Die Korrespondenz entstand vor allem im Zusammenhang mit einem Schweizer Ferienaufenthalt, den der damals 56-jährige Ballmer und seine Frau im Sommer 1948 den Kindern Gurlitts, Cornelius und Renata, ermöglichte. Beim jungen Cornelius handelt es sich um den Mann, der als 78-Jähriger 2010 nach dem Verkauf eines Bildes in der Schweiz mit 9000 Franken in der Tasche vom deutschen Zoll aufgegriffen wurde, was den ganzen «Fall Gurlitt» ins Rollen gebracht hat.

Der Aarauer Karl Ballmer lebte seit 1922 in Hamburg und gehörte dort zur Künstlervereinigung der Hamburger «Sezession», die sich 1933 unter dem Druck des nationalsozialistischen Regimes auflöste. Gurlitt hatte Ballmers Schaffen 1935 eine Ausstellung gewidmet. Ballmer kehrte drei Jahre später wegen des gegen ihn verhängten Malverbots und der Bedrohung seiner jüdischen Frau in die Schweiz zurück, wo er 1939/40 in Basel lebte und dann ins Tessin weiterzog. 1939 war er am Rande am bekannten Ankauf der «Entarteten» durch das Basler Kunstmuseum beteiligt.

Zu seinem Wegzug ins Tessin schreibt er in den jetzt zugänglichen Briefen mit Anspielung wohl auf den Lärm von Kriegsflugzeugen: Das Motorengebrumm in Basel habe ihn veranlasst, ins Tessin zu ziehen, zunächst nach Melide, später nach Lamone, fünf Bahnminuten von Lugano entfernt, «ein Häuschen mit Atelier».

Maler und Schriftsteller

Ballmer war mit seinen Einkommensverhältnissen einigermassen zufrieden: «Wir schlängeln uns finanziell durch die Gegend», es sei aber keine Kleinigkeit, rund 100 000 Reichsmark verloren zu haben. Es war von zwei Liegenschaften in Deutschland die Rede. Eine mussten die Ballmers auf Nazidruck 1941 verkaufen, mit dem bescheidenen Erlös konnten sie ihr Häuschen im Tessin bauen.

Das zweite Haus warf etwas Zins ab. Einige tausend Franken hatte er an die Druckkosten seiner eigenen Publikationen bezahlen müssen. Aus welchen Gründen auch immer, dachte Ballmer daran, ein Selbstporträt zu verkaufen. Gurlitt ermunterte ihn dazu, sofern er 1200–1000 Franken bekäme, er solle es doch bei Klipstein Bern – «einem alten Bekannten» – versuchen und sich auf ihn berufen.

Der Maler Ballmer war damals vor allem Schriftsteller. Mit seiner «Zweigleisigkeit», wie er sie nannte, war er aber eher unglücklich. Er habe mit den Schriften seriöse Erfolge bei Menschen, die mit Kunst absolut nichts zu tun hätten. Und gegenüber Kunstfreunden müsse er geradezu verheimlichen, dass er auch schriftstellerisch tätig sei. Wie sich seine Arbeiten damals verteilten, zeigt der Satz: «Ich habe viel geschrieben und einiges gemalt.» In der Schweiz fehlte ihm das inspirierende Klima; er habe nur mit wenigen Malern Kontakt. «Es fehlt hier an Vermittlern von geistigem Niveau, die Enthusiasmus erzeugen und verbreiten können.»

Einmal erklärte Ballmer dankbar, Gurlitts Brief wirke auf ihn wie vom Heiligen Geist angeweht. Im Schreiben vom Dezember 1947 heisst es: «Ihr Brief regte mich sehr an, wieder einmal ans Malen zu denken. Ich arbeite wie ein Pferd – an der Schreibmaschine; wenn ich das Gröbste hinter mir habe, hoffe ich mehr ans Malen zu kommen. Sich absolut isoliert fühlen, ist doch nicht die rechte Stimmung zum Produzieren.»

Dem Künstler war bewusst, dass, wer in der Schweiz lebte, bezüglich der Befriedigung der Alltagsbedürfnisse sehr zufrieden sein konnte. Das geistig-gesellschaftliche Klima behagte ihm aber gar nicht. Er komme sich emigriert und absurd vor «im helvetischen Traumland». Er distanzierte sich «kräftig» von einer «neutralen oder sonstigen Überheblichkeit», man werde in «Neutralien» noch einsehen lernen, wie sehr seine Existenz in Europa vom Schicksal Deutschlands abhänge.

Einmal bezeichnete er sein Land als «Europas Puppenstube». Eigentlich seien «wir Eidgenossen» neidisch. Wenn wir doch wenigstens auch einmal etwas Ernsthaftes erleben könnten, rein seelisch natürlich. Wir – im Museum – ersticken vor geheiligter Tradition.» Für einen Teil des Fremdseins in der ehemaligen Heimat sah er sich aber auch selber verantwortlich mit der Neigung, «den Deckel zum Schneckenhaus» von innen verschliessen zu wollen.

