Der 62-jährige Basler Claude Cueni ist einer der bekanntesten Autoren der Schweiz – und einer der produktivsten. Er hat über fünfzig Drehbücher für Film und Fernsehen geschrieben, zahlreiche Theaterstücke, Hörspiele und Romane verfasst und schreibt für den Blick die Kolumne «Geschichte». Mit «Cäsars Druide» gelang ihm 1998 ein internationaler Erfolg.
Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit war Cueni 15 Jahre lang CEO der von ihm gegründeten «Black Pencil AG», die mit dem Anti-Aids-Game «Catch the Sperm» 2001 einen Welthit landete. Seit 2010 leidet der Autor an Leukämie. Trotzdem hat er seither acht weitere Bücher herausgebracht. Woher er diese Schaffenskraft nimmt, und wieso sein neuster Roman im Casino-Milieu angesiedelt ist, erklärt Cueni im Gespräch inmitten der Spielautomaten des Casino Basel.,

Herr Cueni, Ihr neustes Buch «Der Mann, der Glück brachte» spielt im Casino. Sind sie ein Spieler?

Claude Cueni: Nein. Als Teenager begleitete ich den Dramatiker Heinrich Henkel auf seinen Casino-Touren quer durch Frankreich. Ich war sein Sekretär und musste an den Spieltischen die geworfenen Zahlen notieren. Die Welt der grossen Casinos zwischen Baden-Baden und Monte Carlo hat mich immer fasziniert. Man trifft dort ein breites Spektrum an skurrilen Persönlichkeiten, gescheiterte Existenzen, arabische Scheichs mit ihren Dienern, gefallene Engel an der Bar, Glücksritter und abergläubische Spinner. Ich sammle Gesichter, Dialoge, Szenen, aber ich spiele nicht. Henkel war überzeugt, dass er am Roulette-Tisch Millionär werden wird.

Und haben Sie das auch geglaubt?

Natürlich nicht. Ich habe ja ein Faible für Mathematik. Der einzige Weg, im Casino Millionär zu werden, ist, wenn man als Milliardär reingeht. Mein Chef war nach einigen Jahren verschuldet und bankrott.

Aber nicht wegen Ihnen, oder?

Nein, das war später, als die Casinos Digitalanzeigen über den Tischen hatten und er alleine durch Europa tingelte. Ich hatte ihm stets gesagt: ’Was glaubst du eigentlich, wer all diese teuren Casino-Bauten finanziert? Menschen wie du, die glauben, sie hätten ein System gefunden.’ Meine Faszination für alle Formen von Glückspielen und Lotterien blieb aber erhalten. Auch in meinem Roman «Das grosse Spiel» geht es um das zeitweise verbotene Faro, den Vorgänger des Roulettes zur Zeit des Sonnenkönigs. In den Neunzigerjahren habe ich dann Computerspiele für Lotteriegesellschaften und Casinoautomaten entwickelt und produziert.

In ihrem Roman kommt der Direktor der Lotteriegesellschaft, nicht besonders gut weg. Beim Banküberfall, bei dem der Hauptdarsteller Lukas Rossberg schwer verletzt wird, scheint er eine dubiose Rolle gespielt zu haben. Steckt in dieser Figur eine Kritik an der Lotteriegesellschaft?

Nein, Geschichte und Figuren sind hundertprozentig fiktiv. Ich habe mit Lotteriegesellschaften nur gute Erfahrungen gemacht. Aber ich weiss natürlich, wovon ich rede.

Gibt es weniger fiktive Aspekte?

Nach den Schussverletzungen im Casino verbringt Rossberg sieben Jahre in einem Universitätsspital, einen grossen Teil davon im Wachkoma. Der Roman setzt dort ein, wo er die Klinik wieder verlassen kann und feststellt, dass sich sein ganzer Bekanntenkreis aufgelöst hat. Auch ich habe im Koma gelegen, wenn auch nie im Wachkoma, aber ich kenne die Schwierigkeit, da draussen wieder Fuss zu fassen.

Ihr Roman beschäftigt sich nebst dem Spielglück auch mit dem Lebensglück. Sind sie glücklich?

Seit der leukämiebedingten Knochenmarktransplantation im Januar 2010 trotze ich den schwerwiegenden Nebenwirkungen und Spätfolgen, aber ich lebe immer noch und bin sehr glücklich darüber. Ich habe auch das Glück, eine grossartige Frau zu haben. Wir lernten uns im Herbst 2009 in Hongkong kennen, da war ich noch topfit. Als sie erstmals in die Schweiz kam, war ich ein körperliches Wrack und lag bereits auf der Isolierstation. Im Unispital sagen sie mir oft: Ihre Ehefrau ist die beste Medizin. Am Anfang habe ich das nicht geglaubt. Aber heute weiss ich, es ist tatsächlich so. Auch die Zuneigung meines Sohnes und meiner Schwiegertochter sind für mich eine enorme Motivation.

Was ist wichtig für das Glück?

Entscheidend ist nicht, wie viele erfolgreiche Bücher Sie geschrieben haben, sondern was Sie für andere Menschen getan haben.

Aber gerade Ihre Bücher haben doch vielen Menschen Mut gemacht.

Nach meinem autobiografischen Roman «Skript Avenue» erhielt ich weit über hundert Mails von Leuten, die mir mitteilten, sie hätten beim Lesen nicht nur abwechselnd gelacht und geweint, sondern neuen Mut geschöpft. Und bei «Das Gold der Kelten» hat mir einmal ein junger Spastiker aus Mexiko gemailt, dass die Figur des keltischen Spastikers ihm das Selbstbewusstsein zurückgegeben und er einen Job gefunden habe. Ich hatte nie die Absicht Romane zu schreiben, die Mut machen. Aber rückblickend sind tatsächlich alle meine Romane Mutmacher.

