neue Präsident der Arbeitsgemeinschaft Solothurnischer Jugendverbände

«Einzelne Projekte reichen nicht»

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Ein Jugendzentrum in Solothurn und mehr Hilfe vom Kanton fordert der neue Präsident der Arbeitsgemeinschaft Solothurnischer Jugendverbände, Matthias Weber. Er kritisiert das Präventionsprogramm des Bundesrates, gibt aber zu, dass die Möglichkeiten von Cevi und Co. auch begrenzt sind.

Von Patrick Furrer

Matthias Weber, neigen in Verbänden integrierte Jugendliche weniger zu Gewalt als andere?

Matthias Weber: Das ist zu schwarz-weiss gemalt. Als Jugendarbeiter habe ich das Gefühl, dass junge Leute, die schon einmal in einem Team waren und wissen, worauf man in einer Gemeinschaft achten muss, auch vom Konfliktpotenzial her tiefer einzuschätzen sind als andere. Aber das heisst nicht, dass weniger erfahrene das nicht auch können. Ich glaube, dass Jugendliche in ihrem Innern Konflikte friedlich abhandeln möchten. Davon bin ich überzeugt.

Sie sind nicht nur Arbeitsgruppenpräsident, sondern auch Jugendarbeiter. Was treibt denn die Jugendlichen trotzdem zu aggressivem Verhalten?

Matthias Weber: Beispielsweise, wenn sie schon in ihren Familien oder im Kollegenkreis erleben, dass bei einem Konflikt rasch Gewalt angewendet wird. In der Familie fängt es eben an. Und es braucht Zeit und Energie, um als Eltern hinzustehen und sich zu fragen: Wie ist das jetzt für mein Kind? Kann es damit umgehen?

Fehlt der Jugend der Rückhalt?

Matthias Weber: (überlegt lange) Ich denke ja. Und dabei mache ich keinen Unterschied zwischen öffentlich und privat, das gehört für mich alles zur Gesellschaft dazu. Der wichtigste Punkt ist für mich zwar, dass nicht nur die Erwachsenen den Jungen helfen, sondern, dass sich die Jugendlichen gegenseitig unterstützen. Es braucht aber Erwachsene, die bereit sind, ein Gefäss bereitzustellen.

Ein Gefäss?

Matthias Weber: Angebote wie Räumlichkeiten, Geld oder mehr personelle Unterstützung durch Jugendarbeiter. Es darf deshalb nicht sein, dass Beiträge für Jugendverbände oder unsere Arbeitsgemeinschaft gekürzt werden. Das sind immens wichtige Gelder, damit wir die bestehende Arbeit aufrechterhalten können. Hier haben die Gesellschaft, die Politik und die Erwachsenenwelt einen Auftrag.

Einen, den sie zu wenig wahrnimmt?

Matthias Weber: Ein Auftrag, den man noch ausbauen könnte, ja.

Die Jugendverbände schreiben sich selber eine tragende Rolle in der Gewaltprävention zu. Prävention ist aber kaum messbar oder spürbar.

Matthias Weber: Prävention hat Grenzen, und zwar, wenn sie nur von einer Stelle aus passiert und die praktisch alles im Alleingang erledigen muss. Prävention macht nur Sinn, wenn man eben als ganzes System dahintersteht und auch das Ganze thematisiert. Es gibt sehr viele Ursachen und Faktoren, die zu Jugendgewalt führen können. Bei einer solchen Masse bräuchte es eine ebenso grosse Masse Gegenmassnahmen. Einzelne Projekte reichen nicht. In Langenthal wurde beispielsweise einmal eine Charta entwickelt, und alle Vereine, auch Sportvereine, machten mit. Dort hiess es zum Beispiel, dass das erste Getränk nach dem Sport kein alkoholisches sein soll. Das brauchen wir noch viel mehr. Dass beispielsweise die Jugendarbeit und die Jugendverbände mit dem Kanton und der Jugendarbeit Altes Spital sowie Eltern zusammensitzen und sagen: So, jetzt machen wir einmal diese Masse an Gegenbewegungen. Dennoch muss ich auch zugeben, dass sich in den letzten Jahren die Jugendarbeit im Grossen und Ganzen auch verbessert hat.