Geschenke an die Gurlitts

Ballmer war mit Rudolf Steiner befreundet und selber Anthroposoph. Steiner würdigte er als «grössten Mann in Jahrtausenden – und ein Deutscher dazu». Gegenüber der Odenwaldschule, wo Gurlitts Kinder untergebracht waren, hatte Ballmer Vorbehalte. Ihn störte vor allem, dass man die Lehrer per «Du» ansprechen müsse, und bemerkte: «Wir, ich meine in Aarau als Schuljungen hätten dies aus Geschmacksgründen ablehnen müssen», obwohl man in Aarau auch Demokrat gewesen sei.

Die Odenwald-Sache sei überhaupt eine ziemlich finstere Sache. Ballmer hoffte, mit Gurlitts Hilfe wieder in Deutschland ausstellen zu können. Im April 1947 schickte er eine Kiste mit drei Bildern für die bereits eröffnete Sezessionsausstellung an die Hamburger Kunsthandlung Bock. Das war ihm so wichtig, dass er in Kauf genommen hätte, wenn die Bilder auch erst nach Schluss der Ausstellung gezeigt würden. Die Kiste wurde in Basel von den Franzosen zwei Monate zurückbehalten. Ballmer liess sie dann zurückspedieren, obwohl er die Transitbewilligung schliesslich erhalten hatte. Im Februar 1947 hatte Gurlitt ihn ermuntert, Fotos und Bilder zu schicken: «Ich würde dann alles tun, eine Rundreise von Ausstellungen vorzubereiten.»

In diesen Jahren versorgte Ballmer die Gurlitts regelmässig mit Liebesgabenpaketen. In den Briefen wurde, damit die Empfänger die korrekte Ankunft überprüfen konnten, jeweils genau aufgeführt: im März 1947 zum Beispiel Schokolade, Reis, Tee, Seife, Pflanzenfett, Trockenmilch, auch eine Dose mit 250 Gramm Zunge. Im September wandte sich Frau Gurlitt an Frau Ballmer mit einer langen Liste von Dingen, unter anderem Schuhbändel oder Nähzeug, wovon «in ganz Deutschland seit Jahren» nichts aufzutreiben sei. Da man alle Sachen jetzt mehr denn je flicken müsse, würde man diese nötiger haben denn je.

Geistig und körperlich intakt

Ballmer hatte Gurlitt schon im April 1946 für dessen Kinder ein «erholendes Ferienwochenidyll» angeboten. Vater Gurlitt nahm das Angebot, «einmal Schweizer Luft zu atmen», dankend an. Es dauerte über zwei Jahre, bis diese Ferien zustande kamen, nachdem alle Formalitäten erfüllt waren. Die einfachste war die Bewilligung durch den Bürgermeister von Ballmers Wohngemeinde. Mit dem amtlich beglaubigten Einladungsschreiben erhielt er in Deutschland das benötigte Schweizer Visum.

Auf der deutschen Seite war zum Beispiel die Bewilligung des Antrags der örtlichen Militärbehörde beim Alliierten Kontrollrat in Berlin nötig.

Sohn Cornelius war 14, Tochter Renate 12. Der Vater über sie: «Sie sind völlig selbstständig, willig anspruchslos und fügen sich überall ein.» Beide seien geistig und körperlich völlig intakt. Der Junge sei allerdings so dünn, dass er als Unterernährter in der Schule Zusatznahrung bekomme. Und sie seien «voller begreiflichen Misstrauens gegen den Weltenplan, aber sehr bereit, «endlich einmal wirklich fröhlich zu sein».

Gurlitt hatte überhaupt keine Bedenken, die Kinder alleine in die Schweiz reisen zu lassen. Auch beim Umsteigen in Basel könnten sie sich schon alleine durchschlagen. «Wer in Deutschland alleine reisen kann, kann es bestimmt auch in der Schweiz, hier ist es eine Art Kampf auf Leben und Tod.» Und in Lugano, da würden die beiden kleinen Leute bis zur Lokomotive gehen und dort warten, ob wer komme. Erst wenn der Zug eine Weile fort sei, würden sie sehen, wie sie weiter nach Lamone kämen. Wegen des Italienischen könnte es allerdings Verständigungsprobleme geben.

Etwas Sorgen bereitete Gurlitt, dass man den deutschen Kindern wegen herrschender Deutschfeindlichkeit keine Auskunft geben könnte. Anfang August 1948 kamen die Kinder jedoch wohlbehalten an ihrem Ferienort an. Karl Ballmer schrieb im September 1948, die Kinder seien munter, sie würden essen, an «Lebendgewicht» zunehmen, und es gebe deutliche Zeichen von progressivem Wachstum. Auf Schulbeginn im Herbst gingen die schönen Tage im Schweizer Paradies zu Ende.