Wie gehen Sie beim Schreiben vor?

Früher habe ich Romane wie Drehbücher geschrieben und jeweils eine Exceltabelle erstellt. In der linken Spalte waren die Figuren aufgelistet, in der obersten Zeile die Zeittafel. Aber nach etwa 50 Seiten entwickelten die Figuren ihr Eigenleben und ich habs dann aufgegeben mit den Excel-Tabellen. Heute entwickle ich die Geschichten im Kopf und kann sie dann wie ein Sekretär niederschreiben. Ich habe noch nie ein weisses Blatt angestarrt. Beim neuen Roman hatte ich ursprünglich gleichzeitig noch zwei andere Romane in Arbeit. So nach etwa 20 bis 50 Seiten weiss ich dann, welcher Roman das Rennen macht. Der jetzige Roman war zuerst dritte Wahl.

Was war der Grund, warum er dann aufgeholt hat?

Es war wahrscheinlich die Szene im Brockenhaus mit den Spazierstöcken und den Elastolin-Hühnern. Mein Sohn, der immer mein erster Leser ist, las sie, und sagte, da musst du dran bleiben. Ich vertraue seinem Urteil.

In ihrem Roman kommen viele Basler Orte vor. Das Papa Joes, die Bahnhofpassarelle. Ein Stadtroman?

Man muss sich an einem konkreten Stadtplan orientieren, damit die Distanzen stimmen. Ich kenne Basel sehr gut, ich habe hier als Teenager in unzähligen Mansarden gelebt und zwei Dutzend Gelegenheitsjobs gemacht, um Stoffe für meine Romane zu finden.

Sie haben die Jobs nach der Originalität ausgewählt?

Ja, die besten Stoffe findet man nicht im Elfenbeinturm. Und Basel hat eine grossartige Geschichte.

Sind Sie ein leidenschaftlicher Basler?

Ich liebe das keltische Basel, die Stadt im Mittelalter, und ich begegne an jeder Strassenecke einem Stück Biografie. Mein Lieblingsort bleibt die Pfalz, der Rhein und der Säulenhof des Staatsarchivs.

Seit wann schreiben Sie?

Als 14-Jähriger habe ich französische Gedichte geschrieben. Mit 15 habe ich für Jugendzeitschriften Kurzgeschichten geschrieben. Ich konnte aber nur eine verkaufen, dem Magazin «Spick». Ich habe frühzeitig die Schule abgebrochen und habe mein Elternhaus verlassen, um Schriftsteller zu werden. In diesem Alter ist man ziemlich naiv und risikofreudig zugleich.

Aber es hat funktioniert.

Ich hatte nie einen Plan B. Ich dachte immer, entweder klappt es, oder ich gehe unter. Ich wollte nie etwas anderes machen, als Geschichten erzählen. Es gibt zwar Unternehmer, die behaupten, sie hätten keinen Plan B ...

Den Unternehmern glauben Sie es aber nicht.

Nein. Ein CEO, der sagt, er habe keinen Plan B, sollte noch am gleichen Abend zurücktreten.

Hat Ihnen das Schreiben geholfen, die schwere Zeit zu bewältigen?

Ja, sicher, wir rechneten alle mit meinem baldigen Tod. Und da schrieb ich wie im Rausch die 890 Seiten von «Script Avenue», die dann in gekürzter Form auf den Markt kamen. Aber Geschichtenerfinden war von klein auf eine Art Zwangserkrankung.

Könnte man diese «Zwangshandlung» nicht auch Fantasie oder Kreativität nennen?

Wenn Sie die kreativen Prozesse nicht mehr steuern oder beenden können, dann ist es wie bei einem Wasserrohrbruch. Sie können am Hahn drehen wie Sie wollen, es läuft und läuft.

In welchem Zusammenhang steht ihre immense Produktivität der letzten Jahre mit der Krankheit?

Mein Immunsystem wird ja seit Januar 2010 medikamentös unterdrückt, damit es zu keinen weiteren Organ-Abstossungen kommt. Ich habe seitdem kaum die Wohnung verlassen. Was sollte ich also tun? Den Pflanzen Wasser geben, bis alle ersoffen sind? Es ist einfacher, sich auf eine Ägyptenreise im 19. Jahrhundert zu begeben oder sich an Bord von Magellans Schiff mit dem Chronisten Pigafetta zu unterhalten. Dann denkt man nicht darüber nach, wie die nächste Nacht verläuft. Aber seit einigen Wochen habe ich eine neue Therapie und weniger Medikamente. Ich fühle mich wesentlich besser und kann endlich wieder reisen, in ein Strassencafe sitzen oder im Wald spazieren gehen. Grossartig!

In den Wald raus gehen wir nicht nach dem Interview, aber in den Dschungel des Spielcasinos. «Du spielst nicht, oder?» fragt Cuenis Frau Dina Ariba ihren Mann, als wir auf der Rolltreppe ins Spielcasino stehen. «Nein, nein, sicher nicht.» lacht er, «ich spiele nie.» An den leuchtenden Automaten vorbei kommen wir zum Roulette. «Worauf soll ich setzen?», frage ich ihn. «Auf Rot», rät Cueni. Ich gewinne. «Und jetzt?» «Auf Ungerade», rät Cueni. Ich gewinne. Nach 14 Franken Gewinn verlassen wir das Casino. Claude Cueni: Der Mann, der Glück brachte.

Claude Cueni
«Der Mann, der Glück brachte».
278 Seiten. Lenos Verlag.