Serie: Schweizer Lyrik

Emmy Hennings: Geborgenheit im tiefsten Schacht

Emmy Hennings betörte mit ihrer Schönheit und Vielschichtigkeit.

Emmy Hennings betörte mit ihrer Schönheit und Vielschichtigkeit.

Emmy Hennings (1885-1948) war der Stern der Zürcher Dada-Szene und lässt im Gedicht «Mädchen am Kai» in persönliche Abgründe blicken.

Emmy Hennings, das war die quirlige Dadaistin, die im Zürcher Cabaret Voltaire die Zuschauer und Kritiker begeisterte und ihren Künstlerkollegen den Kopf verdrehte. Das Bild ist nicht falsch, aber einseitig. Hennings hatte als Wanderschauspielerin harte Zeiten erlebt. Aus dem Varieté-Milieu war sie, getrieben von Hunger, Obdachlosigkeit und Morphinsucht in die Prostitution abgeglitten und zweimal im Gefängnis gelandet.

«Mädchen am Kai» von Emmy Hennings

«Mädchen am Kai» von Emmy Hennings

  

All diese Erfahrungen hat sie als Romanstoff verwendet. Weder Abrechnung noch Klage, zeugen diese Bekenntnisse eines empfindsamen Ich von einem liebevollen Blick auf die Welt – einschliesslich der Gosse und des Knasts. Stets behält die Prosa etwas Kindlich-Unbeschwertes, sodass man Gefahr läuft, die unterliegende Verzweiflung zu übersehen.

Kein komplettes Wrack

In ihrem Gedicht «Mädchen am Kai» kommt Hennings Not in drastischer Verdichtung zum Ausdruck. Charakter muss man sich leisten können. «Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral», wie Brecht zehn Jahre später trocken festhielt. Der Hunger treibt die Sprecherin auf die «Lunger» – eine treffende Wortschöpfung für das ungehörige Herumsuchen nach einer Einnahmequelle auf der Gasse.

Eine Kunst, die allein nach dem Brot geht, spottet ihrer Bezeichnung. Das weiss auch das Mädchen und schämt sich. Ihre «Kunst» besteht darin, sich selbst am Hafen für ein paar Batzen zu verkaufen. Das macht müde und «lendenlahm»! Nach diesen Zeilen der Klage und Selbstanklage relativiert sich das Bild. Die Sprecherin ist immerhin kein komplettes Wrack und hat ihre Reize nicht eingebüsst. Die Zähne sind gesund und «mein Mund ist rot».

Der Rest ist Gebet. «Madonna, lass mich fallen in tiefen Schacht.» Das erscheint zunächst als eine Bitte um Erniedrigung, um Bestrafung durch den totalen Absturz. Doch verbunden mit dem Wunsch nach Behütung könnte gemeint sein: Muttergottes, zieh mich von dieser elenden Welt herunter, um vor ihr geschützt zu sein. Die beiden Schlusszeilen zeugen von kindlich-katholischer Zuversicht: Sie hat gebüsst und also Vergebung verdient. Da drückt die mysteriöse Leichtigkeit durch, mit der Hennings durch ihre belastende Vita zu schweben scheint.

Verwahrlostes Typoskript

Das Gedicht mag privat anmuten. Doch Hennings machte in ihrer Not auch diese Kunst zu Brot. Im Jahr 1916 tippte sie einige Gedichte hastig auf lose Blätter, die sie in selbst gebastelte Umschläge steckte und im Zürcher Cabaret Voltaire für wenig Geld verkaufte.

Die Version aus einem erhaltenen Heft weicht von unserem geglätteten Text ab, wie er 1922 in der «Prager Presse» erschien. Das Typoskript ist unordentlich und voller Tippfehler, und versinnbildlicht so die Verwahrlosung der Sprecherin. «Hab keinen Karakter», beginnt das Gedicht mit einer Rechtschreibung, welche die Alliteration grafisch verstärkt und ans teutonische «Kai» des Titels anknüpft. Und, kann man sterben «wol» vor Scham, wird gefragt. «Wohl», aber vielleicht auch «wollen». Ob Scham suizidal machen kann?

Im Typoskript geht es auch nicht um ein soigniertes «Brod», das an Hölderlins Abendmahlsbeschwörungen erinnert, sondern um nährendes, hartes «Brot». Nach dem Schacht, der vom tiefen zum «tiefsten» wird, kommt ein Abstand – als wollte die Dichterin einen Moment in der Selbsterniedrigung ausharren, bevor sie sich zu ihrer zuversichtlichen Bitte durchringt.

Hier wie dort ist die Sprecherin ein «Passagier im Zwischendeck des Lebens». Ein poetisches Bild, das im Nachhinein treffend erscheint. Vorbei war Hennings unbeschwerte Kindheit und frühe Karriere, und später, mit Hugo Ball in Tessin, sollte sie wieder in ein würdevolles Leben finden. Doch gegenwärtig irrte sie durch ein trostloses Leben, in dem sie sich fast selbst abhandenkam. Auch wenn es keiner merkte.

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