser oder Luft. Hertig aber klingt alles andere als hoffnungsarm. «Die Barrikaden zwischen den einzelnen Wissenschaften bröckeln. Nicht weil zentrale Institutionen wie Hochschulen und Förderorganisationen von sich aus aufhören, diese zu zementieren, sondern weil die brennenden Fragen der Gegenwart den Zement rationalisieren». Könnte er nochmals anfangen, man spürt es, er akzeptierte keine künstliche Weggabelung, keinen Scheideweg, sondern umgekehrt: Hertig strebte wieder nur dorthin, wo die Gabelung zur Bündelung der Wege wird.

Der Reigen ist ein gutes Muster zur Schilderung menschlicher Begegnungen. «Unerbittliche Mechanik» hat Arthur Schnitzler (1862–1931) darin gesehen und ein Stück daraus gemacht: «Reigen», einer der grössten Bühnenskandale des letzten Jahrhunderts. Schnitzler legte die «unerbittliche Mechanik des Beischlafs» offen, vom Proletariat bis zur Aristokratie. Ein Karussell von Macht, Gier, Enttäuschung und vom Verlangen nach Liebe. Solche Elemente sind alle auch vorhanden im Reigen von Hans Peter Hertig. Und doch ist dieses bemerkenswerte Buch anders. Bei Schnitzler sind es zehn Paare, bei Hertig zwölf Begegnungen. Anders als bei Schnitzler bilden Kunst und Geist, nicht Promiskuität allein das Amalgam zwischen den ausgewählten Personen: wunderbar changierend (und manchmal leicht zurechtgebogen) durch Zufall, persönliche Vorliebe, Recherche und sanfte Systematik. Es sind einst allen geläufige, weltberühmte Namen. Sie waren einander tatsächlich begegnet (mit einer Ausnahme): So etwa Norman Mailer und Arthur Miller, dessen Haus in Brooklyn Hertig mal bewohnt hatte, was nicht zuletzt den Auslöser gab zu seinem Reigen. Dann natürlich Miller und John Huston, der amerikanischste aller Filmregisseure. Huston und Sartre (tatsächlich, obschon das wie eine ätzende Satire von Billy Wilder klingt), Sartre und Brecht, Brecht und Walter Benjamin, Hannah Arendt und Simone de Beauvoir, Alberto Giacometti und Henri Cartier-Bresson, Strawinsky und Duke Ellington usw. Eine der porträtierten Personen führt immer zur nächsten. Auch dazwischen funken, flirren weitere Verknüpfungsdrähte. So wurde etwa die Fotografin Inge Morath, die in den USA feinstoffliche Fotos machte von Marilyn Monroe und Arthur Miller bei den Dreharbeiten zu Hustons Film «The Misfits», später Millers Frau. Das Spielerische bei allem Recherche-Fleiss macht diesen Kulturreigen nicht nur lehrreich, selbst für Kenner der Porträtierten, sondern die Lektüre höchst vergnüglich. Hertig hat ein Flair für Porträtskizzen; für diverse Querbezüge sowieso, als «interdisziplinärer» Geist. Er hätte diese auch knüpfen können, ohne öfter darauf hinzuweisen, dass dieser oder jener Exkurs dazu noch folge. Man folgt Hertig wie einem Kultur-Verknüpfer, überrascht, amüsiert, angeregt, seine Schilderungen selber zu erweitern. Auch das bietet das Buch, indem bei den betreffenden Passagen QR-Codes abgedruckt sind, mithilfe derer man sich sofort per Handy weiteres Hintergrundmaterial – etwa aus Youtube – vor Augen führen kann. Aus irgendeinem Grund sind solche «Crossover-Bücher» dünn gesät. Hier haben wir wieder mal eins von ungewöhnlicher Qualität. Max Dohner

Das Buch: ein Reigen mit weltberühmten Namen

Der Reigen ist ein gutes Muster zur Schilderung menschlicher Begegnungen. «Unerbittliche Mechanik» hat Arthur Schnitzler (1862–1931) darin gesehen und ein Stück daraus gemacht: «Reigen», einer der grössten Bühnenskandale des letzten Jahrhunderts. Schnitzler legte die «unerbittliche Mechanik des Beischlafs» offen, vom Proletariat bis zur Aristokratie. Ein Karussell von Macht, Gier, Enttäuschung und vom Verlangen nach Liebe. Solche Elemente sind alle auch vorhanden im Reigen von Hans Peter Hertig. Und doch ist dieses bemerkenswerte Buch anders. Bei Schnitzler sind es zehn Paare, bei Hertig zwölf Begegnungen. Anders als bei Schnitzler bilden Kunst und Geist, nicht Promiskuität allein das Amalgam zwischen den ausgewählten Personen: wunderbar changierend (und manchmal leicht zurechtgebogen) durch Zufall, persönliche Vorliebe, Recherche und sanfte Systematik. Es sind einst allen geläufige, weltberühmte Namen. Sie waren einander tatsächlich begegnet (mit einer Ausnahme): So etwa Norman Mailer und Arthur Miller, dessen Haus in Brooklyn Hertig mal bewohnt hatte, was nicht zuletzt den Auslöser gab zu seinem Reigen. Dann natürlich Miller und John Huston, der amerikanischste aller Filmregisseure. Huston und Sartre (tatsächlich, obschon das wie eine ätzende Satire von Billy Wilder klingt), Sartre und Brecht, Brecht und Walter Benjamin, Hannah Arendt und Simone de Beauvoir, Alberto Giacometti und Henri Cartier-Bresson, Strawinsky und Duke Ellington usw. Eine der porträtierten Personen führt immer zur nächsten. Auch dazwischen funken, flirren weitere Verknüpfungsdrähte. So wurde etwa die Fotografin Inge Morath, die in den USA feinstoffliche Fotos machte von Marilyn Monroe und Arthur Miller bei den Dreharbeiten zu Hustons Film «The Misfits», später Millers Frau. Das Spielerische bei allem Recherche-Fleiss macht diesen Kulturreigen nicht nur lehrreich, selbst für Kenner der Porträtierten, sondern die Lektüre höchst vergnüglich. Hertig hat ein Flair für Porträtskizzen; für diverse Querbezüge sowieso, als «interdisziplinärer» Geist. Er hätte diese auch knüpfen können, ohne öfter darauf hinzuweisen, dass dieser oder jener Exkurs dazu noch folge. Man folgt Hertig wie einem Kultur-Verknüpfer, überrascht, amüsiert, angeregt, seine Schilderungen selber zu erweitern. Auch das bietet das Buch, indem bei den betreffenden Passagen QR-Codes abgedruckt sind, mithilfe derer man sich sofort per Handy weiteres Hintergrundmaterial – etwa aus Youtube – vor Augen führen kann. Aus irgendeinem Grund sind solche «Crossover-Bücher» dünn gesät. Hier haben wir wieder mal eins von ungewöhnlicher Qualität. Max Dohner