Das erscheint mir nicht logisch, wenn man an die zunehmende Gewalt unter Jugendlichen denkt ...

Matthias Weber: Man darf eben nicht das Gefühl haben, dass bei Prävention schon in zwei, drei Jahren etwas herausschaut. Das braucht Zeit, es kommt aufs Zielpublikum an, und die Massnahmen müssen reifen.

Würden Sie als Präsident der Arbeitsgemeinschaft Solothurnischer Jugendverbände behaupten, dass der Kanton noch Nachholbedarf hat?

Matthias Weber: Ja. Aber die Frage ist auch, was und wie man etwas unternimmt. Da komme ich wieder auf die Gefässe für die Jugendlichen zurück. Angebote, bei denen Erwachsene sie unterstützen, ihr Konfliktpotenzial anders auszuleben. Ich denke, solche Angebote gibt es nach wie vor zu wenig.

Und der Kanton müsste mehr Geld investieren?

Matthias Weber: Wir, alle, brauchen mehr Mittel, klar.

Wenn Sie frei wählen könnten: Wen würden Sie worum bitten?

Matthias Weber: Ich würde zum Beispiel zur Stadt Solothurn gehen und fragen, ob wir nicht eine Firma, die wir nicht mehr brauchen, in ein grosses Jugendzentrum umnutzen können. Dort könnten Räume für Kunst, Musik oder auch Konzerte entstehen. Die Kulturfabrik Kofmehl ist hier nur für quasi die letzte Meile zuständig, für das eher Professionelle. Aber die eigentliche Jugendarbeit fängt früher an, schon bei 10-Jährigen. Wo sollen solch junge Musikgruppen zu einem Auftritt kommen? Mein grösstes Anliegen und meine wichtigste Forderung wäre deshalb ein gemeinsames Jugendzentrum.

Ein solches Jugendzentrum wurde schon früher gefordert. Was tut sich diesbezüglich?

Matthias Weber: Wenig. Es gibt zwar einen neuen Verein unter dem Musikpädagogen und Bezirksschullehrer Bjarne Fries, der zusammen mit der kantonalen Jugendförderung gezielt nach Bandräumen für Jugendliche sucht. Aber wiederum sind es Akteure, die schon aktiv sind, die etwas in Gang bringen müssen.

Wie sicher sind Sie, dass die Stadt mit einem Jugendzentrum letztlich auch etwas unternehmen könnte, um Konflikten und Gewalt unter Jugendlichen entgegenzuwirken?

Matthias Weber: Ich bin davon überzeugt. Es ist die Meinung aller Schweizer Jugendverbände, dass dort, wo Jugendliche in Gruppen dabei sind und konstruktive Aktivitäten gefördert werden, auch das Gewaltpotenzial einfach viel weniger gross ist.

So viel zum Standort Solothurn. Das wird aber kaum reichen. Wie viele Jugendzentren bräuchte die Region?

Matthias Weber: Eine Umfrage der Jugendarbeit plugin2 hat gezeigt, dass Teenager heute sehr mobil sind. Ich denke deshalb, es reicht, wenn in den Städten und/oder grösseren Ortschaften Angebote bestehen.

Womit wir darauf zurückkommen, dass Sie sich eigentlich eine flächendeckende Lösung wünschen.Wäre das etwas, was Sie sich analog zur Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft der Jugendverbände (SAJV) vom Bundesrat wünschen würden - dass er das Präventionsprogramm nochmals überdenkt und die Jugendverbände miteinbezieht?

Matthias Weber: Daran glaube ich. Ganz stark.

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